Das Gruuthusemuseum in Brügge ist nach Renovierung neu eröffnet

Aufgefrischt sind die Säle mit ihrem historischen Dekor und dem neogotischen Kamin. Foto: Stadt Brügge

Brügge – Lodewijk van Gruuthuse hat nicht gespart, als er das Haus seines Vaters zum Stadtpalast ausbaute. Er ließ sogar eine Verbindung zur benachbarten Liebfrauenkirche errichten, eine Privatkapelle mit Blick ins Gotteshaus, ein Luxus, der sonst Fürsten vorbehalten ist. Das prachtvolle Gebäude aus dem 15. Jahrhundert ist heute vielleicht das wichtigste Schaustück des Gruuthusemuseums in Brügge. Nach fünfjähriger Renovierungszeit wurde es jetzt wieder für das Publikum geöffnet.

Brügge selbst fühlt sich manchmal wie ein Museum an. Der Blick richtet sich hier automatisch in die Geschichte, ins Mittelalter vor allem, als die Stadt auf Augenhöhe mit Paris war. Hier lag das wirtschaftliche Zentrum Europas. Wer diese goldene Epoche der burgundischen Herrschaft und die etwas weniger glanzvolle Zeit danach kennen lernen will, muss ins Gruuthusemuseum. Der Stadtpalast hat im Laufe der Jahrhunderte gelitten, so dass gründlich erneuert, aufgefrischt, repariert werden musste, zum Beispiel beim Gebälk. 9,1 Millionen Euro investierte die Stadt in dieses Projekt. Unter anderem wurde im Hof ein Pavillon errichtet für den gemeinsamen Verkauf von Eintrittskarten mit der benachbarten Onze-Lieve-Vrouwekerk, in der unter anderem Michelangelos berühmte Marmor-Skulptur Madonna mit Kind zu sehen ist.

Till Holger Borchert, Direktor der städtischen Museen Brügge, freut sich, dass das Haus wieder zugänglich ist – und dass die Stadt immer noch in Kultur investiert. Zur Neueröffnung kann er einige Neuerwerbungen vorstellen, darunter eine Holzskulptur, die Philip den Schönen als Heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen zeigt (um 1500). Und er hat nicht nur einen Ankaufsetat. Die Stadt hat gerade den Bau einer Ausstellungshalle für Gegenwartskunst beschlossen, Kosten: 28 Millionen Euro. Man möchte in der flämischen Metropole durchaus mit dem musealen Image brechen, wie ja auch das moderne Konzerthaus und die sehr populäre Triennale für Gegenwartskunst zeigen.

Zurück zum Gruuthusemuseum. Das prächtige Gebäude ist zwar authentisch, wurde aber im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verändert. Unter anderem diente es längere Zeit als Pfandhaus für die Bedürftigen der Stadt. 1875 kaufte die Stadt es. Der Architekt Louis Delacenserie restaurierte den Bau im Auftrag der archäologischen Gesellschaft, damit der einstige Palast als Museum genutzt werden konnte. Tatsächlich gestaltete er es im damals populären neogotischen Stil um. Einige der Details im Haus, die besonders mittelalterlich wirken, stammen aus dieser Zeit, zum Beispiel ein prachtvoller Kamin, der um ein Wappenfeld mit Einhörnern wie eine Stadtmauer gestaltet ist, von deren Zinnen Musikanten herunterschauen.

In frischem Glanz erstrahlt hingegen Lodewijks Gebetskapelle. Der Ritter kniete hier in einer Art Balkon und blickte direkt in die Liebfrauenkirche. Details wie die farbig gefassten kleinen Holzengel im Gebälk vermitteln einen schönen Eindruck mittelalterlicher Frömmigkeitskultur. Als Betenden mit einem Rosenkranz in der Hand stellte ihn auch um 1480 der Meister der Prinzenportraits vor, die kleine Tafel, der einst wahrscheinlich ein weiteres kleines Bild mit der Madonna gegenüberstand, gehört zu den großen Schätzen des Hauses. Lodewijk (um 1427-1492) war ein ehrgeiziger Mann, wie sein an vielen Stellen im Palast wiederholtes Motto „Plus est en vous“ ausdrückt: „In dir steckt noch mehr“. Reich wurde er mit dem Monopol für Gruut, einer Kräutermischung, die einst für das Bierbrauen verwendet wurde. Aber er war auch ein erfolgreicher Feldherr und Diplomat, der besonders am Hof des burgundischen Herzogs Philip des Guten Karriere machte. Der Fürst nahm Lodewijk in den Orden des Goldenen Vlieses auf. Er war auch ein Schöngeist, besaß eine umfangreiche Bibliothek.

Brügge war bis ins 15. Jahrhundert die Metropole Europas. Hier kreuzten sich die wichtigsten Handelswege, hier hatten Staaten des Kontinents ihre Vertretungen wie das Kontor der Hanse im Haus der „Oosterlinge“, einem heute nicht erhaltenen Monumentalbau, den man auf dem Gemälde „Die sieben Wunder von Brügge“ von Pieter Claeissens (um 1550-60) noch sieht.

Das Gruuthusemuseum ist ein kulturgeschichtliches Institut. Seine Sammlung umfasst 20 000 Objekte: Gemälde, Skulpturen, Tapisserien, Dokumente, Bücher, Münzen, Modelle, Porzellan, Werkzeug, Möbel. Rund 600 Stücke werden nach der Neueröffnung präsentiert, und jedes von ihnen soll eine Geschichte erzählen. So kann man sich in schlüssig gestalteten Räumen in Geschichte vertiefen, die Königskette der Schützen aus der Sebastiansgilde (um 1560) bewundern und die Meisterschaft, mit der der Nürnberger Schmied Albertus Weinmann einen bronzenen Kessel mit Eichgewichten (1568) gestaltete. Man sieht barocke Pracht ebenso wie die romantische Melancholie. Im 19. Jahrhundert wurde Brügge als Touristenziel wiederentdeckt. Der verwitternde Glanz des Mittelalters weckte nostalgische Gefühle, befeuert durch Georges Rodenbachs Roman „Bruges-la-Morte“ („Brügge, tote Stadt“, 1892). Reiseführer, stimmungsvolle Grafiken und neogotische Skulpturen führen in diese Zeit.

di – so 9.30 – 17 Uhr

Tel. 0032/ 50/ 448 711

www.museabrugge.be

Handbuch (engl./nl./frz.) 12 Euro

Quelle: wa.de

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