Ersan Mondtags Stück „Das Internat“ in Dortmund uraufgeführt

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Einer ist anders: Szene aus Ersan Mondtags Stück „Das Internat“ in Dortmund mit Philipp Joy Reinhardt (rechts).

DORTMUND - Ersan Mondtags „Internat“ gleicht einem Spukschloss. Da säumen gotische Spitzbogenfenster einen Kreuzgang. Ein Waschraum hat seltsame Kokons statt Duschköpfen. Im Schlafsaal stapeln sich die Betten bis zu fünf Etagen. Beim Abendessen tragen die Insassen die gleichen graublauen Uniformen mit blutroten Armaufschlägen. Starr blicken die weißgrau geschminkten Gesichter geradeaus, während die Arme die Löffel synchron auf die Teller schlagen und an die Münder führen, tick tack, wie Maschinen.

Die Uraufführung von Mondtags Stück am Schauspiel Dortmund bringt vieles zusammen: Harry Potter trifft Rocky Horror trifft The Walking Dead. Eine Politparabel über totale Herrschaft wird als Choreografie in einem suggestiven Bühnenraum erzählt. „Das Internat“ beschäftigt die Sinne aufs Verführerischste. Schon die Szene. Mächtige schwarze Bäume sind expressiv dahingestrichelt, jeder mit zwei roten Flecken, die natürlich mit den Uniformen korrespondieren, aber auch an die leuchtenden Augen nächtlicher Geister denken lassen.

Die klaustrophobische Burg rotiert auf der Drehbühne, nimmt das Publikum mit auf dem Weg durch die Räume, in denen der Berliner Theatermacher das Spiel mit der Präzision eines Uhrwerks abschnurren lässt. Hier fügen sich alle Elemente perfekt zusammen, die Wege der Schauspieler, die oft rückwärts laufen. Mondtag erzählt nicht linear, und wenn sich im fiebrigen Geschehen Zeitlinien kreuzen, gehen eben die Uniformierten rückwärts, während der Außenseiter voranschreitet. Hinzu kommt eine ausdrucksstarke Musik von T. D. Finck von Finckenstein, mal melodiöse Kammermusik, mal atonale Klangballungen und Technorhythmen. Oft überlagern sich musikalische Schichten. Mehrmals singt das Ensemble das frühromantische „Herbstlied“ von Johann Friedrich Reichardt, das so schön auf den „Deutschen Erntetanz“ endet. Die Heimat findet selbst in einer so komplexen Szenenmontage ihren Platz. Darunter dröhnt und grummelt es, als balle sich ein Gewitter zusammen.

Gesprochen wird aus dem Off. Fast alles hat Mondtag selbst in seinem Stück gemacht, inszeniert, das Bühnenbild und die Kostüme entworfen. Der Regisseur mit türkischen Wurzeln ist ein Shooting-Star, zwei Arbeiten des 1987 geborenen Künstlers wurden bereits zum Berliner Theatertreffen eingeladen. „Das Internat“ ist seine erste Inszenierung im Revier. Den Text haben die Dortmunder Dramaturgen Alexander Kerlin und Matthias Seier geschrieben, wobei sie oft mit Zitaten arbeiten, zum Beispiel Gedichte wie Eichendorffs „Zwielicht“ und ein Totenlied von James Joyce. Hinzu kommen Videoeinspielungen, mal von Straßenkrawallen, mal von spielenden Kindern. Manchmal liegt auch beruhigende Stille über allem und man hört den nächtlichen Wald, in dem das Käuzchen ruft. Alles vollzieht sich hier aus dem Kollektiv, aus den Bewegungen und Gesten des Ensembles.

Die Geschichte ist nicht annähernd so komplex wie das Arrangement. Weil das so absehbar ist, erschöpft sich der große Reiz des Bilder nach einer Weile. Da fühlen sich die etwas über anderthalb Stunden deutlich länger an. Der Alltag im Internat wird als spieluhrhafter Betrieb gezeigt, alle laufen als Rädchen im Getriebe. Einer freilich ist anders, was schon sein Äußeres anzeigt: Er trägt nicht Uniform, sondern ein hautenges Nackt-Kostüm. Er hört die Stimme des „toten Kinds“, das ihn zur Revolution auffordert. Es kommt zum Aufstand – und dann entpuppen sich die Freiheitssucher als neue Unterdrücker.

Leider bleibt Mondtags Stück – wohl bewusst – im Ungefähren. In seinen Bildern können sich allzu viele wiederfinden. Manches mag man als Faschismuskritik lesen mit den militarisierten Bewegungen, der erotisch aufgeladenen Gewalt. Dann wieder knien die Widerständler auf dem Boden wie religiöse Fanatiker. Das „tote Kind“ fordert ein Massaker. Es geht um Nihilismus, und es mutet schon befremdlich an, wenn die große Negation im „Nein zur Kunst“ mündet. Das dunkel Wabernde der Schauerromantik hat auch bei der neuen Rechten Konjunktur.

Manchmal hat man das Gefühl, dass Mondtag nicht gefeit ist vor der Verführung durch große Gewaltgesten. Die schon religiöse Inbrunst, das völlige Fehlen auch nur eines Anflugs von Humor und Ironie können auf die Nerven gehen. In der Gleichnis-Vagheit verliert sich zudem der Bezug zur Realität. Dieses Spiel will alles und sagt am Ende nicht sehr viel.

16.2., 10. 11.3., 27., 28.4., 2., 3., 13.5., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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