Der dritte Dortmund-Tatort „Eine andere Welt“

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Trifft den Ton des Reviers: Jörg Hartmann als Dortmunder Hauptkommissar Faber im Tatort „Eine andere Welt“.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - „Ich will nicht fahren“, sagt Hauptkommissar Peter Faber zu seiner Kollegin. „Ich will dich vergewaltigen.“ Im Auto im Parkhaus fällt er über sie her, drückt sie so realistisch nach unten, dass zwei Streifenbeamte gucken, misstrauisch sogar, als Martina Bönisch beschwichtigt: „Rein dienstlich!“

Das gehört zu den Besonderheiten des Dortmunder Tatorts. Wenn Faber wissen will, wie ein Verbrechen geschah, dann stellt er es mit einem Partner nach. Je besser es funktioniert, desto näher liegt er beim Hergang. Er benutzt seine Eingebungen zur Tatanalyse. Seine Kollegin weiß inzwischen: Wenn er sie duzt, will er wieder spielen. Dabei überschreitet er immer wieder Grenzen. Gerade hat er ihr das Handy abgenommen und ihrem mit ständigen Anrufen nervenden Gatten Bescheid gestoßen. Sie lässt sich den Übergriff nicht gefallen, ohrfeigt ihn. Und er fasst sie an der Schulter, macht einfach weiter.

Der Dortmunder Tatort fällt aus dem Rahmen der ARD-Krimireihe. Sie verlässt die gewohnten Bahnen. Hier geht kein Kumpelpaar auf Mördersuche, sondern ein Vierer-Team, bei dem jeder seine persönlichen Schwächen hat. Inzwischen aber zeigt sich, dass im Fall Fabers eine zusätzliche Handlung episodenübergreifend verfolgt wird. Seine Frau und seine Tochter starben offenbar nicht bei einem Unfall, sondern fielen einem Verbrechen zum Opfer. Und irgendwer spielt dem traumatisierten Kommissar Fotos von der Unfallstelle zu.

Aber Faber hat auch einen aktuellen Fall. Nadine Petzokat, 16 Jahre jung, aus einem Hochhaus in Dortmund-Clarenberg, wurde im Phoenixsee gefunden. Vor ihrem gewaltsamen Tod wurde sie offenbar vergewaltigt. Verdächtige gibt es genug. Ihren vorbestraften Ex-Freund (Hassan Akkouch) zum Beispiel, der mit illegalen Schmerzmitteln dealt. Oder auch den einen oder anderen aus der Clique im Szenenachtclub. Vielleicht war auch ihr aufbrausender Vater Heinz zu sauer, weil sie sich nicht um die Schule kümmerte, sondern aufgebrezelt ins „Century“ ging zu den coolen Kerlen um Konstantin Prinz (Sergej Moya).

Im Film „Eine andere Welt“ haben Regisseur Andreas Herzog und Autor Jürgen Werner für das Team und seine Stadt genau den richtigen Ton gefunden. Besonders die Szenen im Clarenberger Wohnsilo überwältigen durch ihre unterspielte Genauigkeit. Da schweigt die Musik, und man hört Verkehrslärm, Vogelpiepsen, Türenschlagen, Kindergeschrei. Hauptkommissarin Bönisch hat schlechte Nachrichten, zögert, als sie vor der Tür der Petzokats Kinderlachen hört. Die Wohnung zeigt die Unordnung von Leuten, die nicht die Kraft zum Aufräumen aufbringen, so dass die Bierflasche von gestern einfach noch rumsteht. Mit dokumentarischer Präzision spielen Julia Böwe und Markus John die Eltern, denen mit der ambitionierten Tochter auch eine Hoffnung wegstarb. Die Kamera ist nah bei den Akteuren, oft auch als dynamische Handkamera. Die unbeschwerten Bilder von Nadines Videotagebuch setzen Gegenakzente.

Nominell tragen vier Kommissare die Handlung. Aber Jörg Hartmann als Faber sticht heraus, schon weil er die Sprache des Reviers so natürlich spricht, diesen Jargon, der es nie zum Dialekt geschafft hat. Er haut neben der Kloschüssel den Kollegen an: „Bock, mitzukotzen?“ Und Vater Petzokat teilt er nach einem Schluck aus der Bierflasche mit: „Wär ja Scheiße, wenn Sie den ganz umsonst verprügelt hätten.“ Man nimmt diesem grandiosen Darsteller ab, dass bei ihm Rücksichtslosigkeit und Verletzlichkeit, barscher Ton und Einfühlungsvermögen zusammengehen. Atemberaubend sein Gespräch mit Nadines Vater, das der mit der Frage einleitet: „Du hass keine Kinder, oder?“ Faber antwortet nach einer langen Pause: „Ich hatte.“ Wo findet man sonst im Tatort diese gewichtige Beiläufigkeit?

Aber auch die anderen haben ihre Momente, so Anna Schudt als so kontrollierte Kommissarin Bönisch, die ihrem Callboy den Laufpass gibt. Die Jungkommissare Kossik (Stefan Konarske) und Dalay (Aylin Tezel) gehen ihre verbotene Beziehung lockerer an. Und die Versuche des vorlauten Kossik mit der türkischen Sprache geben einen ziemlich guten Gag her.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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