Hilary Mantel schließt mit „Spiegel und Licht“ ihren Tudor-Zyklus ab

Hilary Mantelbritische AutorinFoto: Anita Corbin/Dumont

Jeder Band von Hilary Mantels Tudor-Trilogie endet mit einer Enthauptung. Der Abschlussband „Spiegel und Licht“ aber führt das noch auf einen Höhepunkt. Hier fällt nach mehr als 1000 Seiten der Kopf des Helden, von Thomas Cromwell (um 1485-1540), dessen Aufstieg am Hofe des englischen Königs Henry VIII. die Autorin zuvor so eindringlich beschrieben hat. Es gibt dem Romanzyklus einen makabren Rhythmus: Nach der Hinrichtung ist vor der Hinrichtung.

Für die ersten beiden Bände der Reihe, „Wölfe“ („Wolf Hall“, 2009) und „Falken“ („Bring Up The Bodies“, 2012) erhielt Mantel den Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis. Und auch „Spiegel und Licht“ müsste die Auszeichnung bekommen, ist er doch der grandiose Abschluss, der die Erzählkunst der Autorin auf die Spitze treibt. Wobei sie den historischen Fakten mit wissenschaftlicher Akribie folgt. Das geht bis ins Verzeichnis der mehr als 100 Personen, bei der sie festhält, dass sie den Diener Christophe erfunden hat, Cromwells Chefkoch Thurston und den königlichen Hofnarren Sexton hingegen nicht.

Der historische Roman ist eine ebenso beliebte wie heruntergekommene Literaturgattung. Hilary Mantel hebt das Genre auf ein neues Niveau. Sie erzählt die Ereignisse am englischen Hof vom 19. Mai 1536, unmittelbar nach Anne Boleyns Tod, bis eben zu Cromwells Ende am 28. Juli 1540. Von Cromwell spricht sie stets in der „Er“-Form, in einem nüchternen Ton. Nie verlässt der Leser die zentrale Figur des Buchs, den Sohn eines Schmieds und Brauers, der sich hochgearbeitet hat zum Vertrauten des Königs, der in wechselnden Ämtern Reformen befördert, die Abwendung Englands von der katholischen Kirche betreibt, den Kurs bestimmt im Wettstreit der europäische Großmächte, zwischen dem Habsburger-Kaiser Karl, dem französischen König Francois I. und dem Papst.

Das Private war damals das Politische: Mit dynastischen Ehen sicherte man sich Verbündete oder schuf sich Gegner. Ein großer Teil der Handlung dreht sich darum, wen Henry nach dem Tod seiner dritten Frau Jane Seymour heiraten wird. Mit einer Dame aus dem französischen Hochadel hätte sich das Machtgefüge verändert. Cromwell vermittelt Anna von Kleve, was England gegen Frankreich in die Nähe der protestantischen deutschen Fürstentümer positioniert. Zugleich rebellieren im Norden Englands die Benachteiligten gegen die Umgestaltung der Gesellschaft. Sie wollen die gewohnten Heiligen wieder verehren und glauben, dass dann das Goldene Zeitalter zurückkäme. Sie folgen Rädelsführern wie dem Anwalt Robert Aske, die die Interessen des Landadels befördern.

Hilary Mantel gelingt etwas Großartiges: Sie bleibt ganz im England des 16. Jahrhunderts. Und doch beschwört sie aktuelle Bilder herauf, gerade wenn sie von der großen Staatskrise erzählt. Die randalierenden Pilger lassen an moderne Wutbürger denken oder an frustrierte Unterschichtler, die Läden plündern. Und dieser König Henry erscheint als schillernde Figur, manchmal wie ein vorweggenommener Trump. Einerseits selbstbewusst in seiner Rolle als absoluter Herrscher, als Repräsentant des Staates. Andererseits aber oft entscheidungsscheu und vor allem unberechenbar. Und verwundbar. Eine Verletzung am Bein will nicht heilen. Henry missachtet die Diätratschläge seiner Ärzte und geht in die Breite. Und bei Anna versagt er im Bett, schafft es einfach nicht, einen weiteren Thronfolger mit ihr zu zeugen. All das macht den Herrscher für Cromwell eben auch: gefährlich.

Der Ratgeber lenkt den Monarchen. Cromwell sagt einmal: „Ich habe ihn oft genug von Dingen abgehalten, die ihm schaden würden, wie ein Kindermädchen habe ich ihm auf die Finger gehauen.“ Aber es funktioniert nur so lange, wie der König auf ihn hört. Eine höchst labile Form von Politik. Und am Ende fällt der Mann, der so lange alle Strippen im Staate zog.

Dieses Buch bewegt sich auch sprachlich auf höchstem Niveau. Die Autorin findet wunderbare Bilder, zeitlos und doch nie anachronistisch. Gerüchte dringen „wie Rauch durch ein Strohdach“. Französische Händler bieten dem König Waren an, „weich wie ein Jungfrauenseufzen“. „Draußen vor dem Fenster geht ein englischer Mond auf, gelb wie eine Scheibe Banbury-Käse.“ Dieses Buch hat hochpoetische Momente, die unvermittelt in krude Grobheit umschlagen können.

Virtuos flicht Mantel das Motiv des Titels immer wieder ein. „Spiegel und Licht“ meint die Rolle des Königs. Cromwell sagt einmal zu Henry: „Ihre Majestät ist der einzige Fürst. Der Spiegel und das Licht anderer Könige.“ Der Monarch sei die Sonne, heißt es einmal, „es schmerzt, ihn anzusehen“. Aber das bedeutet auch eine Last: „Er muss die ganze Nation befruchten. Ist er impotent, schwächelt das ganze Land...“ In immer neuen Formulierungen durchziehen Lichtmomente den Roman. Mantel bringt dem Leser die ferne Epoche ganz nah, fast zum Anfassen, ohne zu vereinfachen. Man bekommt königlichen Klatsch und hohe Diplomatie, zarte Liebe, Kochrezepte, finstere Intrigen. Alles durch die Augen eines Melancholikers, den Mantel nicht unkritisch, aber doch mit Sympathie zeichnet. „Aber selbst in der Hauptstadt des Lichts gibt es Müllgruben und Misthaufen voller Schmeißfliegen“, heißt es einmal. „Selbst in der Republik der Tugend brauchst du einen Mann, der die Scheiße wegschaufelt, und irgendwo steht geschrieben, dass er Cromwell heißt.“

Hilary Mantel: Spiegel und Licht. Deutsch von Werner Löcher-Lawrence. DuMont Verlag, Köln. 1098 S., 32 Euro

Quelle: wa.de

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