Dusan David Parizek koppelt in „Iphigenie“ Euripides und Jelinek in Bochum

Ein Gewaltspiel: Szene aus der Inszenierung „Iphigenie“ in Bochum mit Lukas von der Lühe, Anne Rietmeijer und Bernd Rademacher (von links). Foto: Röder

Bochum – Sie tragen Kunstglatzen, knallrote Trainingsanzüge, eine wuchtige Aufblaskeule. Während einer von seinem Lieblingssport, dem Töten, spricht, schlägt er die Keule krachend auf den Rücken eines Mitspielers. Schon optisch rückt Dusan David Parizeks Inszenierung der „Iphigenie“ am Schauspielhaus Bochum von der Konvention weg.

Die Tragödie „Iphigenie in Aulis“ von Euripides gehört zu den Grundsteinen der abendländischen Kultur. Sie verhandelt den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft: Die Flotte der Griechen hängt auf dem Feldzug gegen Troja in Aulis fest. Der Seher Kalchas sagt, dass die Göttin Artemis nur dann für Fahrtwind sorgt, wenn Feldherr Agamemnon ihr seine Tochter Iphigenie opfert. Unter dem Vorwand, sie mit dem Helden Achill verheiraten zu wollen, lockt Agamemnon sie nach Aulis. Die Täuschung fliegt auf, aber Iphigenie beschließt am Ende freiwillig, sich für das Gemeinwohl opfern zu lassen.

Parizek traut der Geschichte nicht. Warum sollte eine junge Frau, die durchaus am Leben hängt, dieses auf einmal hingeben für ein Kriegsziel, für das abstrakte Wohl einer Nation? Die Lesart des Selbstopfers löst allzu glatt den Konflikt im Heerführer auf, der zwischen den äußeren Forderungen und seiner Vaterliebe schwankt. Der Regisseur überblendet die Tragödie mit Elfriede Jelineks „Sportstück“, um die ideologische Verzeichnung im antiken Text kenntlich zu machen. Wenn am Ende Svetlana Belesova in der Titelrolle sich auf der Bühne mit roter Blutfarbe übergießt, dann sieht Iphigenie wie eine Fanatikerin aus, die zu einem Selbstmordattentat fähig wäre. Hier wirken nicht Selbstlosigkeit und Edelmut, hier hat eine Gehirnwäsche stattgefunden.

Parizek, der auch das Bühnenbild schuf, arbeitet mit den Mitteln der Überschreibung, um das Inhumane in Euripides‘ Erzählung sichtbar zu machen. Ein Projektor wirft Textzeilen an eine große, kippbare Wand. Das Spiel überlagert die Wörter, das Überblenden ist direkt sichtbar. Da wirkt seine Inszenierung hochaktuell, sie zeigt, wie im politischen Streit die Kontrahenten um ihre Version der Wahrheit ringen. Warum muss der Feldzug gegen Troja stattfinden? Geht es darum, dass Agamemnons Bruder Menelaos seine geraubte Frau zurückbekommt? Ist die göttliche Forderung eines Opfers nur der Vorwand dafür, Entschlossenheit zu zeigen, also die Truppen zu motivieren? Und auf einmal ist die Rede davon, dass die Barbaren davon abgehalten werden müssen, die Frauen der Griechen zu rauben. Immer neue Narrative dienen dazu, den Krieg zu rechtfertigen.

Die Rollen sind gegen die Geschlechter besetzt. Svetlana Belesova spielt zwar die Iphigenie, aber auch Menelaos, den Kriegstreiber, der das größte Interesse daran hat, dass das Opfer vollzogen wird. Jele Brückner verkörpert Iphigenies Mutter Klytaimnestra, aber auch Agamemnon. In einer sehr intensiven Szene verkörpert sie das Paar gleichzeitig. Da wirft ein Projektor einen Schatten wie einen Torbogen auf die Wand, und darin steht Brückner, zieht für die Frau das Gewand von der Schulter, wendet den Kopf für den Mann. Anne Rietmeijer ist Achill im Muskelsuit, ein aufgeschwollener Athlet, ein Star mit dem Prollton, wie ihn manche Fußballer vor Reportermikrophonen haben. Die Männer geben den „Chor junger Frauen“ in Kleidern, mit Kunstglatzen. Sie vor allem tragen auch Jelineks geschliffene Gedanken über den Sport als mal banalisierte, mal sublimierte Gewaltausübung in das Geschehen.

Die Verunklarung der Geschlechterrollen, die Unisex-Optik, passt zur Flüchtigkeit der Dialoge: Hier sind nicht Fakten festgelegt, hier ändert sich je nach Anforderung alles. Da schlüpft auch Bernd Rademacher in die Rolle der Klytaimnestra und fordert von Jele Brückner als Agamemnon, auf das Opfer der Tochter zu verzichten. Konstantin Bühler und Lukas von der Lühe bejubeln backfischhaft die militärische Pracht der Griechen – und tauchen als Duo in die Untiefen von Grausamkeit und Hass ein. „Sportler sind wie Soldaten, ein jeder legt sein Bestes ins Trikot.“ Dabei treiben sie Jelineks Text mal wienerisch, mal sächsisch, mal rheinisch durch die Dialekte und versetzen sich zwischen den Sätzen kunst blutige Ohrfeigen. Das Reden über Gewalt wird zum Gewaltspiel.

Zwei Stunden lang oszilliert der starke Abend zwischen satirischen Sprachübungen und todernstem Moralkonflikt, zwischen der Ideologiekritik und feiner Psychologie. Die sechs fabelhaften Darsteller geben schon physisch alles, immer wieder absolvieren sie allerlei Leibesübungen. Der Inszenierung gelingt es tatsächlich, die Kluft zur mehr als 2000 Jahre alten Tragödie zu überbrücken und Muster zu zeigen, wie man Gewalt und Blutvergießen rechtfertigt. Großer Applaus.

20., 21., 27.3., 19., 21., 23., 26., 28.4.,

Tel. 0234 /3333 5555, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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