Elliott Sharps „Filiseti Mekidesi“ in Bochum

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Der Bassist Nicholas Isherwood in der Musiktheater-Installation „Filiseti Mekidesi“ bei der Ruhrtriennale.

BOCHUM - Bei der Ruhrtriennale umarmt einen die Kunst. Viele Projekte des diesjährigen Programms versuchen auf sehr verschiedene Art, Ideen, Erfahrungen und Brüche unserer Zeit körperlich erlebbar zu machen. Auch Elliott Sharps Musiktheater-Installation „Filiseti Mekidesi (In Search of Sanctuary)“ übersetzt einen der schwerwiegenden Konflikte unserer Zeit in Kunst, die den Körper anfasst.

„Filiseti Mekidesi“ war nur zwei Mal zu erleben. Der Komponist Sharp bearbeitet das Thema Flucht und Migration. Der Titel ist amharisch (eine semitische Sprache, die vor allem in Äthiopien gesprochen wird). „Filiseti“ bedeutet Schutzraum, „Mekidesi“ heißt Migration.

Im Pumpenhaus der Jahrhunderthalle Bochum sollen sich die Zuschauer bewegen, wohin sie wollen. Sitzplätze sind nicht vorgesehen. Es gibt zwar ein Podium für das Orchester und damit ein „vorne“, aber Einzelpodien für Sänger und eine Klangregie-Anlage sind im Raum verteilt. Jeder setzt sich durch seine Bewegung seinen eigenen Tonteppich zusammen. Es kann passieren, dass einen plötzlich ein spitzes „S“ am Hinterkopf kitzelt.

Durch Klangverdichtungen gleißt oder blitzt es unerwartet, weil der Synthesizer wie eine Celesta klingelt oder sich das Vibraphon zwischen Streichquartett und Holzbläser schiebt. Die Musik ballt sich und lässt los, schwebt im Hintergrund und lässt Raum für Leere. Sie treibt mal schnell, mal unmerklich weiter. Die Motive jagen sich, die Harmonien scheinen sich immer wieder voneinander zu lösen. Das erinnert im Anfang an Wagner, natürlich. Jazz schiebt sich dazwischen, ein orientalisierender Stimmschnörkel klingt auf. Die Musik schwebt frei im Raum. Am Ende kehrt sie zurück zur komponierten Ursuppe. Irgendwann fühlt man sich beim Zuhören selbst wie ein frei im Raum schwebendes Ohr.

Videoscreens hängen von der Decke. Sie zeigen ästhetisierte, leicht verfremdete Bilder (verantwortlich ist Sharps Partnerin Janene Higgins). Die Motive sind kosmisch. Sternschnuppen tauchen auf als Motiv der Vergänglichkeit. Dann eine Doppelhelix, denn hier soll es an die Grundlagen der menschlichen Erzählung gehen. Landschaften erscheinen, später Menschen: dunkle Haut, gefesselte Hände. Ketten und Boote. Der Blick kommt immer aus der Ferne. Nichts wird deutlich. Auf einem Foto etwa kann man schwer erkennen, welcher der Lichtflecke ein Mensch ist und welcher ein Schaf. In der Raummitte liegt ein PVC-Teppich mit einer Optik wie ein Schwimmbadboden. Dort sitzen Zuhörer, ganz versunken wie in ein Kunstbad.

Sharp übersetzt sein Thema in eine Heldenreise ohne Ziel, einen Zirkel ohne Ende. Eine halb mythische Odyssee: Die Texte spielen auf Homer und Joyce an, berühren Märchenmotive (wie Andersens Kleine Meerjungfrau), schieben Lautmalerei bis die Grenze der Sprachlosigkeit heran. Weil Wortmalerei Vorrang vor Textdeutlichkeit hat, sind sie leider kaum zu verstehen, ein Manko. Sharp erzählt eine Odyssee der Ungenannten in einer Ton- und Kunstsprache des Ungefähren (Texte: Sharp, Edwin Torres und Tracie Simons).

Der Bassist Nicholas Isherwood singt ein Solo als Pluto, gieriger Herr der Unterwelt. Er orgelt mit der Klangregie um die Wette und versprüht einen derartigen Geisterbudencharme, dass die Szene einen doppelten Boden erhält. Der Schrecken wird der Realität enthoben und zu einem weiteren Strang in Sharps Multikunst-Mythos. So ist Sharps Arbeit nicht politisch, sondern ein Ton- und Bilderfluss, der einen mitdriften lässt.

Die musikalische Koordination meistern das Ensemble Musikfabrik und die sechs Sänger von Voxnova Italia. Das Herzstück sind die Soli der palästinensischen Sängerin Kamilya Jubran. Ihre Kunst wurzelt in der vielfältigen arabischen Musik. Sie kann so herb klagen, als läge um alle Töne herum Stille.

Quelle: wa.de

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