Jens Malte Fischers monumentale Biografie über Karl Kraus

Jens Malte FischerLiteraturwissenschaftlerFoto: privat/zsolnay Verlag

Karl Kraus hatte sich den literarischen Mord vorgenommen, als er 1899 die erste Ausgabe seiner Zeitschrift „Die Fackel“ herausgab. Er formulierte es frei heraus: „Das politische Programm dieser Zeitung erscheint somit dürftig: kein tönendes ,Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ,Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“ Er hat das auch verwirklicht. Blut floss nie, wenn Kraus Widersacher wie Maximilian Harden und Alfred Kerr niedermachte. Wen er erledigte, der musste mit der Blamage weiterleben.

Wie soll man heute an Karl Kraus erinnern, einen der berühmten Unbekannten der Literaturgeschichte? Den Namen haben viele irgendwo gehört, vielleicht bei einem seiner gern zitierten Aphorismen wie diesem: „Das Wort ,Familienbande‘ hat einen Beigeschmack von Wahrheit.“ Aber die Bedeutung dieses größten deutschen Satirikers, Polemikers, des vielleicht ersten modernen Medienkritikers, des Sprachvirtuosen ist den wenigsten präsent, selbst wenn vor kurzem noch der US-Romancier Jonathan Franzen Kraus übersetzte und dem angelsächsischen Publikum nahe legte.

Vielleicht ändert das die Biografie, die Jens Malte Fischer geschrieben hat: „Karl Kraus – der Widersprecher“. Der Germanist und Musikwissenschaftler, Jahrgang 1943, wurde 1973 mit einer Arbeit über Kraus promoviert. Die neue Biografie ist die Summe einer lebenslangen Beschäftigung mit dem Satiriker, und das merkt man ihr an. Weit über 1000 Seiten umfasst der Band, und doch betont Fischer immer wieder, wie beim Fall Kerr, dass die Darstellung „hier nur sehr komprimiert möglich“ sei. Es werden dann gut 20 Seiten. Er hätte viel mehr schreiben können.

Das Problem mit Kraus ist, dass die literarische Satire und erst Recht die Polemik auf seinem Niveau nicht kanonisiert sind. Große Poeten und Dramatiker – kein Problem. Aber bei Satire herrscht auf dem weiten Feld zwischen Kurt Tucholsky (der Kraus sehr bewunderte), Ephraim Kishon und der heute-Show die Ahnungslosigkeit. Jeder Internet-Troll möchte als Satiriker gelten, egal wie flach seine Gedanken, wie unbeholfen seine Sprache. Bei Kraus findet man einen Maßstab. 37 Jahre lang schrieb er in der „Fackel“ – von 1912 an als alleiniger Autor – einen laufenden Kommentar zum Zeitgeschehen. Die Stoffe und die handelnden Personen in der „Fackel“ sind oft nicht mehr präsent, und an Hermann Bahr oder Alice Schalek muss man sich auch nicht unbedingt erinnern. Kraus arbeitete daran, das „Mißverhältnis zwischen der Geltung und dem Wesen der Null nachzuweisen“. An zwei Momenten der Geschichte hat Kraus große Texte geschaffen, die ihresgleichen in der deutschen Literatur nicht haben. Zum Ersten Weltkrieg schrieb er die Tragödie „Die letzten Tage der Menschheit“, eine Abrechnung mit Militarismus, Nationalismus, Dummheit und Bosheit. Und schon 1933, in den ersten Monaten der Machtübernahme der Nationalsozialisten, verfasste er „Die Dritte Walpurgisnacht“. Der Text erschien damals nicht, blieb aber erhalten, und durchleuchtet die Gräuel der Diktatur auf unvergleichliche Weise. Davon wurde allerdings oft nur – und oft auch noch fehlerhaft – der erste Satz zitiert: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“ Dabei folgen, wie Fischer ausführt, 300 Druckseiten und später eben noch die Ergänzung: „...während mir zu Hitler im Zuge der Betrachtung vielleicht doch etwas eingefallen ist“.

Kraus (1874–1936) ist eben kein einfacher Fall. Aber sein Feuer entzündet jeden Leser wie bei diesem ersten Satz seiner Polemik gegen Maximilian Harden: „Ich trage einen Haß unter dem Herzen und warte fiebernd auf die Gelegenheit ihn auszutragen.“ Und man muss nicht einmal den Reichspropagandaminister Goebbels kennen, um zu genießen, wie Kraus das Vokabular der Propagandareden zu einem entlarvenden, aber auch geradezu lyrischen und dabei hochkomischen Text montiert: „Er hat die Einstellung wie die Einfühlung, erkennt den Antrieb wie den Auftrieb, die Auswertung wie die Auswirkung, die szenische Aufmachung, den filmischen Aufriß wie die Auflockerung und was sonst zum Aufbruch gehört, er hat das Erlebnis und den Aspekt, und zwar sowohl für die Realität wie die Vision, er hat Lebensgefühl und Weltanschauung, er will das Ethos, das Pathos, jedoch auch den Mythos...“

In 37 Kapiteln breitet Fischer Leben und Werk des großen Mannes vor uns aus. Er beschreibt die Wohnung, die für den Fabrikanten-Sohn, der lebenslang von einer Leibrente zehren konnte, asketisch ausfiel. Er listet Freunde, Feinde, Frauen auf, freilich oft nicht da, wo man es erwartete, weil zum Beispiel die schwierige Liebe zur böhmischen Baronin Sidonie Nadherny von Borutin ein eigenes Kapitel verlangt. Alfred Kerr wiederum taucht im Kapitel der „Zwanziger Jahre“ auf, neben dem Kampf gegen den Pressezaren Moritz Benedikt, den Kraus aus Wien verjagte, und den Wiener Polizeipräsidenten Johann Schober, bei dem Kraus das nicht glückte. Aber einmal genügt lange nicht. Kerr ist mehrfach Thema, so wie der Herausgeber der Neuen Freie Presse, des, wie Kraus es in einem Wort fasste, „Infamilienblattes“, und der spätere österreichische Bundeskanzler auch. Fischer arbeitet lieber gründlich. Viele Kapitel wirken wie in sich geschlossene Essays. Das führt zu nicht wenigen und nicht immer notwendigen Wiederholungen. Welcher Kraus-Leser braucht ein Loriot-Zitat, um zu verstehen, was Phrasen sind, oder den Exkurs zur Regierungserklärung der Großen Koalition 2018? Andererseits liest man so vieles mit Gewinn. Wie Kraus Bertolt Brecht beim Zankduett in der „Dreigroschenoper“ half zum Beispiel, über die Unterstützung durch seinen Anwalt Oskar Samek, über die Wirkung seiner Stimme, über seine unterschätzte Lyrik und vieles mehr. Einen „tiefen Seufzer“ stößt der Biograf aus, weil Sigmund Freud und Kraus nicht zu Verbündeten wurden, sondern sich zerstritten. Es gab kein Treffen zwischen Franz Kafka und Kraus: „...wieder eine Sternstunde der Menschheit weniger“.

Fischer blendet die Problemstellen bei Kraus nicht aus. Ob es um das Verhältnis zum Judentum geht, die zeitweise reaktionäre politische Gegnerschaft zum Liberalismus oder um die Verehrung des autoritären Kanzlers Dollfuß: Der Biograf differenziert bis zur Beschwichtigung, zitiert fragwürdige Äußerungen, versucht Erklärungen und kommt doch an kein Ende. Vielleicht ist so eine säkulare Gestalt auch nicht zu bewältigen. Fischer ermöglicht aber dem Leser, sich Karl Kraus in all seiner Widersprüchlichkeit anzunähern.

Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 1102 S., 45 Euro

Quelle: wa.de

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