Max Claessen inszeniert „Anna Karenina“ in Münster

Die Liebe auf den ersten Blick geht nicht gut aus: Szene aus „Anna Karenina“ am Theater Münster mit Sandra Schreiber und Jonas Riemer. Foto: Berg

Münster – Übermannsgroß ist die Büste von Anna Karenina auf die Leinwand projiziert. Unbarmherzig gibt die Kamera jede Regung im Gesicht wieder. Wenn der Sohn beklagt, dass Mama nicht da ist, dass er nicht Latein liebt sondern die Mama, dann füllen sich die Augen von Sandra Schreiber mit Wasser, Tränen laufen ihr über die Wangen. Dann wieder erfüllt sie Hoffnung und ein Lächeln lässt ihr Antlitz strahlen. Dann wird sie wütend, wenn ihr Geliebter sie anspricht. Oder sie schaut mit milder Ironie auf die Hochzeit Lewins mit Schwägerin Kitty.

Schon lange bevor die Heldin aus Leo Tolstois Roman stirbt, ist sie physisch nicht mehr da in Max Claessens Inszenierung von „Anna Karenina“ am Theater Münster. Eine gute Stunde lang begleitet die Titelheldin das Geschehen wie ein Geist. Für Sandra Schreiber eine unglaubliche Anstrengung. Für den Zuschauer ein faszinierendes Erlebnis.

Im Kleinen Haus inszeniert Claessen die Bühnenfassung von Armin Petras. Vom monumentalen Gesellschaftspanorma aus dem zaristischen Russland bleibt die Ehebruchsgeschichte, anders könnte man den Stoff nicht in zweieinhalb pausenlosen Stunden unterbringen. Aber der Regisseur holt das vermeintlich nur historische, nur aufs Individuelle fokussierte Drama kongenial in die Gegenwart. Er wählt die Perspektive der Frauen, lenkt den Blick auf ihre Gefühle, ihre Verletzungen, ihre Hoffnungen.

Am Anfang glaubt man sich in eine Puppenstube versetzt: Die Bühne (Ausstattung: Ilka Meier) besteht aus weißen Architekturelementen, ein bisschen südländische Plaza, ein bisschen Edelbordell. Auf einem Brunnen rotiert ein Neonherz, an den Wänden ein Zigaretten- und ein Spielautomat. Rote Vorhänge und Tischdecken. Hier steht Annas Bruder Stefan mit Sonnenbrille. Die Wände lassen sich für schnelle Szenenwechsel verschieben. Im Hintergrund läuft ein Video, das die Handlung kommentiert. Die Darsteller sprechen zuweilen Romansätze wie Erzähler. Sechs Statisten in Dienerkleidung begleiten das Geschehen stumm, sie verschieben die Bühnenelemente, sie sind wie ein belebtes Mobiliar.

Hier darf man drei Paaren zusehen, wie sie auf ihre eigene Weise unglücklich sind. Anna Karenina will die kriselnde Ehe ihres Bruders Stefan retten, verliebt sich aber in dessen Freund Wronski. Den begehrt auch Kitty, die Schwester von Stefans Frau Dascha. Sie bekommt den Provinzler Lewin.

Das Unglück beginnt heiter, im Ton einer Soap. Dascha (Isa Weiß) schildert ihrer Schwägerin die zerrüttete Ehe im Plauderton. Natürlich lacht man über Sätze wie: „Alle sehen aus wie ich in früher.“ Claessen setzt an Schlüsselstellen des Stückes Popsongs ein, Lieder von Frauen. Da wirkt Daschas Idee, man könne sich mit einer Schere den idealen Gatten zurechtschneiden, gleich etwas rebellischer. Kitty (Andrea Spicher), die ihrem rosa Putz entschlüpft, trägt wie eine Femen-Aktivistin Schrift auf ihrer Haut und singt zur Gitarre ein böses Lied.

Pointiert präsentiert Claessen das Beziehungsdreieck zwischen Anna, Wronski und Karenin. Sie steht zwischen den beiden, ihr Gatte hat ihr Blumen gebracht, die Wronski ihm abnimmt, um sie zu überreichen. Karenin redet ihr zu, während Wronski sie beschmust. Und während Karenin, der Minister, davon spricht, dass seine Position durch die Affäre gefährdet wird, reißt sich das Paar die Kleidung vom Leib und fällt in einer Nische übereinander her. Den Rausch der Sinne verdoppeln Videoaufnahmen der Darsteller vor Flammen, als wären wir in „Vom Winde verweht“.

Dass der Abend über die volle Strecke fesselt, verdankt sich auch einem engagierten Ensemble, aus dem Sandra Schreiber hervorragt. Als Anna nach der Geburt ihrer Tochter mit dem Tod ringt, lässt sich Schreiber von den Dienern tragen. Kopfunter hängt sie zwischen ihren Männern, fiebert, nimmt Abschied, fordert: „Küsst euch doch!“ und dreht damit die Machtverhältnisse um – hinreißend. Im Schlussteil fällt eine Stoffbahn und Anna wird vielleicht zu dem Bild, das Wronski von ihr malte.

Schreiber strahlt, ohne ihre Mitspieler zu verschatten. Jonas Riemer gibt den Wronski nicht einfach nur als Macho, sondern mit vielen Zwischentönen. Daniel Fries‘ Karenin ist mehr als der auf seine Position bedachte Politiker, und immer wieder schlüpft er auch in die Rolle des gemeinsamen Sohnes. Spicher vermittelt überzeugend den Reifeprozess der Kitty. Ilja Harjes ist als Stefan ein schöner Schlawiner. Louis Nitsche verkörpert sensibel die Selbstzweifel und Unsicherheit des Landeis Lewin.

Großer Beifall für die sehr zeitgemäße Auffrischung eines Literaturklassikers.

Termine: 19., 23., 26., 31.1., 7., 8., 15.2., 1., 22.3.,

Tel. 0251/ 5909 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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