Dresden feiert Raffaels Sixtinische Madonna

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500 Jahre alt und noch immer frisch: Raffaels „Sixtinische Madonna“ lockt die Kunstfreunde nach Dresden. ▪

Von Matthias Kampmann ▪ DRESDEN–Wer kennt nicht die putzigen Flattermänner am unteren Bildrand von Raffaels „Sixtinischer Madonna“.

Gelangweilt, im günstigsten Falle nachdenklich schauen sie drein, und ihre unangepasste Art verwundert angesichts des Bildes, das doch eine Marienvision darstellt. Diese Engel haben eine beispiellose Karriere hinter sich. Aus dem anbetungswürdigen Altarbild seziert, schafften sie es bis auf Klopapierrollen. Wie solch ein Erfolg zustande kam, zeigt die Ausstellung „Die Sixtinische Madonna. Raffaels Kultbild wird 500“ im Semperbau der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister. Die Staatlichen Kunstsammlungen feiern ihr prominentestes Stück, und als Geschenk verpassten sie dem Ausnahmegemälde einen neuen Rahmen. In altem Stil gehalten, mit neuester Sicherheitstechnik und Spezialglas ausgestattet, erinnert er doch noch an die sakrale Herkunft.

Gute 250 Exponate arrangierten Kurator Andreas Henning und sein Team um jenes bedeutsame Stück, das um 1512 für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza, nahe Mailand, gemalt wurde. Vom klösterlichen Mauerblümchen über das mythisch verbrämte Superkunstwerk der Romantiker bis zu den merkantilen Verkitschungen unserer Tage reicht das Spektrum an Gemälden, Grafiken, Dokumenten und Nippes. Anhand von vier übersichtlich gegliederten Sektionen kann der Besucher nachvollziehen, wie über die Jahrhunderte hinweg diese Popularität zustande kam.

Die Inszenierung verführt zum vergleichenden Sehen. Eine Madonna von Filippino Lippi, die knappe 40 Jahre früher entstand, lieh das Szépmüvészeti Museum in Budapest nach Dresden aus. Die kleine Tafel demonstriert, wie die Symbolik dem Malerischen in der Marienvision weichen musste. Bei Lippi gibt’s Größenunterschiede zwischen den Figuren. Der Meister zeigt auf diese Weise deren unterschiedliche Bedeutung. Bei Raffael ist nichts davon zu sehen. Die Heiligen Sixtus und Barbara sind proportional korrekt im Verhältnis zur Maria dargestellt. Farbe rahmt die Madonna mit dem Kind als reines Licht: damals die Innovation schlechthin. Es ist die Malerei selbst, die das Thema im doppelten Wortsinn zur Erscheinung bringt.

Der Weg des Bildes von San Sisto in Piacenza, wo es einst den Hochaltar zierte, bis zur Ankunft in Dresden 1754 ist ein Krimi. Lange Zeit war es unbekannt, weil die Kunstrouten am Ort vorbei führten. Die Agenten des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, August III., machten das Gemälde ausfindig. Dem Geschmack der Zeit folgend, brauchte eine Top-Sammlung ihren Raffael. Jahrelang währte das Verhandlungshickhack mit dem Klerus. Hinzu traten Schwierigkeiten beim Zoll und der langwierige Transport über die Alpen an die Elbe. Den Kurfürsten kostete die Unternehmung 25 000 scudi romani. Zeitgenossen Raffaels brachten es im Großformat auf höchstens 800 bis 1000. Die Kirche wusste, was sie fortgab.

Raffael, der von 1483 bis 1520 lebte, malte mit genialem Kalkül. Analysen förderten Untermalungen bei jeder Figur zutage. Mit nur zwei Farbschichten schuf er das Ganze. Weitere prominente Leihgaben wie Raffaels „Donna Velata“ aus der florentinischen Galleria Palatina, deren Antlitz übrigens Vorbild für das Ideal der Madonna sein soll, und die Garvagh-Madonna aus der Londoner National Gallery sowie Zeichnungen flankieren das Geburtstagskind, das sich eines Auftrags von Papst Julius II. verdankt. Das Bildnis des Petersdom-Bauherrn, das zu Raffaels berühmtesten Werken gehört, kommt aus den Uffizien in Florenz.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts mutierten die Engel auf zwei Leinwänden von Johann Julius August von der Embde zum eigenständigen Sujet. Seit 1890 sind sie Werbeträger: Zwei Schweineköpfe grinsen dämlich und preisen Chicagoer Schweinefett aus dem Hause Fairbank. Dem Firlefanz von Christstollen, Krawatten, Uhren oder Weinflaschen verhalfen die ewiglich Gelangweilten zu mehr Aufmerksamkeit.

Schräg ist auch eine Leihgabe aus Lettland. Mikhail Kornetsky, Ex-Rotarmist, malte 1984/85 sozialistisch-realistisch die „Gerettete Madonna“. Zwei Soldaten flankieren das Bild im Bild. Unten hockt eine Frau mit Lupe, Restauratorin im Dienste der Befreier. Das Werk bezeugt die Legende von der russischen Bewahrung nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach Kriegsende brachte die Rotarmee die Leinwand nach Russland. Erst im Zuge von Chrustschows „Tauwetterpolitik“ kam sie 1955 an ihren angestammten Platz im Zwinger.

In Dreseden kann sich der Betrachter selbst aus der Ferne nicht der Macht des Bildes entziehen. Und er erlebt, dass die Verkitschungen Raffaels Meisterwerk nichts anhaben können.

Die Sixtinische Madonna – Raffaels Kultbild wird 500 in der Gemäldegalerie Alter Meister Dresden. Bis 26.8., tägl. 10 – 18, do, sa bis 21 Uhr, Tel. 0351 / 4914 2000, www. skd.museum, Katalog, Prestel Verlag, München, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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