Frank Behnke inszeniert Tschechows „Platonow“ am Theater Münster

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Im Zornesrausch bewegt sich Platonow am Theater Münster: Szene mit Dennis Laubenthal in der Titelrolle.

Von Edda Breski MÜNSTER - Von den Toten Hosen stammt die Songzeile: „Kein Alkohol ist auch keine Lösung/Es würde gehn, doch es geht nicht gut“. Am Theater Münster inszeniert Frank Behnke das frühe Tschechow-Drama „Platonow“ als alkoholgeschwängerte Party, deren Folgen nicht mehr zu stoppen sind: Alles wegen Wodka. Bei ihm suchen die Tschechow-Figuren, die das Leben nicht meistern können, im Suff Erlösung und Zerstörung zugleich.

Der russische Dramatiker schrieb „Platonow“ mit 18, und wollte man das Stück ganz aufführen, man käme auf über sieben Stunden, eine Orgie der Langeweile und der Ironie. Der Dorflehrer Platonow kompensiert sein Versagen beruflicher und vor allem moralischer Art durch grandiose Ausfälle gegen seine Mitmenschen. In Münster macht Dennis Laubenthal daraus einen dreistündigen Zornesrausch, sarkastisch mit Tendenz zum Groben. Seine Beleidigungen bringt er anfangs noch leichthin, da wirkt Behnkes Inszenierung noch wie eine – ziemlich schleppende – Sitcom. Gutsbesitzerin Anna Petrowna schart Anbeter und Sektflaschen in rauen Massen um sich. Claudia Hübschmann räkelt sich filmstargleich im Sessel, fegt eine unerwünschte Blumengabe in den Bühnengraben und lässt unter einer Schicht spröden Leichtsinns, mit dem sie sich als Frau von Welt ausgibt, Hilflosigkeit durchblicken. Aus den Schlagabtäuschen wird mit zunehmendem Rausch ein hemmungsloses Scharmützel, durch das Laubenthal hindurchwankt. Wodkaflaschen tauchen auf, das Akkordeon spielt Trinklieder, Annas Sohn Sergej, sehr schön als Maniker angelegt von Maximilian Scheidt, tanzt mit einem Stuhl. Das ist in Kombination mit einer Glitzerkulisse etwas viel Russenklischee, aber funktionell: Im Suff enthüllt sich die Seele.

Platonow wird von allen Frauen im Stück umworben. Sie verstehen die Unverschämtheiten, hinter denen er sich versteckt, als Ehrlichkeit und wollen ihn retten. Aber Behnkes Platonow ist ein Melancholiker: grob, aber lethargisch und zu jeder Entscheidung unfähig. In die Affäre mit Sergejs Frau Sofja (Maike Jüttendonk) driftet er hinein, am Schluss gibt sie ihm praktisch den Gnadenschuss.

Im Partytrubel enthüllen sich die Probleme langsam: Geldmangel, Existenzängste, das durch den Kaufmann Bugrow verkörperte Gewinnlertum. Behnke aktualisiert nichts, sondern überlässt es seinen Schauspielern, das Drama voranzutreiben. Das tun sie, indem sie sich allesamt die Seele aus dem Leib spielen: von Ilja Harjes‘ verzweifeltem Zyniker Nikolaj zu Mark Oliver Bögels selbstgerechtem Gutsbesitzer Glagoljew zu Marja, die von Marlena Keil auf einem haarfeinen Grat zwischen Drama und Karikatur gezeichnet wird. Der Adelssohn Kirill Glagoljew wird bei Daniel Rothaug zum verdorbenen Kind, das aus Rachsucht Unheil stiftet.

Als Platonows betrogene Frau (Julia Stefanie Möller) verlassen wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern auf der eingenebelten Bühne sitzt, erlaubt sich die Inszenierung einen Ausflug in den Kitsch. Aber generell setzt Benke auf die Wucht des Rauschs. Unterhaltsam, weil abgedreht, und zugleich logisch eingebunden ist eine Stelle, in der Sergej betrunken auf einem Motorrad heranbraust und Hamlet spielt.

Die Inszenierung funktioniert auch wegen des Bühnenbildes (Günter Hellweg): Die Drehbühne verweist auf den Schwindel des Rauschs und den unaufhaltsamen Schwung der Ereignisse. Ein glitzernder Fransenvorhang deutet das Gut an und erlaubt es den Schauspielern, aufzutauchen und zu verschwinden, zu belauschen und die Vorgänge einer wilden Party anzudeuten.

26.9., 5., 15., 17., 23.,, 25., 28.10., 29.11., 2., 12.12.;

Tel. 0251/ 5909 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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