Die Sammlung der Sparkasse Wuppertal im Von-der-Heydt-Museum

Mit der Kunstgeschichte spielt der niederländische Maler Rob de Vry in seinem Gemälde aus der Serie Draperien. Links Detail aus Carlo Crivellis „Thronender Maria mit dem Kinde“, rechts aus Max Slevogts „Unter den Linden“. Fotos: Museum

Wuppertal – Am großen Treppenaufgang verströmt der „Red Rain“ von Christian von Grumbkow seine ätherische Farbwirkung. Zwei Quadrate übereinander ergeben eine abgründige Wand aus roten Schlieren. Das Auge sucht Halt, man denkt an eine glosende Höhle, eine nächtliche, neonbestrahlte Straße. Aber natürlich wurden hier einfach nur Farbschichten übereinandergeschüttet, mit Pinsel und Rakel bearbeitet.

Das Werk von 2008 macht sich gut im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal. Aber normalerweise hängt es in der Sparkasse der bergischen Stadt. Die Banker dort denken nicht nur an das Geld, das sie verwalten. Seit 50 Jahren gönnen sie sich und ihrer Kundschaft immer wieder einmal etwas Schönes. So entstand eine respektable Kunstsammlung, die rund 3000 Werke von 700 Künstlern umfasst. Darunter sind monumentale Arbeiten wie die meterhohe Bronze „Zufuhr“ am Südring und eine Spiegelwand des Zero-Künstlers Adolf Luther. Darunter sind aber auch viele Grafikblätter und Fotografien, die dann in den Büros, auf den Gängen, in den Schalterräumen hängen. Ein bisschen Dekoration, aber eben mit Niveau. Mit einem fünfstelligen Ankaufsbudget jährlich geht da einiges.

Mehrfach hat die Sparkasse auch Ausstellungen im Von-der-Heydt-Museum gesponsert. So entstand die Idee, einmal die Sammlung der Bank vorzustellen. Gerhard Finck, bis 2019 Museumsdirektor, entwickelte als Kurator ein Konzept, das die beiden recht ungleichen Sammlungen in einen Dialog bringen soll. Es gibt Überschneidungen, zum Beispiel finden sich Werke bedeutender Künstler wie Max Bill, Tony Cragg, Corinne Wasmuth, Bogumir Ecker in beiden Kollektionen. So findet sich an einer Wand ein Ensemble mit Drucken von Cragg, auf der einen Seite Radierungen aus der Serie „Nature, Nature“ aus Museumsbestand, auf der anderen Aquatinta-Blätter der Serie „Fruit Juice“ aus Kassenbesitz. Obwohl die Sammlung der Bank einen Querschnitt der Kunsttendenzen der vergangenen 50 Jahre bietet, zielt die Schau „Mehr:Wert“ nicht auf eine durchlaufende Erzählung, auf Thesen oder etwas Ähnliches.

Finck spielt vielmehr mit dem Material, ordnet die 155 Werke in acht Themenräumen zu visuellen Essays, die jeweils einem Leitmotiv folgen. Der erste Saal zeigt zum Thema „Menschen und Masken“ (ganz ohne Corona-Anspielung, da schon früher konzipiert) zum Beispiel den Fotodruck „Global Village“ von Peter Kowahl, eine Art Mosaik aus Gesichtern, jedes grob und reduziert und dabei doch frappierend individuell. Das trifft sich mit den Art-Brut-Tafeln von Lucebert und Jean Dubuffet. Und wie sinnig stehen sich der als Revolutionär voranschreitende Joseph Beuys auf dem Plakat „La rivulozione siamo Noi“ (1972) und der unbeholfen sich windende, dabei nach schwarzen Sternen blickende Mensch auf der Lithografie von Henk Visch gegenüber. Das trotzige Bikini-Mädchen der Malerin Heike Kati Barth aus Museumsbestand hängt neben zwei nicht minder eigenwilligen Porträt-Siebdrucken der Künstlerin.

Einen Raum komponierte Kurator Finckh um die Farbe Rot. Da treffen konstruktivistisch klare Siebdrucke von Ruprecht Geiger auf ein Raumkonzept von Lucio Fontana, die in sich ruhenden „Farben der Erinnerung“ auf dem Gemälde Ulrich Erbens kontrastiert zu den wuchtigen Farbgesten Georg Janthes. Manchmal entwickeln Arbeiten eine unerwartete Verwandtschaft wie im Raum zur Architektur, den Corinne Wasmuths monumentale Bürofantasie „Calafata“ beherrscht, ein mehr als fünf Meter breites Gemälde. Matthias Neumanns Foto „Koch am Wall“ von einem offenen Gebäude (Abriss oder Baustelle) zeigt eine Fassade wie ein Regal, das Durchblicke in die Tiefe des Baukörpers erlaubt. Daneben weist Driss Ouadahis Gemälde „Vue coupée“ eine ganz ähnliche Verschachtelung auf. Im Raum „Die Vier Elemente“ schwebt auf Dietmar Wehrs Foto „Stanislaus“ eine seltsame Wurzel vor einem blauen Himmel. Günter Wesselers Fellwuschel an der Wand atmen mit Motorenhilfe. Anke Eilergerhards suggestiver „Taifun“, eine Kunststoffskulptur, ist ein ebenso erschreckendes wie filigranes Gebilde, tiefschwarz, von nahem erkennbar als erstarrter Flüssigkeitswirbel.

Diese Schau soll nicht belehren oder eine These entwickeln. Sie setzt ganz auf den Reiz der Überraschung, auf das Unerwartete, auf das Schöne. Im letzten Saal hängt Rob de Vrys Gemälde aus der Serie „Draperien“, in dem er Details, genauer Stofffalten in Werken der Kunstgeschichte extrem vergrößert reproduziert. Im Exemplar der Sparkasse kombiniert er mittelalterliche Feinmalerei mit impressionistischer Verve, das Detail eines Marienbilds des italienischen Meisters Carlo Crivelli mit dem spontanen Strich der Fahnen aus Max Slevogts Bild „Unter den Linden“. Das ungleiche Paar ergibt so etwas wie eine dissonante Farbharmonie.

Bis 2.8., di – fr 14 – 18, do bis 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0202/ 563 6231, www. von-der-heydt-museum.de, Katalog 20 Euro

Es gelten Corona-Regeln mit Mundschutz und Abstand. Keine Führungen

Quelle: wa.de

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