Das fotografische Werk von Axel Hütte in Bottrop und Düsseldorf

+
Irregeführter Blick: Axel Hüttes Foto der Albertina-Bridge in Südafrika (2001) ist in Düsseldorf zu sehen.

BOTTROP/DÜSSELDORF - Der Horizont in der Ferne verschwimmt fast im Dunst. Man ahnt mehr die weite Ebene mit Bäumen, Hügeln, Häusern, als dass man sie sieht. Die Mauer am rechten Bildrand ist gestochen scharf abgebildet auf dem Foto, das Axel Hütte 1990 in San Miniato, Italien aufnahm. Das monumentale Foto, zwei Meter hoch, öffnet dem Betrachter einen Bildraum, den er eigentlich nicht erfassen kann.

In der erlernten Art, Bilder zu machen, rückt das Wichtige ins Zentrum. An den Rändern schaut man vorbei. Auf Hüttes Foto ist in der Mitte nichts, ein dunstiges Weiß, Himmel. Man ist vor dieser Komposition gezwungen, gegen die antrainierte Blickrichtung zu sehen. Axel Hütte fordert die Wahrnehmung heraus, wo er dem ersten Blick scheinbar eine normale Landschaft bietet. Hier stellt er dem Auge ein Rätsel: Was gibt es eigentlich zu sehen?

Axel Hüttes Bild ist im Josef Albers Museum in Bottrop zu sehen. Das Haus zeigt eine von zwei parallelen Ausstellungen des 1951 in Essen geborenen Fotografen, der bei Bernd und Hilla Becher studierte. Die Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie brachte weltbekannte Fotografen hervor: Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Struth. Hütte ist nicht ganz so berühmt, obwohl er zu den ersten Schülern Bernd Bechers gehört. Jetzt würdigt ihn eine Werkschau, für die ein Museum nicht genügt. Bottrop konzentriert sich mit rund 150 Fotos auf das Frühwerk von 1978, als Hütte noch studierte, bis 1995. Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigt rund 70 großformatige Landschaftsaufnahmen der letzten 20 Jahre.

Welche Überwältigungskraft Fotografie inzwischen erreicht, das zeigen die monumentalen Abzüge der Ausstellung „Night and Day“ in Düsseldorf. Hier findet man Werke, die die selbe Strategie verfolgen wie das Bild aus San Miniato, zum Beispiel die Aufnahme der Albertina Bridge in Südafrika (2001). Durch das Gitter der Brückenträger blickt man auf ein Flusstal. Aber die Beschreibung führt bereits in die Irre: Hütte hat die Schärfe auf die Stahlträger gelegt, an denen man genau die Niete sieht, die rostigen Stellen, an denen die graue Farbe abplatzt. Die Landschaft hingegen erscheint in eine Art Dunst getaucht, die Gestimmtheit des Anblicks wiegt schwerer als die Einzelheiten. Wieder arbeitet Hütte gegen die Sehgewohnheiten. Er zeigt die Brücke nur im Detail, so dass das Auge sie als Rahmung wahrnimmt oder auch als visuelle Sperre – sie gerät eben nicht als ganze in den Blick. Die Landschaft verschwimmt unterdessen, so sehr man sie auch fixieren möchte.

Hütte arbeitet mit der Plattenkamera, einem historischen Werkzeug, das gerade nicht bequem zu benutzen ist. Aber durch die hohe Auflösung und die Besonderheiten des Objektivs liefert sie eben auch Bilder, die mehr abbilden als das menschliche Auge. Das Ergebnis sind unglaubliche Bilder wie der Blick auf die Niagara-Fälle (2016), bei dem man den Eindruck hat, auf dem Flusswasser zu stehen, das genau vor uns in die Tiefe stürzt. Mehr als die Hälfte des Bildes ist weißgraue Monochromie, nur ein Streifen unten ist lesbar, und auch hier nur in Partien mit einigen Sträuchern, einigen treibenden Eisschollen, der aufgewühlten Wasseroberfläche. Das Großformat gehört dabei notwendig zum Werk, es trägt die Suggestion, dass man den eigenen Standort vergisst.

Hütte fordert die Wahrnehmung auf immer neue Art heraus. Die Ansicht eines Friedhofs von Koyasan (Japan, 2015) bietet dem Auge keinen Anhaltspunkt. Man kann es nicht in einem Mal erfassen, sondern muss es Detail für Detail lesen. Bei einigen Nachtaufnahmen von Großstädten in Asien und den USA verwendet Hütte die Technik der Daguerrotypie, das heißt, er nimmt Metall als Bildträger, das je nach Blickwinkel silbrig durchschimmert. Manche Fotos zielen auf grafische Strukturen, zum Beispiel eine Ansicht aus einem Wald in Venezuela (2007), in der Blätter und Äste eine abstrakte Struktur bilden, fast wie Kalligrafie. Oder er fotografiert Bäume, die sich in einer bewegten Wasseroberfläche spiegeln, und dreht das Bild, so dass der Betrachter die Schlieren und die Unschärfe erst entschlüsseln muss (San Fernando de Atabapo, Venezuela, 2007).

In Bottrop kann man die Anfänge des Fotografen Hütte studieren. Ab 1978 fotografierte er viele Architekturmotive, wie die Bechers, allerdings im Unterschied zu ihnen Innenräume. Hausflure in Düsseldorf, unspektakuläre Orte, die nicht zum Aufenthalt, sondern zum Durchgang bestimmt waren. Hinzu kommen Tankstellen und Tiefgaragen, auch das eher reizlose Szenen. 1982 besuchte er London im Rahmen eines DAAD-Stipendiums, und da lichtet er Straßenzüge ab. Auch hier geht es nicht um besondere Architektur, sondern um Miets- oder Bürohäuser, Hinterhöfe, Aufgänge, Durchgänge, und man hat den Eindruck, dass es dem Fotografen weniger um die Abbildung der Bauten geht, als um Fluchten und Öffnungen, wie bei der Aufnahme des Peabody Estate, wo der Blick auf einer Portal-Situation landet, einem Abstellort für Metalltonnen. Eine eigene Serie ist U-Bahnhöfen vor allem in Ostberlin gewidmet, die er kurz vor und nach der Maueröffnung besuchte. Er schuf Triptychen. Die Mitteltafel bildet die Beschriftung auf einer gefliesten Wand, wobei jede Station eine eigene Fliesenfarbe hatte, und an den Seiten sind Aufnahmen menschenleerer Gänge.

Es gibt hier auch eine Serie mit Porträts, bei denen Hütte Freunde und Bekannte ablichtete, alle streng frontal, unterschieden nur durch die – vom Fotografen und dem Modell gemeinsam ausgewählte – Kleidung und den Hintergrund. Es entstand die Typologie eines Milieus, eine rheinische Kunst-, Studenten- und Kneipenszene, bei der im anonymisierenden Format eine Reihe heute Prominenter zu finden ist, Rosemarie Trockel, Thomas Ruff, Martin Kippenberger, Isa Genzken und viele andere.

Quadrat Bottrop bis 7.1.2018, di – so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02041 / 29 716,

www.quadrat-bottrop.de, Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 38 Euro

Museum Kunstpalast bis 14.1.2018, di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0211 / 566 42 100, www.smkp.de, Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare