Erfinder des abstrakten Expressionismus: Hans Hofmann in Bielefeld

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Spannungsvoller Kontrast zwischen wilden Farbwolken und geometrischen Feldern: Hans Hofmanns Gemälde „Goliath“ (1960) ist in Bielefeld zu sehen.

BIELEFELD - Zwei Welten treffen in Hans Hofmanns Gemälde „Goliath“ (1960) aufeinander. Zum einen sehen wir eine aufgewühlte Farblandschaft aus formlosen Feldern, die sich unklar überlagern, so dass man nicht sieht, was vorn ist, was hinten. Ein wolkiges Blau trifft auf aggressiv glühendes Rot und bedrohliches Schwarz. Aber diese Welt mit ihren bewegten Farben steht nicht allein. Auf ihr schwebt ein Schwarm von Rechtecken. Geometrisch definierte Formen sind erfüllt von eindeutigen Farben, wobei es in der Monochromie doch etwas Unruhe gibt, weil Hofmann so pastos auftrug, dass die Pinselstriche sichtbar blieben.

Das Gemälde ist ein Beispiel für Hofmanns Prinzip des „Push and pull“, des Fortschiebens und Ziehens. Der Künstler nutzte sich überlagernde Flächen, um der Bildfläche Räumlichkeit zu verleihen. Der Gegensatz aus heftigstem Farbauftrag und kühler Konstruktion in dem mehr als zwei Meter hohen Bild hat eine überwältigende Wirkung auf den Betrachter.

Erleben kann man „Goliath“ in der Kunsthalle Bielefeld, die in der Retrospektive „Creation in Form and Color: Hans Hofmann“ diesen für die amerikanische Kunst so zentralen Maler vorstellt. Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede sieht Hofmann (1880–1966) als Gegenpol zu Josef Albers, und wie der Meister der Quadrate stammt er aus Deutschland. Hofmann ist im selben Jahr geboren wie Ernst Ludwig Kirchner und Franz Marc, er ist ein Jahr älter als Picasso. Und er erlebte seine Prägung auch vor dem Ersten Weltkrieg in Paris, der damaligen Weltkunst-Metropole, wo er sich mit dem Ehepaar Robert und Sonia Delaunay, mit Picasso, Braque, Matisse anfreundete. Bei Kriegsausbruch musste er Frankreich verlassen. Er gründete in München eine Kunstschule. Und einer seiner Schüler lud ihn 1930 ein, in die USA zu kommen. 1934 gründete er in New York eine Kunstschule, in der er eine Reihe später prominenter Schüler hatte wie Helen Frankenthaler, Allan Kaprow, Larry Rivers, die Designerin Ray Eames und Lee Krasner, die Frau von Jackson Pollock.

In Deutschland hätte er seine Kunst nie entwickeln können. In den USA fand er zu seiner sehr eigenen Form der Abstraktion, jener wilden, bewegten Malerei, für die der berühmte US-Kritiker Clement Greenberg den Begriff „abstract expressionism“ prägte, der zum Gattungsbegriff für die Werke einer Generation wurde, von Pollock über Robert Motherwell, Mark Rothko, Willem de Kooning und andere. Selbst eine der berühmtesten Maltechniken, das Schütten und Spritzen der Farbe, hat offenbar Hofmann entwickelt. Sein Bild „Fantasia“, in Bielefeld ausgestellt, entstand 1943, vier Jahre, bevor Pollock als „Jack the Dripper“ berühmt wurde.

Hofmann ist in den USA in den wichtigsten Museen vertreten, hatte auf der Biennale in Venedig und auf der documenta in Kassel ausgestellt. Obwohl er eine Schlüsselfigur der Kunstgeschichte ist, kennt man ihn aber in Europa kaum. Die Kunsthalle hat sich mit dem Berkeley Art Museum and Pacific Film Archive zusammengetan, einer Einrichtung der University of California. Dieser Einrichtung hatte der Künstler zahlreiche Werke hinterlassen, so dass das BAMPFA über die umfassendste Museumssammlung seiner Werke verfügt. Rund 60 Arbeiten verdeutlichen die Klasse und die Vielseitigkeit von Hofmanns Werk. Die Schau, kuratiert von Lucinda Barnes (Berkeley) und Jutta Hülsewig-Johnen (Bielefeld), wird im Anschluss noch im Musée national d‘histoire et d‘art in Luxemburg gezeigt.

Das in Europa entstandene Werk ist allerdings weitgehend verloren. Die frühesten Bilder der Schau stammen schon aus Hofmanns amerikanischer Zeit. Diese frühen, farbstarken Bilder zeigen zum Beispiel ein Interieur (Table with Teekettle, Green Vase and Red Flowers, 1936), bei dem man aber schon das Prinzip „Push and pull“ beobachten kann. Die Tischplatte, ein blauer Teppich und der Fußboden sind als Flächen lesbar, die hintereinander gestaffelt wurden, um dem Bild Tiefe zu verleihen.

So ziehen sich bestimmte Gestaltungselemente durch das Werk bis zu den späten Bildern, die Hofmann im letzten Lebens-Jahrzehnt schuf, nachdem er seine Kunstschulen geschlossen hatte. Gerade in den frühen Bildern sind die Einflüsse anderer Künstler gut sichtbar, zum Beispiel hinterließen Kandinsky und Miró mit ihren organischen Abstraktionen deutliche Spuren in „Awakening“ (1947). Bei „Pure Space“ (1952) verteilt er Dreiecke in Rot und Blau und einen gelben Streifen auf weißem Grund – ein Echo von Mondrian.

Er experimentiert mit ziemlich unterschiedlichen Stilmitteln, zum Beispiel hat „Le Jardin“ (1956) noch Anklänge an eine Landschaft, ist ein Mosaik aus dicken Pinseltupfen, als hätte van Gogh sich in Pointillismus versucht, und man kann im Fleckengewirr durchaus Blätter und Blüten entdecken. „The Prey“ (1956) hingegen besteht aus einem hellen Grund, auf den er Linien und Kurven hinspritzte.

Die ab etwa 1960 entstandenen Bilder feiern dann die Farbe, setzen auf das Spiel kräftiger Kontraste. Wunderbar kombiniert „Red Parable“ (1964) Farbe in unterschiedlichen Verdünnungsgraden, vom leichten Rothauch über deckendes Grünbraun bis zu aufgesetzten breiigen roten Blitzern.

Bis 5.3.2017, di – so 11 – 18, mi bis 21, sa 10 – 18 Uhr,

Tel. 0521/ 329 99 500, www.kunsthalle-bielefeld.de,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 34,80 Euro

Quelle: wa.de

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