Hans Hennig Paar choreografiert in Münster „In Eremo“

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Schweben und halten: Erik Constantin und das Ensemble tanzen die Choreografie „In Eremo“ in Münster.

Von Edda Breski -  MÜNSTER Die Wüste ist so unendlich, dass sie sich nur einfach darstellen lässt: ein Strich, eine Palme darauf, fertig. Münsters Tanzchef Hans Henning Paar versucht an einem Tanzabend, das Konzept der großen Leere mit griffigen Tanz-Bildern zu füllen. Entstanden ist ein Gleichnis zwischen Wüste und menschlichem Leben.

Damit bewegt sich Paar auf einem bereits vielseitig beackerten Feld; mit „In Eremo“ schafft er eine insgesamt kluge, oft unterhaltsame Reflexion.

Mit dem Tanztheater Münster hat er sich in den vergangenen Spielzeiten den Grenzbereichen menschlicher Erfahrung gewidmet. Existenzen am Rand der Gesellschaft wie die Prostituierte Lulu, die sich im gleichnamigen Tanzstück unter Monstern bewegt, oder Gestalten aus Gothic und Schauerromantik präsentierte er im gesellschaftlichen Umfeld und in ihrem ganz persönlichen Wahn. Damit zeigte er, dass Schrecken in der subjektiven Wahrnehmung ein Schlüssel zur Erkenntnis sein kann. „In Eremo“ bearbeitet sein Thema aus einer anderen Richtung. Die Grenzerfahrung wird in einen der großen Sehnsuchtsorte der Menschen verlegt. Denn eine Wüste ist leer, ist also die perfekte Projektionsfläche. „In Eremo“ bedeutet „in der Einsiedelei“. Paar erinnert damit an die großen Wüsten-Erfahrer von Jesus bis Lawrence von Arabien.

Deshalb ist „In Eremo“ in der Nicht-Farbe Weiß gehalten. Die Tänzer sind weiß gekleidet, Haut und Haare weiß überschminkt. Die Bühne, die nach hinten von einer Rampe und ringsum durch einen Fransenvorhang begrenzt ist, bildet eine Projektionsfläche für zunächst abstrakte Bilder (verantwortlich: Paar und Isabel Kork). Zu Beginn passiert auch nicht viel, die Tänzer atmen gemeinsam, recken sich. Überall raschelt es, denn der Boden ist mit beschichtetem Transparentpapier bestreut. Es macht jeden Schritt auch akustisch erlebbar. Licht in weichen Saunafarben scheint auf. Man muss dem Stück Zeit geben, denn die Wohlfühl- und Selbsterfahrungskulisse verändert sich, Lebewesen kommen auf die Szene. Die Musik steigert sich von vage orientalischen Liegetönen zu Trommelsoli, ein E-Piano grübelt, eine Flöte haucht. Die Truppe wird live begleitet von Jonas Nondorf und Andronik Yegiazaryan, die sich ausgezeichnet auf die Tänzer einstellen.

Die Truppe kommt mit witzigen Brillen und Jacketts, die Tänzer hüpfen wie Erdmännchen. Eine silbrige Spinne (Agnès Girard) steckt den Kopf hervor und krabbelt die Rampe herunter.

In diese eigenwillige Tierwelt brechen moderne Menschen ein. Ein „Extremsportler“ zückt die Handykamera. Ein Typ in Funktionskleidung ist auf esoterischer Sinnsuche, eine seltsame Heilige steht im Yoga-Kopfstand. Tierwelt wandelt sich zu Menschenwelt. Die Tänzer wechseln in Jeans und bunte Tops. Sie nehmen die Tierbewegungen wieder auf, aber hauptsächlich winden und drehen sich Männlein und Weiblein umeinander, suchen Kontakt. Beißen, saugen, küssen, schlagen gehen ineinander über. In Paars Wüste tauchen seltsame Lebensformen auf, der wirkliche Zoo aber, so Paar, sind wir Menschen in diesem seltsamen Konstrukt, das wir Gesellschaft nennen, und das nichts weiter ist als ein Set willkürlicher Regeln, das Wilde bändigt.

Der Punkt wird sehr schnell deutlich, trotzdem bearbeitet Paar ihn ein paar Minuten zu lange. An anderen Stellen ist das Stück sehr unterhaltsam, etwa wenn er Ideen von Wüste wie Kulissen verschiebt und einen Eisbären auftauchen lässt. Bekannte Gestaltungselemente – das Papier auf dem Boden oder die Spinnenfigur – setzt er in kreative Spannung. Das Ganze befeuert er mit skurrilem Humor.

Einmal schickt er Keelan Whitmore mit langen, gedehnten Gesten auf Sinnsuche. Eine Fata Morgana erscheint: Tommaso Balbo, der mit seinem leicht weltfremden, starrenden Blick in Münster auf die besonders skurrilen Figuren abonniert ist, umkreist ihn in einer Damenrobe, so weiß wie die Wüste um ihn herum, verwirrt ihm die Sinne und verkriecht sich unfindbar im weißen Papier. Wer in die Wüste geht, kann darin auch umkommen.

Der Tanz

Amüsante Reflektion über die Leere im menschlichen Dasein und die kuriosen Versuche, diesem Zustand zu entgehen.

In Eremo an den Städtischen Bühnen Münster.

7., 15., 23., 27. 5.; 3., 18., 20., 25. 6.; Tel. 0251/59 09 100

www.theater-muenster.de

Quelle: wa.de

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