Else Lasker-Schüler und die Avantgarde im Von-der-Heydt-Museum

Auf der Bildpostkarte an Franz Marc stellte Else Lasker-Schüler sich 1913 als „Jussuf Prince Tiba“ dar. Fotos: Museum

Wuppertal – Sonne, Mond und Sterne umspielen Jussuf, den Prinzen von Theben. Dieser stolze Krieger zieht manchmal gerüstet in die Schlacht. Dann wieder träumt er an einer Hecke, bewundert eine blaue Rose oder segnet eine Stadt. Das Reich dieses Herrschers war nie von dieser Welt, sondern lag in der Sphäre der Poesie.

Jussuf von Theben, das war das andere Ich der malenden Dichterin Else Lasker-Schüler (1869–1945). In vielen Zeichnungen zeigte sie sich in ihrer mythischen Form. Nicht als besitzlose, mit billigem Modeschmuck behängte Herumtreiberin aus dem Berliner Café des Westens. Sondern als Regentin einer Geistessphäre.

Vor 150 Jahren wurde Else Lasker-Schüler in Elberfeld, heute ein Teil von Wuppertal, geboren. Die Stadt gedenkt ihrer bedeutendsten Tochter mit einem Festjahr. Der Höhepunkt der Feiern ist die Ausstellung im Von-der-Heydt-Museum: „Else Lasker-Schüler. ,Prinz Jussuf von Theben‘ und die Avantgarde“. Dass sie die wichtigste deutsche Dichterin zumindest des 20. Jahrhunderts ist, mag Literaturinteressierten bekannt sein. Ihr bildnerisches Schaffen hingegen stand stets im Schatten ihrer Schriften. Die von Antje Birthälmer kenntnis- und materialreich kuratierte Schau soll zeigen, wie sehr hier eine Künstlerin interdisziplinär als Poetin, Malerin, Performerin arbeitete.

Zu erwarten war das nicht. Else Lasker-Schüler wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Der Vater, assimilierter Jude, war Kaufmann, später Bankier. Sie heiratete 1894 den Arzt Berthold Lasker und zog mit ihm nach Berlin. Schnell zeigte sich aber, dass sie sich mit bürgerlichen Konventionen nicht abfinden mochte. Sie nahm Malunterricht, begann zu schreiben, kam in den Kreis des Künstlers und Bohemiens Peter Hille, dem sie später ein ganzes Buch widmete, das „Peter-Hille-Buch“ (1906). Sie hatte Affären, bekam 1899 ihren unehelichen Sohn Paul. 1902 erschien ihr Gedichtband „Styx“, und die explizit erotischen Verse erregten Anstoß: „Wie eine Sommernacht / Sank mein Kopf / Blutschwarz auf seinen Schoß / Und meine Arme umloderten ihn.“ Auf einer Collage, ihrem frühesten erhaltenen Werk, porträtierte sie sich als „lyrische Mißgeburt“ (1900). 1903 heiratete sie Georg Lewin, dem sie den Namen Herwarth Walden gab und der als Herausgeber der Zeitschrift „Der Sturm“ und als Galerist dem Expressionismus ein Forum gab.

Die Ausstellung zeichnet ihren Weg mit rund 200 Exponaten nach, darunter rund 90 Werke von ihr. Sie kannte die Mitglieder der Künstlergruppen „Brücke“ und „Blauer Reiter“. 1912 verliebte sie sich in den 17 Jahre jüngeren Gottfried Benn, der ihre auffällige Erscheinung beschrieb: „Extravagante weite Röcke oder Hosen, unmögliche Obergewänder, Hals und Arme behängt mit auffallendem unechten Schmuck, Ketten und Ohrringen, Talmiringen an den Fingern, und da sie sich unaufhörlich die Haarsträhnen aus der Stirn strich, waren diese, man muss schon sagen: Dienstmädchenringe immer in aller Blickpunkt.“ Nach ihr drehten sich die Leute auf der Straße um. Ein Foto zeigt sie bei einer Lesung als Fakir, mit einem breiten Gürtel, darin ein Dolch, auf einer Flöte blasend. Sie ist im Profil aufgenommen, ihre Haltung gleicht einem Relief in einer ägyptischen Grabkammer der Pharaonenzeit, das in Wuppertal abgebildet ist.

Wie vernetzt sie war, das zeigen einzelne Kapitel der Ausstellung. 1913, nach der Scheidung von Walden, stand Lasker-Schüler als alleinerziehende Mutter ohne festes Einkommen da. Für eine Benefiz-Auktion im Neuen Kunstsalon in München gaben ihre Künstlerfreunde eigene Werke. In Wuppertal sind nun nicht exakt die Arbeiten von damals zu sehen, aber wenn man sieht Gemälde von Kirchner, Heckel, Macke, Jawlensky, Marc, ein Who’s-Who des Expressionismus und ein Beleg für die Wertschätzung, die Lasker-Schüler bei den Malern genoss. Die Auktion war allerdings ein Reinfall. Am Ende kauften die Künstler selbst Arbeiten, um etwas Geld zusammenzubekommen.

Speziell mit Franz Marc, den sie mit vielen Namen wie „Bruder Ruben“ und „Großfürst von Cana“ belegte, war Lasker-Schüler befreundet, tauschte Briefe und Bildkarten aus. Ein intensiver Bilderdialog, dem man in Wuppertal nachspüren kann (allerdings zum Teil nur mit Faksimiles, weil die Originale der Sammlung Fohn nicht ausgeliehen werden). Marc brachte sie dazu, ihre Zeichnungen farbig zu gestalten. Ihre späten Blätter erinnern in ihrer traumverhangenen Märchenstimmung an die jüdischen Bildfantasien Marc Chagalls.

Nicht nur im Vergleich mit Marcs poetischen und farbstarken Bildern lässt sich der Einfluss Lasker-Schülers ahnen. Ihre feinlinigen, labyrinthischen Ansichten von „Theben“ korrespondieren ja auch mit den filigranen Bildkonstruktionen Paul Klees („Das literarische Klavier“, 1918). Sie gab dem Malik-Verlag 1916 den Namen (nach ihrem pazifistisch-poetischen Roman „Der Malik“). Dort publizierten die Dadaisten ebenso wie linke Publizisten, hier erschienen Grafikbände von George Grosz und die Collagen John Heartfields. Sie war 1920 ans Bauhaus in Weimar eingeladen, wovon ein rasantes Plakat von Friedl Dicker zeugt. Und auch ihre Bilder fanden Anerkennung: Schon 1916 stellte Karl Ernst Osthaus ihre Zeichnungen im Hagener Museum Folkwang aus.

Ein weiteres Kapitel der Schau ist ihren Dramen gewidmet, speziell ihrem bedeutendsten Stück „Die Wupper“. Ernst Sterns Bühnenbildentwürfe zur Uraufführung 1919 in Berlin sind selbst expressionistische Kunstwerke. Szenenfotos der Berliner Inszenierung von 1927 lassen die groteske Spannung ahnen.

Eine so spektakuläre Frau provozierte Porträts: Karl Schmidt-Rottluff zeigte sie als „Lesende“ 1912 in kubistischen Bildsplittern. Christian Rohlfs bildete sie 1920 als verzückt-entrückte „Dichterin“ ab. Ihr Jugendfreund Jankel Adler malte sie 1924 eindringlich, mit den Spuren eines nicht immer einfachen Lebens. Und Josef Scharl setzte sie ins Zentrum des Gemäldes „Blinder Bettler im Café“ (1927), ein visionäres Werk, in dem ein Kellner mit den Gesichtszügen Hitlers die Bettler aus dem Lokal verjagt.

So erzählt die Ausstellung das Leben einer eigenständigen wie eigenwilligen Frau, die eigentlich immer damit befasst war, die Wirklichkeit ihren Visionen anzupassen. Grenzen etwa durch vorgegebene Geschlechterrollen akzeptierte sie nicht. Dabei war sie weder weltfremd noch unpolitisch, beschrieb in Dramen wie „Arthur Aronymus und seine Väter“ Antisemitismus, erwies sich im Weltkrieg als Pazifistin, die u.a. John Heartfield davon abhielt, Soldat zu werden.

Ihre letzten Lebensjahre waren tragisch: Von den nationalsozialistischen Machthabern verfolgt, mittellos, abhängig von Freunden und Unterstützern lebte sie überwiegend in der Schweiz, wo man ihr allerdings eine Aufenthaltsgenehmigung versagte, und in Palästina. In Jerusalem gründete sie noch eine Vortragsvereinigung, „Der Kraal“. Ihr letzter Gedichtband erschien 1943, „Mein blaues Klavier“. 1945 starb sie. In Wuppertal ist es gelungen, die Faszination dieser Wort- und Bildkünstlerin aufleben zu lassen.

Bis 16. 2. 2020, di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0202/ 563 6231, www. von-der-heydt-museum.de, Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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