Dietmar Bär spielt „Ein bürgerliches Heldenleben“ in Bochum

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Da wird „Herrschibert“ aber mal grimmig: Theobald Maske (Dietmar Bär) und seine Geliebte Gertrud Deuter (Katharina Linder) am Schauspielhaus Bochum.

Von Anke Schwarz BOCHUM -  Dietmar Bär und Kapitalismuskritik sind die Zugpferde einer neuen Inszenierung am Schauspielhaus Bochum. Aus Carl Sternheims „Bürgerlichem Heldenleben“ zeigt Regisseur Anselm Weber die Trilogie „Die Hose“, „Der Snob“ und eine Neufassung von „1913“, bearbeitet vom Dramatiker und Hörspielautor Reto Finger, umgetauft in „2013“.

Bär durchmisst Sternheims Satire mit vitaler Rücksichtslosigkeit. Selbstgefällig in die Brust geworfen, wütet sein Theobald Maske mit moralischer Attitüde gegen den öffentlichen Verlust der ehefraulichen Unterhose und streicht beiläufig alle finanziellen Vorteile ein, die ihm aus diesem Missgeschick erwachsen. Er plustert sich auf hinter seinem Stehtisch, Zeichen hausherrlicher Macht. Von dort aus dirigiert er Ehefrau und Mieter mit großen Gesten und dokumentiert seinen zunehmenden Wohlstand im Haushaltsbuch. Devot und immer noch selbstherrlich laviert er zwischen seinem versnobten Sohn und dessen angeheirateten adeligen Angehörigen.

Dietmar Bär, der seine Karriere unter anderem in Bochum begann, fügt sich in ein versiertes Ensemble. Von Vater und Sohn Maske abgesehen, übernehmen alle Darsteller der ersten beiden Teilen eine Doppelrolle. Katharina Linder wird zur ewigen Geliebten in den Rollen der Gertrud Deuter und Sybille Hull. In langem Rock und überladener Tournüre röhrt sie lasziven Klatsch und Zweideutigkeiten. Ihre Sybille bleibt derselbe Typ. Doch mit dem schicken Cocktailkleid offenbaren sich dem Zeitgeist der Zwanziger geschuldete Nuancen – nicht mehr gespielt naiv, sondern offensiv mit allen Wassern gewaschen. Die Luise Maske von Xenia Snagowski duckt sich im grauen Hauskleid vor dem Gatten, auf einen Fußhocker neben seinem Stehtisch. Auf jede seiner großspurigen Gesten eilt sie, ihm zu dienen. Und weiß doch, die beiden sie anschmachtenden Mieter schnippisch in die Schranken zu weisen. Martin Horn und Roland Riebeling bilden ein herrliches Kontrastpaar von schmierig-schnoddrigem Frisör, später Kammerdiener, und stocksteif-lüsternem Lebemann, später Aristokraten.

Wo Theobald Maske instinktiv seine Chancen ergreift, agiert Felix Rech als dessen Sohn Christian berechnend, mit abgezirkelten Bewegungen und lauerndem Blick unter den gegelten Haaren. Sein Lebensraum ist großzügiger als der seiner Eltern. Exotische Dinge wie Zebrateppich und Elefantenfuß-Abfalleimer haben Tisch, Fußbank und Teppich ersetzt. Vor und hinter diesem zur Tapete aufgeklappten Teppich spielen die Akteure in „Die Hose“ das Wechseldich-Spiel einer Screwball-Komödie. Die kritischen Untertöne sind launig verpackt.

Neue Aspekte eröffnet die Inszenierung nicht. Es geht um eine patriarchalische Ordnung, um Frauen als Lustobjekte zwischen Männern aller Couleur. „Der Snob“ ist bissiger angelegt und wird dominiert vom durchtriebenen Spiel des Christian Maske, seiner Selbstinszenierung, um ins adelige Milieu aufzusteigen, der hemmungslosen Fälschung seiner Herkunft. Den Gegenwartsbezug darf sich der Zuschauer herstellen.

Erst der dritte Teil vollführt den rabiaten Zeitsprung, in der die heutigen „Maskes“ vorgeführt werden – in Form der drei Töchter des Christian Maske und eines griechischen Chores von eigennützigen Aktionären. Der scharfe Schnitt ist durchdacht. Trotzdem bleibt der dritte – nicht mehr originale – Teil hinter den beiden ersten zurück.

Sternheims Fassung endet mit einer optimistischen Perspektive, einem Firmenpatriarchen, der sich seiner Verantwortung stellt. Nicht mehr zeitgemäß, meint Reto Finger. Seine Fassung handelt alles ab, was an Kapitalismuskritik aktuell ist – Kapitalakkumulation, individuelles Gewinnstreben auf Kosten des Gemeinwohls, Zinswirtschaft, Schuldenschnitt, Bankenrettung. Das wirkt stellenweise aufgetragen und wenig ironisch. Auch, weil die „Töchter“ – Nadja Robiné, Kristina Peters, Sarah Grunert – zu stark deklamieren und es ihren Learschen Typen an Nuancen fehlen lassen. Dietmar Bär hat nur das vorvorletzte Wort, wenn er am Ende den Sohn mit Verachtung geißelt. Aber sein Abgang bleibt besser haften als Christians Untergang.

Das Schauspiel

Dietmar Bär gibt in einer Trilogie den selbstgerechten Super-Bürger, der nur seine Vorteile kennt.

Ein bürgerliches Heldenleben von Carl Sternheim am Schauspielhaus Bochum.

15., 23. Juni; 12.,18.,21. Juli;

Tel.: 0234 / 3333 5555

www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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