Christian von Treskow inszeniert „Sein oder Nichtsein“ nach Lubitsch in Münster

Mit dem Tod des Spions ist es noch nicht vorbei: Szene aus „Sein oder nichtsein“ in Münster mit Christoph Rinke, Christian Bo Salle, Isa Weiß, Paul Maximilian Schulze, Sandra Schreiber, Gerhard Mohr, Ilja Harjes und Statisten.
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Mit dem Tod des Spions ist es noch nicht vorbei: Szene aus „Sein oder nichtsein“ in Münster mit Christoph Rinke, Christian Bo Salle, Isa Weiß, Paul Maximilian Schulze, Sandra Schreiber, Gerhard Mohr, Ilja Harjes und Statisten.

MÜNSTER - So oft hat man schon lange nicht mehr über den Führergruß gelacht. Aber im Großen Haus des Theaters Münster überbrücken die Nazis ihre Verlegenheit stets mit einem markigen „Heil Hitler!“ Und sie sind oft verlegen, die vermeintlichen Herrenmenschen im besetzten Warschau, wo sie ein Truppe ebenso verzweifelter wie einfallsreicher Schauspieler an der Nase herumführen.

Um alles, ums Überleben geht es in „Sein oder Nichtsein“ nach dem Hollywood-Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942. Christian von Treskow verzichtet in seiner Inszenierung darauf, die Komödie vordergründig zu aktualisieren. Und doch hallen oft genug aktuelle Politphrasen nach. Gewiss zielt beim Gestapo-Ball die polnische Schauspielerin Maria Tura (Ulrike Knobloch) in ihrer hinreißend kitschigen Lobrede auf die deutsche Heimat, in der der Stein, das Gras, der Baum alle deutsch sind, auf das Blut-und-Boden-Denken von einst. Aber ihre boshafte Suada trifft genauso die heutige Heimat-Ideologie und den Leitkultur-Wahn.

Das Stück ist ja der schiere Wahnsinn, gerade mit seinen Running Gags und mit seinen Brechungen zwischen Politfarce und Eifersuchtskomödie. Die Truppe um den Direktor Dowasz und den Starschauspieler Josef Tura müssen einem Spion eine Liste mit den Namen polnischer Untergrundkämpfer abjagen. Also geben sie ihr Haus als Gestapo-Zentrale und sich als Nazis aus. Ihre allzu menschlichen Schwächen machen das nicht einfacher: Tura vermutet, dass seine schöne Frau ihn betrügt. Zu Recht, denn immer wenn er den großen Monolog Hamlets beginnt, steht in der ersten Reihe ein Mann auf und verlässt den Saal – um Maria in der Garderobe aufzusuchen. Dass der Liebhaber ausgerechnet ein polnischer Fliegeroffizier ist und Marias Untreue Josef ausgerechnet vor den Nazis bestätigt wird, dass Tura außerdem ausgesprochen eitel ist, das alles erleichtert den theatralen Partisanenkampf nicht gerade.

Mit dem Realismus, den Illusionen des Kinos kann das Theater nicht direkt konkurrieren. Christian von Treskow setzt auf Stilisierung. Gleich im ersten Bild sieht man einen Nazi am Schreibtisch sitzen, und Christian Bo Salle hat Arme und Beine so abgeknickt, dass er ein menschliches Hakenkreuz bildet. Immer wieder verformen die Darsteller ihre Körper, bewegen sich auf unnatürliche Weise. Die absurde Geschichte sieht in Münster eben auch absurd aus, und das erzeugt gleichsam eine Metakomik. Das steigert sich bis in den Slapstick, zum Beispiel mit Hitlergrüßen, die zum Schlag ins Gesicht der Diva Maria Tura geraten oder bei denen sich der Gestapo-Beamte Schulz den eigenen Arm in der Tür einklemmt. Herrlich bizarr dehnt Ilja Harjes als Tura die Sekunden in seinem Hamlet-Auftritt, wenn er finster über die Bühne schreitet, den Totenschädel in der Hand annickt und nach einer weiteren Pause und einem Souffleurversuch des Direktors bedeutungsschwer endlich „Sein“ sagt, um dann gleich wieder zu verstummen und das Publikum auf die Folter zu spannen bis zum „...oder Nichtsein“. Und ein Kabinettstück ist sein Überlebenskampf bei der Gestapo, wenn er in der Maske des Spions die Leiche des echten Spions (hinreißend starr verkörpert von Christian Bo Salle) hin und her zerrt und sich aus der Klemme trickst.

Auf die Drehbühne hat Ausstatterin Dorien Thomsen eine Art Portal gestellt, das in der Breitseite mal das echte, mal das imitierte Gestapo-Hauptquartier zeigt, vor Kopf hingegen die enge Hinterbühne des Warschauer Theaters. Hier wird geklettert, sich unter einem Geländer durchgebogen. Alles passt zu dem überstilisierten Spiel.

Das Ensemble überzeugt durch vollen Körpereinsatz. Ilja Harjes verwandelt sich eindrucksvoll in allerlei Nazis. Ulrike Knobloch zeigt als imposante Diva die Verführungskraft wie die Verführbarkeit der Maria Tura. Gerhard Mohr ist ein schön ruppiger Gestapo-Gruppenführer. Christoph Rinke gibt pointensicher den windigen Schauspieldirektor.

Als Niklas Marx vor den Nazis den Monolog des Juden aus dem „Kaufmann von Venedig“ spricht, wird der Abend plötzlich still und intensiv, und der Ernst verschattet kurz das alberne Treiben. Auch ein solcher sicherer Registerwechsel spricht für den Abend. Viel Applaus für eine starke Komödie mit Problembewusstsein.

24.11., 1., 8., 14., 15., 21., 27., 31.12., 13., 21., 22.1., 1., 6.2, 5.3.;

Tel. 0251/ 5909 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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