Geierabend „Bye bye Bottrop“ in Dortmund

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Insekten planen den Aufstand gegen die chemische Keule im Kleingarten: Hans-Peter Krüger (von links), Hans Martin Eickmann, Martin F. Risse, Murat Kayi und Sandra Schmitz auf der Premiere des „Geierabend“ in Dortmund.

Dortmund - Die Bienchen, Hornissen, Stinkkäfer und Eintagsfliegen sind etwas steif in der Hüfte, wie sie da auf die Bühne tappeln. Es eint sie das „Verbrechen gegen die Insektlichkeit“ und der Kampf gegen Kleingärtner Koslowski, der „Schädlingen“ mit der chemischen Keule begegnet. Sie planen die Attacke.

Und zwischen hohen Grashalmen sprießt die ewige Geschichte vom Aufstand, der letztlich erfolglos sein wird, ob im Reich der Insekten oder an der Ruhr. Denn wenn es im Revier eine Erfahrung gibt, dann die, dass gegen die Großen nicht viel zu machen ist – trotz Solidarität und „Widerstand durch Stich“.

Bei der Premiere des neuen „Geierabend“ geht das spielfreudige Ensemble ganz spöttisch mit solchen Wahrheiten um. Auf der Zeche Zollern in Dortmund wird in den nächsten Wochen wieder gegeiert. Der Ruhrpott-Karneval bietet mit seinen Revierfiguren die kritische Alternative zum rheinischen Frohsinn. Und neben den ideenreichen Sketchen mit viel Musik sind die Kostüme von Franziska Mense-Moritz immer wieder erstaunlich, weil sie oft unperfekt kindlich am Vorbild orientiert wirken – siehe Bienchen und Co.

Willkommen sind im Karneval bekannte Typen. Vor allem aus Schnöttentrop im Sauerland. Martin F. Risse ist der Schlendersack, der mit Jubel begrüßt wird und dann Kühe fliegen lässt, den Deutschland-Achter im Dortmund-Herne-Kanal irritiert und immer einen Getränkewagen mitführt. Der Ausflug endet – wie immer – im Güllestübchen. Prost.

Auch Roman Henri Marczewski, der Präsident, und Martin Kaysh, der Steiger, zählen zum Stammpersonal. Und wie beide säuerlich wie süffisant die politische Misere umkurven, nimmt der Hoffnung jedes Niveau: „Wir glauben an die Angela und haben immer Durst.“

Motto der diesjährigen Sezession ist „Bye bye Bottrop“, die letzte Zeche stirbt, und was wird aus dem Ruhrgebiet? Musikalisch antwortet das Ensemble mit „Auf, Glück auf“ zu Klaus Lages Song „Faust auf Faust“. Alle tragen Schimanski-Jacken und nehmen die Zukunft kämpferisch an. Außerdem muss man im Revier keine Angst haben, denn der Ruhri lebt ewig. „Tod im Karnickelstall“ ist eine jener bekloppten Storys, die belegen, dass ein Züchter den Sensenmann austrickst und für sich 15 Jahre mehr rausholt. Wie Sandra Schmitz als Gevatter Tod klagt, dass sich keine Staublunge mehr finden lässt und sie nicht mehr auf ihre Quote kommt, das ist herrlich bissig vorgetragen. Schmitz gelingt auch als gefiederter Bundesadler eine Klasse-Nummer, wenn sie „Dienstfedern“ trägt und sich mit Billigmaskottchen wie den WM-Löwen Goleo vergleicht. Ein Depri-Adler, der Alexander Gauland erlebt, als der AfD-Politiker mit offener Hose stöhnt: „Mein Reichsadler...“.

Auf die scharfe politische Analyse ist am Geierabend immer Verlass. „Was liegt am Boden und kann noch umfallen?“ Das besondere Verhältnis zur SPD spießt Martin Kaysh immer wieder auf. Armin Laschet schlägt er für den Pannekopp-Orden vor, weil der CDU-Ministerpräsident von den Olympischen Spielen in NRW träumt, wo Sportstätten vor sich hinbröckeln. Den Applaus vom Publikum entlarvt er aber als voreiliges SPD-Geklatsche. Zweiter Kandidat für den Orden (25 Kilo Schrott) ist die lit.Cologne, die ihr Leseprogramm zur lit.ruhr gestreckt hat, um das Ruhrgebiet zu alphabetisieren – 500 000 Euro teuer, während der Literaturpreis Ruhrgebiet dahinsiecht. Ganz schrill wird Lokalpolitik aufgegriffen, wenn „Wemser und Missgeburt“ ihre Mutter loswerden wollen. Und der Wohnblock „Hannibal“ in Dortmund von OB Sierau einfach leergezogen wird. Wohin mit den Menschen? Es folgen derbe Lösungen.

Auch das Absurde hat am Geierabend Konjunktur. Wie Trump (Martin F. Risse) und Kim Jong-un (Murat Kayi) einen „Pas de doof“ tanzen, ist völlig abseitig und deshalb schon wieder gut. In der letzten Zeche „Prosper Haniel reloaded“ sollen Hass-E-Mails verklappt werden. Ein gelber Hass-Castor explodiert, und das Ensemble zelebriert einen Nonsens („Frag’ den Kanarienvogel“), der nicht zu toppen ist: „Ich düse düse im Sauseschritt und nehm den Kumpel mit“. Herrlich.

Musiknummern bleiben eine Stärke des Geierabends. Franziska Mense-Moritz stimmt als güldene Sonnenstatur einen grellen „Klimasong“ an und ähnelt einer bizarren Erscheinung wie aus Fritz Langs Stummfilm-Zeit. Nur die AWO-Oppas und die Hossa Boys schwächeln etwas vor sich hin.

Der gespielte Witze zum Brexit („Schotten auf Hallig Gallig“) ist aber klasse, und die zwei von der Südtribüne übergehen die Tabellenkalkulation und massieren die Borussenseele: „Alkohol hilft gegen akute Realität.“ Hans Martin Eickmann fragt wie immer: „Schalker hier?“ Aber wohl zum letzten Mal, denn nach 20 Jahren will er aufhören, ebenso Regisseur Günter Rückert. Beim Geierabend tut sich was, aber bis Aschermittwoch bleibt alles beim Alten.

Bis 13. 2. gibt 36 Vorstellungen; Info-Tel. 0231/1425 25; www.geierabend.de und www.fletch-bizzel.de

Quelle: wa.de

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