„Le grand Geste“ im museum kunst palast Düsseldorf

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Mit geschütteter Farbe malte Helen Frankenthaler 1961 die „Blue Form in a Scene“.

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Natürlich ist „Number 32“ von Jackson Pollock nur ein Bild, ein Gemälde von 1950. Aber die schwarze Farbe scheint nicht still zu stehen. Sie wirbelt über die 457 Zentimeter breite, 269 Zentimeter hohe Leinwand, mal in kräftigen Schwüngen, dann wieder in filigran ausgezogenen Fäden. Alles ist Klecks. Vor und Zurück. Ein Tanz, von dem nur die notierten Züge blieben. Gemalte Musik. Dem Reiz solcher Bilder entzieht sich kein Betrachter so schnell. Das ist ein Grund, warum die Ausstellung „Le grand Geste“ im museum kunst palast in Düsseldorf so überzeugt.

Sie bringt Hauptwerke der Nachkriegszeit zusammen, die lange als historisch, als überholt abgetan waren. Besonders das deutsche Informel stand nicht hoch im Kurs. Das ändert sich gerade, wie das neue Museum für Emil Schumacher in Hagen zeigt. Auch die Kunstwissenschaft macht sich an eine Neubewertung dieser Tendenzen. Die Ausstellung versucht, Begriffe zu klären und die Spannweite der Nachkriegsabstraktion zu umreißen. Die rund 200 Werke von 60 Künstlern zeugen von einem internationalen Phänomen, von einer „künstlerischen Weltsprache“, die 1959 auf der documenta II in Kassel Triumphe feierte. Aber schon bei der nächsten documenta schlug die Stimmung um. Da wurden Fluxus und Pop-Art gefeiert. Die Düsseldorfer Ausstellung widerlegt überzeugend den Eindruck einer kurzlebigen Mode.

Nach 1945 markierte die abstrakte Malerei einen Aufbruch. Gerade für Deutschland bedeutete es einen Frischeschub nach dem Nationalsozialismus. Die Bewegung kam aus den USA, wo sich die abstrakten Expressionisten emanzipierten. Nicht mehr Europa gab die Richtung vor. Ausgehend vom Surrealismus entwickelten Künstler wie Hans Hofmann, Adolph Gottlieb und Pollock Bildlösungen, die auf Figuration und geometrische Konstruktion verzichteten.

Die Künstler befreiten die Malerei von Äußerlichkeiten. Der Pinselstrich, die Bewegung des Künstlers, die Durchformung der Farbe als Malstoff genügten als Thema. Insoweit trifft der Ausstellungstitel ins Zentrum. Die Geste, das kann die rasante Fahrt von Pinsel und Rakel über die Malfläche sein, mit der Karl Otto Götz seine schwungvollen Kompositionen schuf, das Aufbringen eines Reliefs aus Farbpaste bei Emil Schumacher, der die Bildfläche zerschnitt, zerkratzte, verschmierte. Der Ausdruck des Ichs stand im Zentrum, Malerei als Ausdruck des Existenzialismus. Oder als visueller Jazz: Viele Künstler nannten musikalische Prinzipien als Bezugspunkte. Pollocks Tropf- und Schüttbilder sind Improvisationen in Farbe. Das passte in die Zeit: Die westliche Abstraktion galt als Malerei der Freiheit, im Rückblick auf den Faschismus, im Kalten Krieg gegen den Sozialistischen Realismus gerichtet.

Diese Malerei wurde verspottet und gehasst. Kinder könnten das auch, hieß es vor den Kompositionen aus Strichen, Klecksen, Gekrakel. Und doch schuf die Kunst Bewusstsein, wurde das informelle Bild in der öffentlichen Vorstellung Archetyp der Moderne. Auch das ist zu bedenken: Viele Künstler, die später berühmter wurden, lernten bei Informellen. Gerhard Richter studierte bei Götz, Sigmar Polke bei Götz und Gerhard Hoehme, Georg Baselitz bei Hann Trier.

Die Ausstellung, kuratiert von Susanne Rennert und Kay Heymer, belegt überzeugend die Qualität und die Frische des Informel. Gehängt ist in kleinen Werkgruppen ohne Sortierung nach Zeit oder Herkunft. Man sieht Fred Thielers „For Pilots Only“ (1964), eine Malcollage im typischen Dreiklang aus Rot, Blau und Weiß, dynamische Wirbel wie bei einem Gewitterhimmel. Gegenüber hängt Georges Mathieus Vision „L'incendie de Rome“ (1957), die brennende Stadt als fast fünf Meter breites Panorama in Rot, auf das der Künstler nervöse Zeilen in Weiß und Schwarz notierte, Farblinien als dicke Creme, direkt aus der Tube auf die Leinwand gedrückt. Helen Frankenthaler schüttete auf die ungrundierte Leinwand Farbe, die auslief in den Stoff. Morris Louis lernte diese Technik von ihr – der wundervoll schlierige Farbvorhang „Beth Mem“ hängt neben ihren Werken.

Dazwischen wirken deutsche Künstler wie Götz, Schumacher, Hoehme zeitgemäß – und sind auf Augenhöhe mit den internationalen Kollegen. Man begegnet Ernst Wilhelm Nay, der noch im Expressionismus wurzelt, um dann seine „Scheibenbilder“ zu entwickeln. Fritz Winter schuf Bildzeichen zwischen Schrift und Musik. Man sieht Vertreter der Gruppe Cobra wie den Niederländer Karel Appel und den Dänen Asger Jorn, in deren Bildern stets Reste von Figuration blieben.

Es ist ein abwechslungsreicher Bilderweg. Hans Hartungs klare Schraffuren haben eine ganz andere Dynamik als die Farbmosaike, die Jean-Paul Riopelle mit dem Spachtel in die dicke Farbe modellierte. Der Japaner Kazuo Shiraga ließ sich aufhängen über der Leinwand und malte aus tarzanhaftem Schwung mit den Füßen.

Le grand Geste im museum kunst palast, Düsseldorf. Bis 1. August. di - so 11 - 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0211/ 899 02 00

http://www.smkp.de; Katalog, DuMont Verlag, Köln, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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