Erzählungen von Valeria Parrella

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Die italienische Schriftstellerin Valeria Parrella

„Es ist mein letztes Leben. Denk daran, wenn der Moment kommt, und sei nicht traurig, denn das ist die Wahrheit“, schreibt Valeria Parrella in ihrer Erzählung „Das letzte Leben“. Sie lässt eine junge Frau im Angesicht ihres eigenen Todes zu Wort kommen, und entwickelt dabei jene rationale Klarheit, die Sterbenden nachgesagt wird, wenn sie das Irdische überwunden haben und bereit sind. Parrella trägt dabei einen Mutter-Tochter-Konflikt vor, der ein archaisches Moment trägt, weil beiden das Handeln genommen ist. Livias Krankheit wirkt. Und die Mutter, die sich verständlicher Weise noch Hoffnung macht, lässt auch den Trost des buddhistischen Glaubens zu, der eine Reinkarnation des Menschen annimmt. Nur widerstrebt dieser kulturelle Ausweg ihrer Tochter, die eine Bewusstseinserweiterung erfährt und im „Ich“ ein Selbstverständnis spürt, dem nichts mehr fremd ist. Sogar die kranken Zellen der Leukämie nicht, sie nimmt sie an, wie die Welt und die Planetensysteme dahinter.

Die italienische Schriftstellerin zitiert Jorge Luis Borges: „Ich sah das Universum und ich sah die verborgenen Pläne des Universums.“ Der argentinische Schriftsteller zählt zu den Vertretern des magischen Realismus wie Gabriel García Márquez und Italo Calvino. Und Valeria Parrella führt diese Stilart als erzählerische Skizze vor, die einen erstaunt und lehrt, keine Angst vor dem Schicksal zu haben. Valeria Parrella ist Sprachwissenschaftlerin und Dolmetscherin für Gebärdensprache. Sie arbeitete als Buchhändlerin, Schauspielerin und lebt in Neapel.

Die Erzählung „Das letzte Leben“ wirkt in ihrem Band „Liebe wird überschätzt“ neben sieben weitern Geschichten besonders souverän. Gelungen sind sie fast alle – „Behave“ scheint etwas herauszufallen –, gelungen, weil die Erzählungen einen ganz eigenen Ton entwickeln, der sich aus Erfahrungen speist, aber ihnen nicht unterliegt. Diese autonome Erkenntnis vor allem von Frauen erhebt Einsichten über das Tatsächliche, dem nicht immer beizukommen ist.

So erfährt die junge Susanna, dass Liebe ein komplizierter mehrschichtiger Prozess ist, in dem vor allem ihre Eltern gefangen sind. Dem vordergründigen Bemühen, dass einzige Kind vor den Egoismen der Erzeuger zu bewahren, ist nicht moralisierend entlarvt, sondern wird als innerer Monolog der Eheleute aufgeführt, der Lebensweisheit vermittelt und deshalb substanziell wird. Parrella umkurvt die Klischees, wird jedem Familienmitglied gerecht und zeigt das Selbstverständnis im bürgerlichen Italien auf.

Parrellas Figuren sind tief in ihren Alltag verstrickt. Sie liefern Geständnisse, so gelebt zu haben, wie sie gelebt haben. Giulia muss ihre Mutter betreuen, das zehrt an den Kräften. Sie spricht mit ihrer Freundin, die ihr Ratschläge gibt, die tatsächlich gut gemeint sind. Und Giulia vermittelt ein Gefühl dafür, wie es dazu kommt, dass eine verheiratete Frau fremd geht. Die Sicherheit einer Beziehung macht sie nämlich attraktiver, so dass die Männer aufmerksamer werden, und es passiert. Deshalb ändert sie ihr Leben nicht, und alles scheint sich zu fügen.

Wundervoll schlüssig fühlt sich auch das Unglaubliche in der Geschichte „Die Ausgesetzten“ an. Als eine Nonne das Kloster mit einem Kind verlässt, das keine Mutter mehr hat, aber eine Zukunft bekommen soll. Die „Verantwortung“ für das kleine Wesen habe die Gesellschaft und der Freier, weiß Madre Pia, die Äbtissin. Sie ordnet diese Entscheidung in ihr ganzes Leben ein, so dass Madre Pia auch von Silvia erzählt, einer jungen Frau, die sich dem Glauben zugewandt hatte.

Valeria Parrella arbeitet an den differenzierten Biografien ihrer Figuren. Sie schreibt lebensklug über Charaktere und kulturelle Parameter. Es geht ihr um die freie individuelle Entscheidung. Das höchste Gut.

Valeria Parrella: Liebe wird überschätzt (und andere menschliche Geschichten). Erzählungen. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Hanser Verlag, München. 141 S., 18 Euro

Quelle: wa.de

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