Gerhard Henschel schreibt im „Erfolgsroman“ seine Chronik um Martin Schlosser fort

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Glücksmoment eines jungen Erfolgsautors: Martin Schlosser und Kathrin Passig im Sommer 1991.

Ein Refrain in diesem Roman geht ungefähr so: „Nun ging leider mein Geld wieder zur Neige, und es kam kein neuer Scheck. Jeden Monat die gleiche Scheiße.“ Martin Schlosser kommt ja in den Jahren 1990 und 1991 durchaus voran. Seine Satiren und Reportagen werden in Magazinen wie „Kowalski“, „Der Alltag“ und „konkret“ gedruckt. Aber das Honorar dafür lässt meistens auf sich warten.

Insoweit muss man den Titel „Erfolgsroman“ so mehrdeutig lesen wie den ganzen Roman von Gerhard Henschel. Es ist der achte Band der autobiografischen Lebenschronik. Seit 2004, als der „Kindheitsroman“ erschien, verwandelt der 1962 in Hannover geborene Autor sein Leben in eine besondere epische Form. Er reiht Erinnerungssplitter aneinander, manchmal vier, fünf Zeilen kurz, und führt damit präzise durch den Alltag. Manches erscheint trivial, zum Beispiel wenn er notiert, dass es bei Oma Spargelsuppe und Kartoffeln mit Hackfleisch und grünen Bohnen gab: „Sehr schmackhaft. Doch so konnte es nicht ewig bleiben. Ich brauchte frischen Wind in meinem Leben.“

Aber gerade diese Kleinteiligkeit ermöglicht ihm, eine unglaubliche Fallhöhe zwischen überaus komischen und tief tragischen Momenten zu gestalten. Martin Schlosser erlebt, wie seine Oma immer gebrechlicher wird, und es quält sein Gewissen durchaus, als er sich entschließt, aus der Provinz nach Berlin zu ziehen, was bedeutet, dass er sie nicht fast täglich besuchen kann. 

Furchtbar auch, wie er seinen verwitweten Vater schildert, der sich immer mehr von der Welt isoliert, Verwandte und Freunde abweist, Martin zu Arbeitseinsätzen ins leere Haus bestellt, wo sie dann vor dem Fernseher sitzen, Fertiggerichte verzehren, aneinander vorbeireden. Und immer wieder diktiert der Vater lange verbitterte Briefe.

Großes Selbstbewusstsein

Der Roman hat also auch seine Nachtseiten. Zugleich bietet Henschel einen Schelmenroman an, denn fast noch öfter, als er über verspätete Zahlungen flucht, freut sich der Erzähler über den nächsten Auftrag, einen weiteren Kontakt, Angebote von Verlegern. Dieser Martin Schlosser startete als Autodidakt, mit abgebrochenem Studium. 

Und er tastet sich in den Beruf, bietet unangeforderte Texte an. Sein Selbstbewusstsein hingegen ist groß. Da misst er sich an Vorbildern wie Arno Schmidt, Karl Kraus, Ror Wolf. Ein antiautoritärer Impuls durchzieht den Roman. Der Held sucht sich geistige Autoritäten, die er vernichten kann wie die konservative Pädagogin Christa Meves und den Sozialphilosophen Horst-Eberhard Richter.

Erfolg: Wenn man einen Aufruhr auslöst

Es spricht für Henschel, dass er das Halbstarke, die Naivität nicht ausblendet, mit der sein früheres Ich sich an die Arbeit macht. Zum Beispiel in den „Kleinstadtkritiken“, die er vor allem seinen früheren Lebensstationen widmet. Über den Ort seiner Kindheit schreibt er: „Vallendar ist das übelste, fieseste, widerborstigste, verstockteste, ruppigste und bigotteste Stück Rheinland-Pfalz, das Niedertracht und Unverschämtheit jemals aus dem geweihten Boden der Tatsachen gestampft haben...“ Das wird Thema im Stadtrat, man denkt über gerichtliche Schritte nach. Erfolg: Wenn man einen Aufruhr auslöst.

Da der eigene Vater ausfällt, sucht sich Martin Schlosser andere Leitfiguren. Walter Kempowski taucht nur noch in Briefen auf. Dafür wird Michael Rutschky wichtig, Redakteur des „Alltags“. 

Laufende Kommentare zum Zeitgeschehen

Die Stimmung in den Besuchen bei Herrn und Frau Rutschky, einem Intellektuellen-Paar der alten Schule, ist zauberhaft: Wie sie im einen Moment von der Rassekatze sprechen und im nächsten von Pierre Bourdieu oder in Bademänteln am Frühstückstisch Zeitung lesen. 

Martin Schlosser kommt mit Kollegen in Kontakt, es gibt wunderbare Miniaturen über Wiglaf Droste, mit dem er eine Recherche im schwulen Berlin unternimmt, und Max Goldt, der ihm nach dem ersten Treffen die Hände streichelt: „Eigentlich nett, auch für einen Hetero, die Hände mal von einem Mann gestreichelt zu bekommen.“

All das andere fehlt natürlich auch nicht: Die laufenden Kommentare zum Zeitgeschehen, wie das rauschhafte Treiben zur Wiedervereinigung in Berlin und Ausschreitungen rechtsextremer Jugen

„Dekadentes Biertrinken und Fernsehkucken“

Martin, den seine Freundin verlassen hatte, besucht wieder einen Tantra-Workshop und lernt eine Geistesverwandte kennen, Kathrin Passig, mit der er nicht nur guten Sex hat, sondern die auch seine Lesevorlieben teilt und für „dekadentes Biertrinken und Fernsehkucken“ zu haben ist. 

Er landet in einer Wohngemeinschaft mit Intellektuellen, in der Mäuse an den Vorhängen hochklettern, er kreuzt den Weg von Didi Hallervorden, er verguckt sich in die Zahnärztin, die seine „Frontzähne beackert“, die schöne Frau Schwickerath. Wieder rettet er rare Wendungen wie „raffitückisch“. Da „verschlumelt“ die Oma ihr Hörgerät, Richter „möhrte vor sich hin“.

Herrliche Geschichte

Wieder gibt es diese herrlichen Geschichten wie die Begegnung mit der Schneiderin in der Kneipe, in deren Bett er landet: „Sie warf den Kopf in den Nacken wie eine Königskobra, und ich sah ihre Kehle von unten.“ 

Sie will ihn nicht wieder fortlassen und versteckt seine Schuhe. Schließlich entkommt er doch, beschuht, und ihr zweijähriger Sohn ruft ihm nach: „Böser Mann!“

Gerhard Henschel: Erfolgsroman. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg. 602 S., 26 Euro

Quelle: wa.de

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