„Die Hexen von Eastwick“ in deutscher Uraufführung am Musiktheater in Gelsenkirchen

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Vergnügt und witzig: Stefanie Dietrich (von links), Jeanette Claßen und Anke Sieloff sind die „Hexen von Eastwick“ im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier ▪

Von Annette Kiehl ▪ GELSENKIRCHEN–Die wahre Liebe siegt im letzten Moment. Noch kurz vor dem Traualtar schickt die junge Braut Jennifer ihren Verführer zur Hölle und fällt dem treuen Schulfreund Michael in die Arme. Der teuflische Darryl van Horne ist ein für alle Mal verschwunden und die kleinstädtische Ordnung von Eastwick wieder hergestellt. Gemeinsam singt die gerade noch zerstrittene Hochzeitsgesellschaft: „Wir fangen neu an“. Es ist eine märchenhafte Schlussszene für eine ziemlich böse Geschichte um Magie, Konventionen, Sex und Schuld, die der US-Autor John Updike 1984 als Roman veröffentlichte.

Das Musical „Die Hexen von Eastwick“ spielt den Kampf zwischen spießiger Provinzgesellschaft und einem Mann mit engen Jeans und geradezu magischen Verführungskünsten lustvoll aus. Ein bisschen Hexerei, Emanzipation und eine Liebesgeschichte machten diese Mischung in den letzten Jahren zu einer international erfolgreichen Produktion. Am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier hat der Musicalspezialist Gil Mehmert die deutsche Uraufführung inszeniert.

Sukie, Lexa und Jane: Diese drei Frauen sind geschieden, haben seltsame magische Fähigkeiten und sind etwas gelangweilt vom Leben in Eastwick. Auf der Suche nach dem Traumprinzen geraten sie an Darryl van Horne, einen gealterten, doch sehr potenten Rockertyp. Im Whirlpool seines geheimnisvollen Hauses werden bald Orgien gefeiert. Doch das Liebesglück währt nicht lang, denn die örtliche Denkmal- und Moralschützerin Felicia droht, den neuen Bürger aus der Stadt zu jagen. Und dann macht sich van Horne auch noch an die brave High-School-Absolventin Jennifer heran. Die Hexen wollen sich rächen.

Ihr sündiges Treiben spielt in der Gelsenkirchener Inszenierung vor der leicht überzeichneten Kulisse eines dörflichen Marktplatzes. Im Hintergrund deutet eine comicartige Filmanimation die wechselnden Schauplätze der Geschichte witzig an. Aus diesem Kontrast zwischen Kleinstadtmief und Hexenwerk entstehen die besten Szenen des Abends: Wenn die strenge Felicia mit Pfeife und Tarnkappe zum feinen Kostüm die Bürgerschaft dirigiert und dem verhassten van Horne spitze Worte entgegen schleudert, dann bereitet es großes Vergnügen.

Die treibende Kraft dieser Szenen sind die Hauptdarsteller: Jeanette Claßen, Stefanie Dietrich und Anke Sieloff überzeugen als erweckte Hexen mit starker Bühnenpräsenz und einem spürbaren Körperbewusstsein. Man fühlt ihre Neugier und Lust. Kristian Vetter besticht als Darryl van Horne anziehend wie schmierig. Mit seinen gönnerhaften Gesten und der kraftvollen Stimme ist er ein wahrer Verführer, der in Gudrun Schade als Felicia eine ebenso wunderbar komische Gegenspielerin findet.

Diese Leistungen gleichen einige Schwächen von Dana P. Rowes und John Dempseys Musicalfassung des Romans aus. Die Popsongs und Musicalhymnen plätschern unter der musikalischen Leitung Jürgen Grimm mal süßlich und mal kraftvoll dahin, meist ohne die Darsteller stimmlich herauszufordern und auch, ohne einen wirklichen Eindruck zu hinterlassen. Der Soundtrack spiegelt auch die Geschichte des Musicals. Dempsey hat aus dem Roman alle Konflikte rausgestrichen, die tiefer rühren: Das magische Talent der drei Frauen ist auf der Bühne kaum mehr als ein Gag und hat nur wenig mit der unbeherrschbaren weiblichen Kraft zu tun, die Updike beschrieb. So ist der Rachefeldzug der Hexen nur ein Spiel mit Nebenwirkungen, während dieser in der Romangeschichte ein verstörendes und nachwirkendes Ereignis ist. Für die Musicalbühne mögen diese Bearbeitungen konsequent sein, doch sie sorgen für manche Unstimmigkeit und nehmen dem Werk auch einen Teil seines Charmes. Am Ende herrscht in Eastwick wieder die Idylle.

Das Musical

Ein Roman ist in der seichten Musicalwelt angekommen – nett und annehmbar.

Die Hexen von Eastwick im Musiktheater im Revier.

15., 23. Juni, 7. und 8. Juli. Kartentelefon: 0209/4097200 , http://www.musiktheater-im-revier.de

Quelle: wa.de

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