Gerhard Richters „Panorama“ in Berlin

+
Mit einem sanften Schleier: Gerhard Richters Gemälde „Betty“ (1977), zu sehen in Berlin. ▪

Von Annette Kiehl ▪ BERLIN–Der Blick fällt durch die gekippte Glasscheibe auf drei Wolken. Weiß und leicht schweben sie vor einem grünlich-blauen Himmel übereinander.

Drei Ausschnitte des flüchtigen Naturphänomens, sie sind vertikal aufgereiht an der mächtigen Marmorsäule. Diese verblüffend realistischen Gemälde Gerhard Richters, die „Wolkenbilder“ (1970), treffen in der Neuen Nationalgalerie auf das Bild ihres Betrachters. Beim Blick durch die „4 Glasscheiben“, eine Skulptur von 1967, überlagert sich die Reflexion des eigenen Körpers, leicht verzerrt, mit den Porträts der Himmelskörper. Kunst spiegelt nicht die Realität, ist aber Fenster zur Welt, führt die „Panorama“-Ausstellung mit sinnlicher Kraft vor Augen.

Zum 80. Geburtstag Richters blickt die Neue Nationalgalerie in Berlin auf das Gesamtwerk des Malers. Es ist keine „Best of“-Show, keine Verneigung vor dem Erreichten, sondern tatsächlich ein Panorama.

Die Schau wurde nach ihrer Premiere in London in Berlin von dem Direktor der Neuen Nationalgalerie, Udo Kittelmann, und Kuratorin Dorothee Brill gestaltet. Ihr wichtigster Mitspieler ist der Raum: Mies van der Rohes Glashalle gibt den Werken Offenheit und Transparenz, bietet mit ihren Säulen und dem dunklen Boden gleichzeitig ein Rückgrat und eine Erdung. So unterstützt die Architektur Richters Haltung als Künstler: Sein Misstrauen gegenüber der Abbildung von Wirklichkeit, seine vielfältigen Bezugspunkte und Stile, die in der Gegenüberstellung ihre Logik offenbaren.

Das Zusammenwirken von Zufall und der Willkür des Künstlers ist in der Neuen Nationalgalerie an vielen Stellen sichtbar. Richter, der die Diktatur der Nazis und des DDR-Regimes erlebte, hat eine Ideologie und auch eine künstlerische Botschaft stets als abstoßend empfunden. Das zufällige Moment in die Gestaltung eines Bildes einzubeziehen, entlastet ihn. Etwa, wenn er bei seinen abstrakten Werken mit einem großen Rakel arbeitet, dessen Farbabrieb er nur teilweise steuern kann. Die Farben der 25 Emaille-Quadrate der „4900 Farben, Version 1“ (2007) bestimmte ein Computers, so dass Richter ebenfalls nur im begrenzten Maße über das Erscheinungsbild des Kunstwerks entschied. Um eine „diffuse, gleichgültige Gesamtwirkung“ sei es ihm gegangen, kommentierte er dieses Projekt, mit dem er eine Serie von zufallsgesteuerten Farbbildern fortsetzte. Im Berliner Museumskubus zeugen die „4900 Farben“ auch von der Freude des Künstlers an der Schönheit von Dingen. Wie eine bunte Schleife ziehen sich die Farbquadrate auf einer Stellwand entlang den Fensterscheiben des Gebäudes.

Richter arbeitet abstrakt und figurativ, oft parallel. Die über 140 Bilder und Objekte der Ausstellung, die von der Farbquadrat-Kette eingerahmt werden, lassen spüren, dass er die Disziplinen als Wege nutzte, um die Potenziale der Malerei zu erforschen.

Die abstrakten Werke sind zu Beginn der chronologisch gegliederten Schau versammelt und erzeugen mit ihrer Farbgewalt einen Sog. Die „Cage“-Serie, die „Abstrakten Bildern“ und die kleinformatige „Aladin“-Serie – der Künstler beschrieb sie als Darstellungen von Szenen, Umgebungen und Landschaften „die es so nicht gibt“. Auf der anderen Seite bearbeitet Richter Fotos, jene vermeintlich wirklichkeitsgetreuen Abbildungen der Welt, und abstrahiert sie durch die Malerei. Mit seinem ersten farbigen Bild „Neger (Nuba)“ reagierte er 1964 auf die Einführung des Farbfernsehens und die zunehmende Bilderflut in den Medien. Er malte ein Foto von Leni Riefenstahls Afrika-Reisen realistisch nach, jedoch mit einer leicht verwischten Oberfläche. Der Schleier lässt die Szene einer Trauerzeremonie seltsam entfernt erscheinen und schützt die porträtierten Menschen wie eine Milchglasscheibe vor den Blicken der Betrachter.

Gerhard Richter ist ein Ausnahmekünstler. Nicht nur wegen der erzielten Auktionspreise seiner Bilder. Gerade die Bedacht, mit der er Ereignisse und künstlerische Entwicklungen verarbeitet, macht ihn besonders. Er ist entgegen allen Moden der Malerei treu geblieben, greift immer wieder Themen seines Werks neu auf und reflektiert das Weltgeschehen mit kluger Zurückhaltung. Erst 2005 malte er die Terroranschläge des 11. Septembers 2001. Sein Gemälde zeigt die Szene nach dem Einschlag der Flugzeuge in den Türmen, wie sie wohl milliardenfach als Foto gedruckt wurde. In Richters „September“ tritt dieses Bild fast hinter einem Grauschleier in den Hintergrund. Die Farbfetzen und Schlieren lassen die Gewalttätigkeit einer Ideologie und den historischen Einschnitt der Anschläge erahnen und setzen ein Zeichen für das Unfassbare.

Ähnlich reagierte Richter 1988 auf die Selbstmorde der RAF-Terroristen. Sein berühmter Zyklus „18. Oktober 1977“ zeigt 15 graue Gemälde, die er nach Fotos der Toten anfertigte. Die Bilder sind nicht Teil des „Panorama“, sondern hängen in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Im grau getünchten Schinkel-Raum sieht man sie in Nachbarschaft der großen deutschen Historienmaler und ihrer Helden. Als Fremdkörper, der genau dorthin gehört.

Gerhard Richter: Panorama. in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Bis 13.5., di – fr 10 – 18, do 10 – 22, sa, so 11 – 18 Uhr.

Tel. 030/266 42 42 42

http://www.gerhardrichterinberlin.org

Katalog, Prestel Verlag, München, 29 Euro.

Parallel ist der RAF-Zyklus in der Alten Nationalgalerie ausgestellt. Der „me Collectors Room“ zeigt als weitere Ergänzung die Schau „Gerhard Richter – Editionen 1965 – 2011“.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare