Die „Hauchkörper“ der Lehmbruck-Preisträgerin Rebecca Horn in Duisburg

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Ein Gewächs mit vielen Stimmen: Rebecca Horns „Schildkrötenseufzerbaum“ (1994) ist im Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg zu sehen.

DUISBURG - Erst schüttelt der ausladende Schildkrötenseufzerbaum seine kupfernen Äste, die in Trichter münden. Dann erhebt sich das Sprechgewirr. Menschen erzählen von ihren Sorgen. Wenn man sich einem Trichter zuwendet, vernimmt man eine einzelne Stimme.

Rebecca Horns monumentale Skulptur von 1994 ist im Duisburger Lehmbruck-Museum zu sehen. Das Haus zeigt von heute an die Werkschau „Hauchkörper als Lebenszyklus“. Zugleich verleihen die Stadt und das Museum den Wilhelm-Lehmbruck-Preis (10 000 Euro) an die Künstlerin. Bisher ging die Auszeichnung für Bildhauerei unter anderem an Eduardo Chillida, Jean Tinguely, Claes Oldenburg, Joseph Beuys, Richard Serra und andere. Sie ist die erste Frau in dieser Reihe. Die Jury nennt Horn eine der „eigenwilligsten, innovativsten und experimentierfreudigsten Künstlerinnen Deutschlands“. Und sie hebt hervor, dass es in Horns Werk „um die existenziellen Bedingungen des Menschseins“ gehe. Heute um 18 Uhr ist die Preisverleihung, zugleich die Eröffnung der Schau.

Die 1944 in Michelstadt geborene Künstlerin (Foto) genießt schon lange internationalen Ruhm. Sie war viermal bei der Kasseler documenta vertreten, 1993 richtete ihr das Guggenheim Museum in New York eine Retrospektive aus, sie erhielt zahlreiche Preise, darunter 2010 den Praemium Imperiale, die als Nobelpreis der Künste geltende Auszeichnung des japanischen Kaiserhauses.

Vor zwei Jahren zwang ein Schlaganfall Horn zu einer Schaffenspause. Inzwischen arbeitet sie aber wieder, in Duisburg sind erstmals öffentlich aktuelle Beispiele aus ihrer neuen Werkgruppe der „Hauchkörper“ zu sehen. Das sind überwiegend übermannshohe golden glänzende Messingstäbe, die sachte schwanken. Im Eingangsbereich des Museums ist die größte Arbeit der Serie installiert, hier wirken die Hauchkörper wie metallene Gewächse, die sich im Wind wiegen. Nur zwei Stäbe machen die Skulptur „Aus dem Mittelalter entwurzelt“ aus, sie stecken in bronzenen Schuhen, die nach einem Paar gegossen wurden, das die Künstlerin selbst getragen hat. Die schwankenden Stäbe wecken die Assoziation an menschlichen Gang, aber ohne dass es vorangeht. Die Hauchkörper sind bei allen melancholischen Momenten doch voller Leichtigkeit und Poesie. Eine Arbeit ordnet neun Stäbe in einer Spirale an, hier greift die Künstlerin auf das Motiv der Muscheln und Schneckenhäuser zurück, die sie oft verwendet. Und es entsteht tatsächlich, was der Titel verspricht: „Tanz in einer Pirouette“.

Die Ausstellung dokumentiert aber die vielen Facetten der Künstlerin, die nicht nur bewegliche Skulpturen schuf, sondern auch dichtet, zeichnet, Filme dreht und anfangs vor allem in Kunstaktionen die Erweiterung und Veränderung des menschlichen Körpers zum Thema macht. Da trägt die Künstlerin über dem Kopf eine Bleistiftmaske, aus deren Lederstriemen die Stifte wie Stacheln herausragen, und zeichnet eben mit dem Kopf. Oder sie bindet Federn an jeden Finger und verändert so das Tasten und Berühren. Später hat sie lange Stäbe an den Händen oder erweitert den Körper durch ein dünnes, aber meterlanges Horn auf dem Kopf. Diese Aktionen sind in historischen Filmen als Videoloop an zwei Bildschirmen zu verfolgen. Auch ihre Filme sind in Kabinen zu sehen, die wunderbar skurrile Hommage an Buster Keaton, „Buster’s Bedrooms“ (1990) und der frühere Streifen „Der Eintänzer“ (1978), in dem bereits ein tanzender Tisch und ein Pfauenfederrad einen Auftritt haben.

Aus den Körpererweiterungen und Filmrequisiten sind offenbar die Skulpturen erwachsen, die meistens von Motoren angetrieben werden und mit ihren eigenwilligen Erzählungen faszinieren. Die „Pfauenmaschine“ zum Beispiel, die 1982 auf der documenta 7 zu sehen war, spreizt ihre 31 Metallstäbe wie der Vogel und faltet sie wieder zusammen. Im „Schlangenklavier“ (1995) tanzt eine silbrig schillernde Quecksilberlache in einem vier Meter langen, schmalen Stahlkasten auf einer Gummimatte. Und beim „Pendulum mit Straußenei“ (1995) schwingt ein langer Aluminiumstab über dem Ei. Die Spitze kommt der Schale bedrohlich nahe, ohne sie wirklich zu berühren. Aber unwillkürlich fürchtet der Betrachter um das so zerbrechliche Objekt. Dem „Straußenei, vom Blitz durchdrungen“ (1995) geht es vielleicht besser: Es wird sanft von zwei Bürsten gestreichelt. Allerdings steckt es auch zwischen zwei spitzen Stäben.

Das gelingt wenigen Künstlern: Rebecca Horn erschafft Maschinen, die den Betrachter rühren. Kupfer, Messing, Quecksilber, dazu immer wieder auch organische Stoffe werden zum Medium für durchaus emotionale Erzählungen. Und Witz hat es ja auch, wenn in „Liebesflucht, Muschelschlaf“ (2009) ein Phallus aus Bronze motorgetrieben immer wieder in eine Nautilusmuschel geführt wird. Der magische Stein (Magic Rock, 2005) enthüllt manchmal seinen verborgenen Schatz, dann klappen die Hälften auf und geben den Blick auf einen glitzernden Bergkristall frei.

Eröffnung heute, 18 Uhr,

24.11.–2.4.2018, di – fr 12 – 17, sa, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 0203/ 283 32 94

www.lehmbruckmuseum.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 39,80 Euro

Quelle: wa.de

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