„Fangschuss“: Quatsch und Krimi im „Tatort“ aus Münster

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Gibt es eine Familienähnlichkeit zwischen dem Kommissar und dem blauhaarigen Mädchen? Szene aus dem Münster-Tatort mit Jan Josef Liefers, Axel Prahl und Janina Fautz (von links).

Auf einmal klingelt Leila, 22 Jahre jung, knallblaue Haare, immer einen Spruch auf den Lippen. Nur Kommissar Thiel hat’s eilig und knallt der ungeladenen Besucherin die Tür vor der Nase zu. „Charmant“, meint sie trocken. Und fragt kurz darauf, ob sie zu Thiel lieber Daddy oder Papa sagen soll.

Ob die kurze Affäre mit Jugendliebe Biggi Folgen hatte, treibt den Kommissar des Münster-„Tatorts“ fast mehr um als die rätselhaften Todesfälle in der Westfalenmetropole. Auch Gerichtsmediziner Prof. Boerne drücken in der Folge „Fangschuss“ private Sorgen. Seine Assistentin „Alberich“ hat eine beginnende Glatze bei ihm ausgemacht. Und er büffelt gerade für die Jagdprüfung, nicht ohne an passenden und unpassenden Stellen mit waidmännischem Jargon aufzutrumpfen. So fragt er Thiel plump-vertraulich zu Leila, was der denn mit dem „Schmalreh“ wolle, da wäre doch eine „reifere Ricke“ passender.

Seit 15 Jahren begeistert das Münsteraner Ermittlerteam mit seinem speziellen Humor das deutsche Fernsehpublikum und sorgt für Top-Quoten, die sonst allenfalls Übertragungen von Fußball-Länderspielen erreichen. Auch der 31. Fall von Thiel und Boerne schwebt auf der schmalen Grenze zwischen Krimi und Quatsch.

Man kann natürlich dem Autorenteam Stefan Cantz und Jan Hinter vorwerfen, dass sie schon arg viele Zufälle verbrauchen, damit ein Mordopfer und der ermittelnde Kommissar vor 22 Jahren was mit Biggi hatten und die einzigen Kandidaten für die Vaterschaft von Leila sind. Und das ist nicht der einzige wunderbare Zusammenhang in dieser Geschichte. Aber man kann den Film auch als das fein austarierte Kunstmärchen sehen, als das er wohl gemeint ist. Da greift dann ein Rädchen ins andere, jedes Haar hat Beweiskraft, jedes Versuchstier spielt eine Rolle, jeder Schuss trifft ins Schwarze, selbst wenn Boerne bei der Schießprüfung über die mangelhafte Waffe klagt. Buddy Giovinazzo, Tatort-erfahrener US-Regisseur, versteht sich auf Action wie auf Slapstick: Allein, wie oft dem ebenso undurchsichtigen wie unbeholfenen Gangster, der auch noch durch die Handlung geistert, die Hand eingeklemmt wird...

Erst stürzt also ein abservierter Liebhaber aus dem Hochhaus und versetzt seiner Ex einen Schock. Dann wird der Journalist Jens Offergeld erschossen, der seit einem tragischen Verkehrsunfall mehr trank, als seiner Karriere gut tat. An Verdächtigen mangelt es auch nicht. Wollte etwa der Vater jener jungen Frau sich rächen, die von Offergeld angefahren wurde und nach langem Leiden starb? Der Mann wohnt nebenan, ist Jäger und hat – noch ein Zufall – gerade seine 38er verloren, die genau das Kaliber der Tatwaffe im Fall des Journalisten hat. Oder wollte der schmierlappige Futtermittelhändler Martens verhindern, dass seine Geschäfte mit verseuchtem Getreide aus der Ukraine auffliegen? Es heißt, dass Offergeld einer heißen Sache auf der Spur war. Der Datenträger mit den Informationen ist verschwunden.

Das Münsteraner Team spielt die Gags mit souveränem Understatement aus, ohne in Routine zu verfallen. Jan Josef Liefers schwelgt in der Eitelkeit Professor Boernes, der nicht nur sprachlich auf Waidmann umschult, sondern auch modisch jede Menge Loden trägt. Nur bei seinem Friseur (den Jan Dose mit gerade genug Klischee-Schwuchteligkeit mimt), treiben ihn andere Sorgen um. Dafür triezt ihn die Pharmaunternehmerin und Jagdprüferin Freya Freitag. Jeannette Hain gibt die strenge Lady, die immun gegen Boernes Charme ist, mit der herben Kälte einer Domina. Axel Prahls Thiel muss ohne Vaddern auskommen, hat aber in der grandiosen Janina Fautz mehr als adäquaten Ersatz. Diese patente Nervensäge, die garantiert jede Anweisung ihres Vielleicht-Vaters missachtet und durchaus Geschmack am Rumschnüffeln findet, belebt die westfälische Mördersuche doch erheblich.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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