Das Frühwerk Tintorettos im Kölner Wallraf-Richartz-Museum

Die mit den Büchern tanzen: Jacopo Tintorettos Gemälde „Christus unter den Schriftgelehrten“ kommt aus Mailand ins Kölner Wallraf-Richartz-Museum. - Foto: © Veneranda Fabbrica del Duomo di Milano

KÖLN - Was für ein Ballett der Folianten und der Weißbärte! Überall bewegen sich die alten Männer in Jacopo Tintorettos Gemälde „Jesus unter den Schriftgelehrten“ (um 1539). Der eine scheint in das Buch abtauchen zu wollen, der andere vollführt in seinem gelben Mantel eine Pirouette, und auf einer Tribüne hinten drängen sie vor wie Lemminge zum Abgrund. Sogar der Leser rechts vorne wirft das Bein in die Luft.

So verwandelte der Meister aus Venedig eins der visuell langweiligsten Themen überhaupt – ein redendes Kind und viele Zuhörer – in ein berauschendes Drama für die Augen. Da war der Künstler gerade 20, vielleicht 21 Jahre alt, ein junger Wilder, frühreif, der den Konkurrenten zeigte, wie man es macht.

Das Bild empfängt den Besucher der grandiosen Ausstellung „Tintoretto – A Star was born“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Als vorgezogene Gratulation zum 500. Geburtstag des Renaissance-Malers (1518–1594) widmet sich die Schau seinem Frühwerk. Was den Vorzug hat, wie Kurator Roland Krischel erläutert, dass man hier bei kleineren Formaten noch mehr Werke hat, die ausschließlich aus der Hand Tintorettos stammen. Als er etabliert war, betrieb er eine große Werkstatt und ließ vieles von Gehilfen ausführen. 74 Exponate brachte Krischel zusammen mit Leihgaben aus den großen Museen der Welt, allein vier Bilder kamen aus dem Prado in Madrid an den Rhein, der Louvre, die National Gallery London und die in Washington sind dabei, und im Anschluss zeigt das Musée du Luxembourg in Paris die Schau.

Hier wird zunächst dem Auge ein Fest geboten, zum Beispiel mit dem dramatischen „Kampf Georgs mit dem Drachen“ (um 1553), das in strahlenden Farben einen Dreiklang bietet. Vorn flüchtet die in prunkvolle rote und blaue Gewänder gekleidete Prinzessin, dahinter setzt der Ritter zum entscheidenden Lanzenstich gegen das Monster an, und am Himmel erblickt man in einer strahlenden Aureole Gott als ausschlaggebenden Helfer. Man kann auch den „Sündenfall“ (um 1551/52) bestaunen, diesen herrlichen Doppelakt, bei dem die Schlange nur am oberen Bildrand auftaucht, aber Evas Arme gleichsam als Verlängerung des Dämons erscheinen. Und Adams Nacken ist von der Sonne gebräunt, der Rücken blass, so als ob der erste Mensch vorher Kleidung getragen hätte, ein gewagter Bruch mit der biblischen Erzählung. Und schon in der „Anbetung der Könige“ (um 1537/38) bringt der noch jugendliche Maler eine überzeugende Dynamik, indem er einen König als an das Kind heranschreitende Rückenfigur zeigt. Wie radikal er das Thema erneuerte, zeigt eine Anbetung von Francesco da Santacroce daneben, in der die Figuren steif posieren wie in einem Krippenspiel. Hier freilich strahlen die Farben wunderbar, Santacroce hatte nicht am Ultramarin gespart, dem teuersten Farbpigment.

Tintoretto, das Färberlein, nannte man den Künstler, sein Vater war ein Färber. Man weiß nicht viel über seine Jugend und Ausbildung. War er Autodidakt? Lernte er bei einem Maler, zum Beispiel Bonifacio de‘ Pitati? Angeblich warf ihn Tizian nach kurzer Zeit aus seiner Werkstatt, aus Neid auf das Talent des Jungen. Aber für die Schau wurde viel geforscht, praktisch jeder Leihgeber erhält sein Bild mit zusätzlichen Informationen zurück, betont Kurator Krischel. Dazu gehören auch mit vielen Indizien unterfütterte Mutmaßungen über die Werkstatt des jungen Meisters Tintoretto, der gut als Subunternehmer für etablierte Kollegen gearbeitet haben konnte. So galt das Porträt des Kaufmanns und Diplomaten Nicolò Doria (1545) lange als Werk Tizians. Der strich Geld und Ruhm ein, aber der unbekannte Tintoretto erledigte die Arbeit. Sicher beweisen kann Krischel seine Theorie nicht, aber die Arbeitsweise gab es in Venedig, und ebenso finden sich Briefstellen, die diese Annahmen stützen.

Mehrere Bilder wurden Tintoretto neu zugeschrieben, darunter das „Liebeslabyrinth“ aus der Sammlung des englischen Königshauses. Das stand auf einer Ladeliste von 1615 als Werk Tintorettos, wurde später aber dem flämischen Maler Lodewijk Toeput zugeschrieben. Nun weist Krischel nach, dass es aus Tintorettos Werkstatt stammt – und dass es 1538 begonnen, aber erst fast 15 Jahre später vollendet wurde.

Überhaupt bietet die Schau Einblicke in die Arbeitsweise des Genies. So wird ein enger Werkstattmitarbeiter der frühen Jahre greifbar, Giovanni Galizzi, ein durchaus fähiger Maler, wie eine Darstellung dreier Heiliger (1547) zeigt. In einer Reihe von Bildern experimentierte Tintoretto mit der Perspektive von phantastischen Architekturen. Galizzi malte in diese leeren Szenen Figuren, damit die Bilder verkäuflich wurden. So entstanden zum Beispiel „Salomo und die Königin von Saba“ (um 1546-48) und „Christus und die Ehebrecherin“ (um 1547-49).

So viel ist zu entdecken in Köln, die gewagten perspektivischen Verkürzungen wie in „Jupiter und Semele“ (1541/42), konzipiert als Deckengemälde, und man scheint tatsächlich in den Himmel zu blicken, wo Jupiter seine Geliebte ungewollt mit einem Blitz verbrennt. Die „Heilige Familie“ (um 1550), bei der nur Josephs Kopf ausgeführt ist und der Rest als Untermalung stehen blieb, eine Skizze, die den Malprozess sozusagen vorführt. Und das Männerporträt (um 1547/48 oder 1557), das lange als Werk Annibale Carraccis galt, das Krischel nun Tintoretto gibt, eine eindringliche Komposition, die viel moderner wirkt als viele andere Bildnisse des 16. Jahrhunderts.

Bis 28.1.2018, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221 / 221 211 19, www.wallraf.museum,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 35 Euro

Quelle: wa.de

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