„Home“ von Geoff Sobelle bei den Ruhrfestspielen

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Ein gemeinsames Essen, eine Party? Das Theaterprojekt „Home“ von Geoff Sobelle ist ein Physical Theatre fast ohne Worte. Im Großen Haus der Ruhrfestspiele war ein sentimentales Kaleidoskop mit Schauspielern und Publikum zu erleben.

RECKLINGHAUSEN Das wirklich Spannende beim Fenstergucken ist nicht, zu sehen, wie andere Leute wohnen. Es ist die Vorstellung von sich selbst, wie man sich, fremd in einem anderen Leben, in den unbekannten Räumen bewegt und dort tut, was Menschen tun: einziehen, ausziehen, putzen, feiern. Aufstehen, Toilettengang, Zähneputzen: Alltagsdinge formt „Home“ bei den Ruhrfestspielen zu einem fast zweistündigen Theaterabend.

„Home“ ist ein Projekt des US-Amerikaners Geoff Sobelle, der Physical Theatre macht: Theater fast ohne Worte und ohne eine durchgehende Handlung. Er entwirft ein sentimentales Kaleidoskop der Dinge, mit denen jeder etwas anfangen kann. Das berührt und begeistert im großen Saal des Festspielhauses.

„Home“ teilt sich in zwei (Regie: Lee Sunday Evans): Im ersten Teil entfaltet sich das Heim wie eine Aufklapp-Puppenstube. Das ist bezaubernd gemacht, mit ganz einfachen Mitteln, was den Charme erst ausmacht. Ein zuvor umständlich mit Plastikfolie betackerter Holzrahmen wird weggeschoben, dahinter taucht wie hingezaubert ein Bett auf. Simsalabim, aus dem Bühnendunkel erscheint eine Tür. Die sparsame Lichtregie gibt dem die Anmutung von Zaubertricks (verantwortlich: Christopher Kuhl)

Ein Kinderzimmer soll das sein, das erste Heim, das ein Mensch hat. Ins Bett steigt ein Mann (Geoff Sobelle), heraus kommt ein Junge (der 13-jährige Dortmunder Schauspieler Nuridin Lötscher als Gast im US-Ensemble). Der Junge wird ins Bett gebracht, wehrt noch einen Gutenachtkuss der Mutter (Sophie Bortolussi) ab. Aus dem Bett wieder heraus klettert dieselbe Frau, noch halb festgehalten wieder vom erwachsenen Mann. Vor der Tür steht plötzlich eine ältere Dame (Ching Valdes-Aran), die sich wiederum müde hinlegt. Ein Bett kann auf verschiedenerlei Arten Zuhause sein.

Ebenso wie durch Zauberhand entfaltet sich ein ganzes Haus (Bühne: Steven Dufala). Holzrahmen lassen sich hier- und dorthin klappen. Eine Tür öffnet sich und verschließt zugleich ein anderes Zimmer. Bauarbeiter reichen Kartons an, dann den Jungen. Die Zimmer werden zugleich von vielen bewohnt. Alltagshandlungen überlagern sich. Ein Karussell von Darstellern steigt in die Dusche, benutzt das Klo, putzt die Zähne. Die Menschen und Szenen wechseln, das Haus bleibt Rahmen und stiller Zeuge.

Der zweite Teil ist Mitmachtheater, geschickt eingeleitet, so dass man sich zunächst noch fragt, ob das abgesprochen war. Zuschauer werden nach oben geholt und müssen sich spontan streiten, ein „Baby“ knuddeln oder eine Party geben.

Das Haus erlebt sich überlagernde Partys: eine für Uniabsolventen, einen Geburtstag. Eine Band spielt „Auld lang syne“, offenbar sind wir in eine Neujahrsnacht gerutscht. Ein Sensenmann geht vorbei, ein Wikinger. Kostüme tauchen auf und werden wieder abgelegt. Die Gäste aus dem Publikum zu steuern ist eine logistische Riesenleistung. Nach und nach ist zu sehen, dass auf den Requisiten Zettel mit Anleitungen kleben. Nuridin Lötscher flüstert den Laien Anweisungen zu. Aber auch wer sitzt, wird beteiligt: Ching Valdes-Aran reicht Sekt, und das Publikum muss Lichterketten weiterreichen, die über dem Zuschauerraum schweben wie ein Zirkuszelt.

Der große Rahmen ist das Haus, das sich in den Zuschauerraum öffnet. Aber weil ein Stück auch einen roten Faden braucht, um nicht in Improvisation zu zerfallen, wandert der Singer/Songwriter Elvis Perkins mit folkigen Songs wie ein Fernreisender mit Ukulele oder Mariachigitarre auf die Szene, ein Kommentator des Irrealen. Er singt von Alltagsmagie, dem Glauben ans Leben und an die kleinen Dinge.

Das Stück kreist wie Bilder aus einer Laterna Magica: zauberhaft, verträumt und wiedererkennbar. Man kann es sich bequem machen. Es sei denn, man muss auf die Bühne.

Edda Breski

Quelle: wa.de

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