Claudia Bauer inszeniert Haydns „Schöpfung“ am Schauspiel Dortmund

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Die künstliche Intelligenz hat die echten Gefühle, die Menschen erscheinen als anonyme Handynutzer: Szene aus „Die Schöpfung“ in Dortmund mit Bettina Lieder (im Video) und dem Ensemble.

DORTMUND - Keine Menschen sprechen hier synchron, sondern Endstellen einer stolzen Denkmaschine, die für die „Teignasen“ und „Klebaugen“ nur Verachtung übrig hat und mehrfach ein hämisches „Ha!“. Dabei fing doch alles ganz im Geiste des klassischen Gotteslobs an, der Joseph Haydns Oratorium prägt. Nebel, Chaos, Ungewissheit, aus dem sich erste Form schält. Doch „Die Schöpfung“ in der Regie von Claudia Bauer ist am Schauspiel Dortmund erzählt vom Werden der Welt anders, komplexer, als es im Uraufführungsjahr 1798 vorstellbar war.

Auf der Bühne gibt es nicht mehr die eine, christlich-abendländisch gültige Wahrheit über die Entstehung des Menschen. Hier wetteifern die Versionen und Lesarten, und es entsteht ein wunderbar versponnenes, widersprüchliches, hochästhetisches Kaleidoskop der Erkenntnis. Wenn sich die Schwaden aus der Nebelmaschine lichten, fährt das Ensemble aus der Tiefe der Bühne auf. Sechs Schauspieler bilden einen Sprechchor, der Stanislaw Lems Supercomputer aus „Also sprach Golem“ die Stimmen gibt. Damit sind dem frommen Mythos die Konzepte einer rational-wissenschaftlichen Welterklärung vorgeschaltet, die zum Beispiel die Evolutionstheorie kennt. So bildet sich eine fortdauernde Spannung zwischen der Bibelvertonung und sarkastisch-skeptischen Szenen. Neben Lem gibt es auch Auszüge anderer Autoren, das tief pessimistische Märchen aus Büchners „Woyzeck“ zum Beispiel und einige Sentenzen Mephistos aus dem „Faust“.

Darf man 2018 den Menschen noch als Krone der Schöpfung preisen? Bauers Inszenierung zeigt das Mangelwesen Mensch in vielen Facetten. Viele Momente atmen Heiterkeit, zum Beispiel wenn die Scheidung der Erde in Wasser und Land besungen wird und dabei die Schauspieler unter die Dusche geschickt werden.

Düsterer schon, dass die Darsteller auf einen hängenden Plastikwal einprügeln und ihn ausweiden, während das Rezitativ Gottes Anweisung „Seid fruchtbar und mehret euch“ verkündet. Und die Artenvielfalt gerät zu einer ekstatischen Technoparty zwischen Flittergirlanden zu einem Haydn-Techno-Groove, bei dem die Schauspieler mit Auszügen aus Bernhard Studlars Stück „Die Ermüdeten“ über Urban Gardening, Auszeiten, Krebs und Sex nachsinnen. Die meiste Zeit haben sie ihre Gesichter hinter Masken verborgen, treten als gleichförmiges Kollektiv auf oder auch als Tiere vom stolzen Ross bis zum grauen Wurm, den keiner mag.

Hinreißend, wie Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Frank Genser, Marlena Keil, Bettina Lieder und Uwe Rohbeck mal menscheln („du trödelst herum“), mal mit elektronisch verzerrten Stimmen als Zwerge gegen die gewaltige Schöpfungsmaschine rebellieren. Die Drehbühne (Bühnenbild: Andreas Auerbach) dient als Spielraum für Videoprojektionen (Live-Video: Tobias Hoeft), so dass opulente visuelle Effekte möglich sind. Die scheiternde Liebesszene zwischen Lieder und Genser, in der sich die Frau als Ableger der Denkmaschine entpuppt, spielt virtuos mit der Kino-Optik.

Auch musikalisch beeindruckt die Produktion. Gewiss, Chor und Orchester wurden eingespart. Aber die drei Solisten Maria Helgath (Sopran), Ulrich Cordes (Tenor) und Robin Grunwald (Bass) tragen nicht nur die Rezitative stimmgewaltig zu Piano oder Cembalo (Petra Riesenweber) vor. Sie bringen auch viel Improvisation und Interaktion mit den Verfremdungen und Bearbeitungen durch T. D. Finck von Finckenstein ein. Mal stört nur ein untergründiges Grollen die Harmonie, oder ein dissonantes Echo am Schluss einer Zeile. Dann aber singen die Solisten eine Zeile wieder und wieder, wie einen Loop, und fügen sich ganz ins moderne Klangbild ein.

Was ist die Schöpfung wirklich? Am Anfang und am Ende begrüßen sich alle Akteure mit Handschlag, wie Kicker vor einem Fußballspiel, und sie stellen sich vor: „Schöpfung“. Was ja stimmt, egal ob man mehr der Religion oder der Evolutionstheorie vertraut. Vielleicht schaffen gerade die unvollkommenen Menschen ihren perfekten Nachfolger, künstliche Intelligenz.

Der Abend jedenfalls lässt vielem Raum, dem unschuldigen Optimismus Haydns wie den bösen Ahnungen Lems, und das erzeugt heilsame Verunsicherung. Großer Beifall.

13., 29.4., 20.5., 2., 22.6., 4., 12.7., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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