documenta zeigt Kunst in Kaufhäusern und Bahnhöfen

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documenta im Sortiment – das Kaufhaus SinnLeffers in Kassel bietet eine Kollektion vom US-Künstler Seth Price und vom US-Modeschöpfer Tim Hamilton an: Offiziersmantel (rechts), Jacke, Hose, Gamaschen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ KASSEL–„Ich habe mich auch gefragt, was das sein soll“, sagt ein Kunde im Kasseler Konfektionshaus SinnLeffers. Gürtel, Schlaufe oder Strapse? Nicht jedes schlaffe Detail aus der weißen Klamottenkollektion von Seth Price und Designer Tim Hamilton ist gleich zuzuordnen. Aber vielleicht bildet diese Unsicherheit ja das Bindeglied auf der documenta 13 zwischen Mode und Kunst? Wie ziehe ich was an? Oder welches Konzept entschlüsselt mir das Kunstwerk? Die documenta ist in diesem Jahr mehr denn je auf Grenzerfahrungen aus und wagt sich auch in die kommerzielle Zone Kassels.

2011 in New York hatten Price/Hamilton ihre Oberbekleidung auf dem Laufsteg präsentiert. Mittlerweile kann sie erworben werden. Angelehnt an die Kluft von Soldaten ist derber Leinenstoff verarbeitet. Das Innenfutter ist mit Signets bedruckt, die auch die Innenseiten von Geschäftsbriefen zieren. Für den Amerikaner Price sind Briefumschläge und Kleidungsstücke verwandt: beide warten auf den Inhalt und gehen auf Reisen.

So funktioniert die Brücke zwischen Produkten des Alltags und ihrem künstlerischen Mehrwert: Bomberjacke (300 Euro), Offiziersmantel (600 Euro), Fliegeranzug (650 Euro), Hose (300 Euro), Gamaschen... Sie gehören nicht in die Waschmaschine (in die Reinigung) und passen auch nicht zu jedem Geldbeutel. Doch der Mantel mit Stehkragen macht ziemlich was her und dürfte für den regnerischen Sommer sogar geeignet sein. Er fühlt sich am ganzen Körper etwas anders an – doch Mode und Kunst bleiben Geschmackssache, trotz Mehrwert und Überhöhung.

Während die Price/Hamilton-Kollektion auch in einem Schaufenster gleich neben dem Fridericianum, dem traditionellen Hauptschauplatz der documenta, gezeigt wird, zog die Künstlerin Renata Lucas sogar in die Galeria Kaufhof ein. Im Eingangsbereich ist ein Hinweis zu lesen: documenta im Untergeschoss. Am Ende der Rolltreppe empfängt einen der documenta-Souvenirshop: Sitzhocker 8 Euro, William Kentridge Puzzle 29 Euro, Regenponcho in der Kapsel 3 Euro, Sonnenbrille mit Holzrahmen 35 Euro. Versinkt die documenta in gelbgefärbten Merchandising-Produkten? Es scheint so. Aber wer am Ziel festhält und das gut informierte Personal befragt, wird wieder auf die Fährte von Renata Lucas gebracht. Die Künstlerin aus Brasilien schafft Alternativen zu gewohnten Ordnungen, Räumen und Eigentum. In Kassel hat sie an eine Pyramide gedacht und das klassische Bauwerk gedanklich über die Innenstadt gesetzt. Nur die vier Eckpunkte der Pyramide sind sichtbar, unter anderem im Fridericianum und in der Galeria Kaufhof. Hier schiebt sich die fiktive Ecke als grauer Keil in den Verkaufsraum des Kellergeschosses. Man muss die Pyramide weiter denken, wie 1977, als Walter De Maria seinen „Vertical Earth Kilometer“ vor dem Fridericianum ins Erdreich „rammte“. Die Kunst im Kopf überwindet Grenzen vor dem inneren Auge und tut gut, wie ein Freiheitsgedanke.

Kunst behauptet sich auf dieser documenta allerorten. Ob in der Handwerkskammer, dem Grand City Hotel oder einem ehemaligen Krankenhaus. Kunst kennt keine Berührungsängste mehr. Über den Geschäftsetagen von C&A hat Cevdet Erek seinen „Raum der Rhythmen“ (3. Geschoss) geschaffen. Die weite Betonöffnung weist verschiedene Zonen mit Musikboxen aus. Der Rave ist auf reine Bassfolgen reduziert. Die Intervalle der minimalistischen Tanzmusik dienen Erek, geboren in Istanbul, als Zeitmaß, das Lebensvorgänge abstrahiert. Man trifft auf Boxen mit Herzschlag-Rhythmen, auf Knittersounds und spürt die körperliche Omnipräsenz der Bässe (wie auf Technopartys). Das hält nicht jeder (lange) aus.

Figürlicher und haptischer ist die Kunst in einer anderen Randzone. Der Hauptbahnhof ist zu hoch frequentierten Pilgerstätte der documenta geworden. István Csákány beeindruckt mit „Ghost Keeping“ (Nordflügel). Seine Heimwerkstatt aus Holz mit geschnitzten Näh- und Dämpfmaschinen friert ein Produktionsmoment ein, als noch Kleidung hergestellt wurde. Dieses Zeitmaß ist in der Arbeit des rumänischen Künstler sichtbar. Die blauen Arbeitsanzüge daneben verbinden die Holzkonstruktion mit dem Produkt der Arbeit. Eine bühnenhafte Kunst, die an das Abwesende erinnert.

Am Ende des Südflügels in der Nachrichtenmeisterei finden sich hölzerne Strommasten, die Christodoulos Panayiotou aus Zypern gestapelt hat. Es sind Zeugen für die Elektrifizierung der Stadt Limassol. Lange standen sie entlang der Hauptstraße und dienten auch für politische Botschaften. In Verbindung mit den Keramikfliesen aus Zypern, die im Raum zu sehen sind, hat die Arbeit „The Sea“ viel Potenzial. Dass die Masten nach Teerfarbe riechen, die das Holz haltbar machte, ist ein weiterer sinnlicher Effekt in Panayiotous Arbeit aus einer Randlage Europas.

Randlage

In Kassel hat die documenta Kaufhäuser und Bahnhöfe zur Ausstellungsfläche gemacht.

Unter anderen zählen zu den Orten SinnLeffers, Galeria Kaufhof, C&A an der Oberen Königsstraße und der Hauptbahnhof (Nord- und Südflügel) an der Bürgermeister-Brunner-Straße. Bis 16.9.; tägl. 10 bis 20 Uhr; Tel. 0561 / 70 72 770,

http://www.documenta.de

Quelle: wa.de

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