„Das Geheimnis der Dinge“: Die Kunsthalle Recklinghausen zeigt „Malstücke“

Feinmalerei hinter Glas: Wolfgang Hamms Bild „Die Uhr hat Zwölf geschlagen“ (2018) ist in Recklinghausen zu sehen. Fotos: Stiftel

Recklinghausen – Es ist unklar, was man in Sibylle Springers Gemälde sieht. Das schmierige Rosarot in weißen Falten: Hat da eine abstrakte Expressionistin Emotionen festgehalten? Oder sehen wir wirklich ein Stück befleckten Stoff? Der Titel hilft vielleicht weiter. Es ist die chemische Formel für E 605, das Pflanzenschutzmittel, das früher gern für Giftmorde verwendet wurde.

Das kleine Querformat ist in der Ausstellung „Das Geheimnis der Dinge“ in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Der Künstler Hartmut Neumann hat nicht nur das titelgebende Bild beigesteuert, er hat die sehenswerte Schau auch kuratiert. Er bat befreundete Kollegen um Beiträge. Die erwünschten „Malstücke“ sollten das Format 50 mal 40 cm nicht überschreiten, es sollten intime Bilder sein, die den Betrachter nicht überwältigen, sondern konzentriert angeschaut werden. Und die Malerei sollte der Gegenständlichkeit verpflichtet sein, im Spannungsfeld, dass die Kunst einerseits etwas erzählt, denn das tut man ja mit Geheimnissen, aber andererseits nicht gleich alles ausplaudert, sondern noch genug Rätsel übrig lässt.

Bei rund 50 Künstlern und gut 170 Bildern erwartet den Besucher eine große Bandbreite an Stilen und Techniken. Zumal Neumann, der eine Professur an der Kunstakademie Braunschweig innehat und 1983 den Kunstpreis junger westen gewann, neben lebenden Künstlern auch noch klassische Positionen einbezog, die vielleicht einen Einfluss auf ihn und seine Kollegen hatten. So sieht man das Stillleben „Vogelbauer“ von August Macke (1912), eine Straßenszene von Jean Fautrier („La terrasse de café“, 1928), ein Stillleben von Bruno Goller mit gemalten Papieren und einer Stoffschleife (1946), einen surrealen Wald von Max Ernst (1951). Eine Reihe von Arbeiten entstand eigens für die Schau.

Manchmal ergeben sich hübsche Korrespondenzen zwischen den Arbeiten. Am Anfang zum Beispiel scheinen sich ganz unterschiedliche Künstler verabredet zu haben, Gläser zu malen. Von Dieter Krieg (1937-2005) sind drei wuchtig expressiv hingefetzte Cognacschwenker (1983) zu sehen. K. H. Hödicke serviert ein in rotes Kneipenlicht getauchtes Glas Guinness (1988), das überschäumt. Leiko Ikemura zeigt reduzierte Wassergläser, in denen ein wenig Rotwein steht („Glas“, „Wein und Orange“, 1990-93). Peter Dreher malt fast täglich ein Wasserglas in Originalgröße, in Recklinghausen hängen jeweils zwei Taggläser und zwei Nachtgläser (1994). Und Johannes Hüppi macht Bilder von Kollegen zum Gegenstand eigener Malerei, auf einem ist eins der Gläser von Dreher neben einem Stillleben des niederländischen Barockmeisters P. Claesz zu sehen (2018).

Die Vorgaben Neumanns haben zwar das Feld eingegrenzt. Trotzdem findet der Besucher geradezu eine enzyklopädische Übersicht darüber, was heute Malerei sein kann. So verhandeln die Künstler gleich über die Grenze zwischen Figürlichkeit und Abstraktion, schon die eingangs erwähnten Bilder Sibylle Springers weisen diese Ambivalenz auf. Cornelius Völker bildet Kleckse auf einer unklaren Oberfläche ab, der „Fleck“ (2010), sonst beim abstrakten „Dripping“ benutzt, wird nun zum Gegenstand von präzisestem Realismus. Daneben hängen Bilder von abgelösten Pflastern mit Blutflecken, und der Maler stellt sich mit kühlen Dingabbildungen in die Tradition des Sakralkunst: Zeige deine Wunde. Thomas Huber wiederum scheint sein Bild „Der Rote Fries XX“ (2013) nur aus geometrischen Elementen komponiert zu haben, roten, grauen, weißen Streifen, grünen Kreisen. Aber Spiegelungen und Schattenwürfe suggerieren dem Betrachter einen Raum, in dem ein Bild an einer Wand lehnt.

Von Mehrdeutigkeit versteht auch Neumann einiges. Seine Malstücke in Recklinghausen zeigen surreale Gewächse, nächtliche Blüten und schwellende Knospen. Beim „Geheimnis der Dinge“ (2018) wiederum klafft in der Bildachse ein stachelbesetzter Spalt, vielleicht eine Übersetzung von Courbets „Ursprung der Welt“ in die Botanik.

Man findet wunderbare Neuinterpretationen der Feinmalerei in der Schau wie Wolf Hamms Hybride aus Stillleben und Landschaft, zum Beispiel „Die Uhr hat Zwölf geschlagen“ (2018), die er hinter Glas ausführte. Oder die subtilen Kompositionen von Robert Elfgen, der Messing mit Säure ätzt und auf diesen kostbar schimmernden Grund einen banalen, aber hochrealistischen Hut malt („ding dong I“, 2018). Und wunderbare Irritationen des Blicks schafft auch Tim Berresheim mit seinen Bildern der „Floozy“-Serie, aus der Ferne sind das einige flüchtige Striche grau auf grau. Beim genauen Hinsehen erkennt man, dass er feinste gelbe Punkte getüpfelt und die mit noch feineren Linien verbunden hat, um den plastischen Effekt seiner Bilder zu erzielen.

Bis 7.4., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02361/ 501 935, www.kunst-re.de,

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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