Düsseldorfs Kunstpalast zeigt seine neue historische Fotosammlung

Augen wie Fenster zur Kindheit: Heinrich Riebesehl fotografierte „Uwe, 13.6.1967“ (Serie „Gesichter“, 1967–1969), zu sehen ist der Silbergelantineabzug in der Ausstellung „Sichtweisen“ in Düsseldorfs Kunstpalast. Foto: ©VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

Düsseldorf – An diesem Blick lässt sich nicht vorbeischauen. Große Jungenaugen, die weit geöffnet sind und doch nichts preisgeben, außer ihre Kindlichkeit. Heinrich Riebesehl hatte Uwe und seine Mutter auf der Straße angesprochen. Das Foto entstand kurz darauf in Riebesehls Wohnung. „Uwe, 13. 6. 1967“ transportiert das Unschuldige, das Geschichtslose und den Moment, den Fotograf, Kamera und Model austauschen.

Riebesehl studierte bei Otto Steinert an der Essener Folkwang Schule. Riebesehl (1938–2010) zählte zu jenen Fotografen der Bundesrepublik, die in der Gegenwärtigkeit ihrer Bilder oft einen Impuls fürs bewusste Leben fanden. In Lathen an der Ems geboren ist er auch als Fotograf der frühen Fluxus-Bewegung bekannt, für Aufnahmen von Happenings in der Wuppertaler Galerie Parnass und für Bilder von Joseph Beuys.

Vielleicht ist demnächst mehr zu sehen von Heinrich Riebesehl. Erstmal überzeugt sein Porträt im Kapitel „Mensch“ der Düsseldorfer Ausstellung „Sichtweisen. Die neue Sammlung Fotografie“. Der Kunstpalast macht auf sich aufmerksam, denn eine historische Fotosammlung hatte das Haus bisher nicht. Von den 3000 Bildern, die das Düsseldorfer Museum von der Galerie Kicken im Dezember 2018 erwarb, sind rund 200 Aufnahmen ausgestellt. „Ankauf und Schenkung heißt erwerben“, sagte Felix Krämer, Generaldirektor des Kunstpalasts. Das Land, die Stadt und zwei Stiftungen haben finanziell geholfen. Krämer holte auch das NRW-Forum mit seinem fotoaffinen Programm – gleich nebenan am Ehrenhof – unter das Dach seiner Institution. Folglich gibt es demnächst mehr Fotografie zu sehen. Die neue Sammlungspräsentation ist dem ab Frühjahr/Sommer 2022 verpflichtet, sagt Felix Krämer.

„Sichtweisen“ hat Linda Conze kuratiert. Die neue Leiterin der Fotosammlung des Kunstpalasts will das Bildkonvolut (von 1844 bis 2018) vorstellen und über Fotografie an sich erzählen. Neben „Mensch“ gibt es sieben weitere Kapitel, die die Spannbreite der Bildkunst aufschlüsselt: Raum, Zeugnis, Ordnung, Dinge, Alltag, Neugier und natürlich Licht. Für die Fotopioniere war es existenziell, da empfindliche Bildträger noch schrittweise entwickelt wurden. So wirken die Blitzlichtbilder der frühen Industriefotografin Marianne Strobl wie die Erweckung einer geheimnisvollen Welt. Ihre Plattenkamera zeigt Männer beim „Tunnelbau“ (1905) als sonderbare Spezies in einer Duoton-Aufnahme, deren diffizile Grauabstufungen auch an Staub und Dreck denken lassen.

Jede Fotografie dieser Schau ließe sich einzeln vorstellen, so präzise hat Linda Conze die Positionen der Fotokunst gereiht. Das Haus darf mit Ikonen prahlen, wie Joe Rosenthals „Hissen der Flagge auf Iwo Jima, 1945“ und Karl Blossfeldts neusachlicher Studie „Cucurbita. Kürbisranke“ (1900–1928) aus dem Portfolio mit 12 Aufnahmen. Es gibt sie jetzt auch in Düsseldorf: August Sander, Alexander Rodtschenko, Otto Umber (Umbo), Man Ray, Walker Evans und Robert Capa. Vom Magnum-Fotografen ist der „Tod eines spanischen Loyalisten, Cerro Muriano (Front von Córdoba), 5. November 1936“ zu sehen. Ob das Bild gestellt wurde (Fake News) oder ein echter Schnappschuss war, wird nach wie vor diskutiert und belegt, wie ambivalent die Zeugniskraft eines Fotos ist.

Bernd und Hilla Becher, Andreas Gursky, Candida Höfer und Katharina Sieverding stehen für die Düsseldorfer Schule und das Renommee der Stadt für international gefeierte Fotokunst. Sie sind natürlich in der Kicken-Sammlung zu finden. Rudolf Kicken (1947–2014), der in Aachen (1974) und Köln (1979) als Galerist für Fotografie startete, kaufte und verkaufte im Rahmen seiner Bestandssammlung – ab dem Jahr 2000 mit seiner Frau Annette in Berlin.

Kunstpalastdirektor Felix Krämer hatte einen guten Kontakt zu den Kickens, seitdem er rund 1000 Aufnahmen für das Städelmuseum erworben hatte. Von 2008 bis 2017 war Krämer Sammlungsleiter in Frankfurt. Es ging um „Fotografien von den 20er bis 60er Jahren“, sagte Krämer in Erinnerung ans Städel, und er habe das Vertrauensverhältnis für Düsseldorf genutzt.

Nun erwartet die Stadt, dass das Deutsche Fotoinstitut an den Rhein kommt. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat für Düsseldorf votiert. Gebaut werden soll nah am Ehrenhof. Allerdings bringt ein Gutachten der Kulturstaatssekretärin jetzt auch Essen als Standort ins Spiel.

Bis dahin sind Farbfotogafie von Jim Dow und Stephen Shore, Astrofotografie, Röntgenbilder, Pressefotografie und historische Aufnahmen der Gizeh-Pyramiden (1860er Jahre) ausgestellt. Es ist großartig, es ist der Anfang.

Bis 17. Mai; di-so 11 – 18 Uhr, do bis 21 Uhr; Tel. 0211/566 42100; www.kunstpalast.de Katalog im Distanz Verlag 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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