Colson Whiteheads „Underground Railroad“

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Der US-amerikanische Autor Colson Whitehead

Rigdon Banks aus North Carolina wollte seinen Besitz zurück. „Ein Negermädchen namens MARTHA“ machte er bekannt, „schmächtig gebaut und sehr freimütig, etwa 21 Jahre alt“ war verschwunden. Am 28. August 1839 ging er davon aus, das sie sich „als Freigelassene ausgeben wird“. War Martha auf dem Weg in den Norden der USA? Der Sklavenbesitzer baute auf ein Gesetz von 1793. Danach konnten Sklavenjäger entlaufene Afroamerikaner zurück in die Südstaaten bringen, wo sie meist auf Indigo- oder Baumwollplantagen schuften mussten.

Ein Gesetz von 1850 verschärfte den Besitzanspruch der Sklavenhalter noch einmal. Diese Rechtslage ist der Rahmen für Colson Whiteheads romanhafte Abhandlung „Underground Railroad“. Der US-Autor verbindet historische Aspekte der Sklaverei mit der Geschichte seines Landes. Ihm gelingt das auf atemberaubende Weise. Whitehead entwickelt das Schicksal einer Sklavin, genannt Cora, anhand von Erfahrungsberichten („slaves narratives“) und Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven. In den 1930er Jahren sind mit Hilfe des US-Staats solche Biografien aufgeschrieben worden. Es gibt Artikel, Gesetze, Steckbriefe und die Geschichte der Underground Railroad. Dahinter verbirgt sich ein Netzwerk von weißen wie schwarzen Helfern, die den Weg der Flüchtigen Richtung Norden mit Hilfe geheimer Routen, Schutzhäuser und Unterstützer ermöglichten. Zwischen 1810 und 1850 sollen 100 000 Sklaven so den Weg in die Freiheit gefunden haben. Bis 1865 gab es vier Millionen Sklaven in der expandierenden US-Wirtschaft.

Von Freiheit kann in Whiteheads „Underground Railroad“ keine Rede sein. Sie ist mehr eine Vision. Zielführender ist die Frage, solidarisieren sich die Schwarzen, um gemeinsam besser zu leben, oder ordnen sie sich in die Nischen einer weißen Ökonomie, die ihnen Plätze zuweist? Diese Kernfrage afroamerikanischen Selbstverständnisses geht auf einer Farm in Indiana unter, weil weiße Siedler die schwarze Community als bedrohlich empfinden und überfallen. Bei dem Massaker sagt Cora über schwarze Identität: „Jeder war auf sich allein gestellt, so wie sie es schon immer gewesen waren.“ Aus dem blutgierigen weißen Mob ist zu hören, dass man sich an die Streifzüge der Großväter gegen Indianer erinnerte. Colson Whitehead nennt Bitter Creek und Blue Falls, wo die Ureinwohner von weißen Einwanderern massakriert wurden.

Der Autor zeichnet eine US-Geschichte voller Gewalt. Seine These ist, dass der erstarkte weiße Nationalismus unserer Tage sich auf das Gewaltpotenzial der Staatenbildung stützt. Im Buch nennt es Whitehead den „amerikanischen Imperativ“. Oder: „Wenn du es halten kannst, gehört es dir. Dein Eigentum, ob Sklave oder Kontinent.“ Diese Überzeugung trägt der Sklavenjäger Ridgeway vor sich her, der als Sohn eines Schmieds in den Südstaaten eine unmenschliche, aber lukrative Aufgabe übernommen hat. Er steht dafür, dass Eigentum Eigentum bleibt. Ein Geschäftskonzept. Also, der Entlaufene gehört der Sklavenhaltergesellschaft: „Wenn die Nigger frei sein sollten, lägen sie nicht in Ketten.“ Ketten zählten zu den Schmiedeaufträgen seines Vaters. Es wurde Geld verdient. Und als die Bank von England gute Kredite gab, stellten die Plantagenbesitzer in den USA auf Baumwolle um. Europa war gierig auf den neuen Stoff. Er trug sich besser als Leinen.

Whitehead vermittelt ein Gefühl dafür, wie explosiv die Profitgier der Südstaaten war. Einerseits mussten die Sklaven unablässig drangsaliert werden, damit sie nicht gegen die weiße Minderheit rebellierten, andererseits zerrüttete die Sklavenfrage die US-Gesellschaft. Es kam 1861 zum Bürgerkrieg.

Vor allem aber fesselt Coras Flucht von der Randall-Plantage. Als der Sklave Caesar, der für ein paar Fiebertote eingekauft worden war, sie mit in den Norden nehmen will, entwickelt sich ein Stationendrama. Da Coras Mutter Mabel die einzige Sklavin war, die Randall verlassen hatte, setzt Caesar auf Coras Teilnahme. Sie entschließt sich, weil er lesen kann und Kontakte besitzt. Außerdem muss sie sich eingestehen, dass das Sklavenleben aussichtslos ist. Sie hatte den Jungen Chester vor einem Schlag des Plantagenbesitzers schützen wollen. Der irische Ausseher Connelly peitschte dafür sie und den Jungen an drei Tagen jeweils morgens aus. Im Hob, ein Platz für Frauen, die selbst im Sklavendorf noch ausgegrenzt wurden, erhielt sie Pflege.

Colson Whitehead erzählt von Hinrichtungen und Folter, von Techniken, wie Menschen gebrochen werden, wie sie sich unterwerfen, aus Angst vor bestialischer Strafe. Das Martyrium wird als Erinnerung behandelt, um das Dasein als Sklave ergreifend zu beschreiben. Das Buch setzt nicht auf gräuliche Effekte. Whitehead spannt die erzählte Zeit über Mabel zu Coras Großmutter Ajarry und entfaltet ein afroamerikanisches Schicksal. Dabei setzt er auf episodische Kapitel, die Zeitebenen verbinden und offene Fragen beantworten.

Zwar wird Whitehead romanhaft, wenn er die „Railroad“ tatsächlich als geheime unterirdische Bahnlinie beschreibt. Aber aus dem Fantastischen schöpft er auch Trost für die Rechtlosen. Und diesen vergessenen Menschen gibt er Gefühl, Charakter und Hoffnung.

Colson Whitehead: Underground Railroad. Übersetzt von Nikolaus Stingl. Carl Hanser Verlag, München. 349 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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