Christian Petzolds Film „Transit“ auf der Berlinale

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Eine schwierige Beziehung in der Fremde: Szene aus Christian Petzolds Film „Transit“ mit Paula Beer und Franz Rogowski. Der Film läuft im Wettbewerb der Berlinale.

BERLIN - Nina Hoss fehlt. Christian Petzold hat diesmal nicht mit ihr gedreht. Insgesamt haben beide sechs Film verwirklicht. Darunter die DDR-Flüchtlingsgeschichte „Barbara“, für die der Regisseur 2012 den Silbernen Bären der Internationalen Filmfestspiele in Berlin erhalten hatte. Nun zeigt Petzold mit seinem artifiziellen Drama „Transit“ wieder ein Flüchtlingsthema.

Allerdings konzentriert er sich nicht auf den Systemwechsel von Ost- nach Westdeutschland, sondern versucht das Phänomen Flucht über die historische Dimension als immerwährenden Zustand zu beschreiben. Dabei lässt Petzold die Figuren aus Anna Seghers Roman von 1941/42 auftreten. Es geht um Emigranten, die im besetzten Frankreich des 2. Weltkriegs nach Amerika wollen. Gedreht wurde allerdings im Marseille unserer Tage, wo die Polizei potenzielle Flüchtlinge aus Afrika aufgreift. Petzold, der selbst aus einer Flüchtlingsfamilie stammt, will zeigen, dass sich Migration nicht in einzelne Stories verpacken lässt. Die Heimatsuche von Menschen ist erzählerisch nicht mit Anfang und Ende zu beherrschen. Existenzprobleme gibt es zu jeder Zeit, ist Petzolds Aussage und sein Film eröffnet einen visuellen Raum dazu. „Transit“ ist der erste von vier deutschen Filmen im Berlinale-Wettbewerb.

Im Mittelpunkt steht Georg. Er muss nach Marseille, weil die Faschisten in Paris Flüchtende verfolgen. Vorher will er zwei Briefe an den Autor Weidel übergeben. Der deutsche Schriftsteller hat sich allerdings, aus Angst deportiert zu werden, die Pulsadern aufgeschnitten. Georg nimmt seine Identität an und hilft noch einem schwer verletzten Genossen, der letztlich stirbt. In Marseille freundet sich Georg mit dessen Frau und seinem Sohn Driss an. Sie stammt aus dem Maghreb. Petzold erweitert das Flüchtlingsdrama und verbindet die Schicksale in Marseille über den Jahrtausendwechsel hinweg. Franz Rogowski gibt Georg sehr einfühlsam und abwartend. Er behält die Nerven beim Konsul, der seine Identität prüft, und wehrt sich bei Personenkontrollen. Rogowski („Fikkefuchs“) ist der deutsche Shootingstar auf der Berlinale. Der Schauspieler, Tänzer und Choreograf ist noch „In den Gängen“ von Thomas Stuber als Angesteller im Osten Deutschlands zu sehen – neben Sandra Hüller.

In „Transit“ bleibt aber zwischen Rogowskis Georg eine merkwürdige Distanz zu Driss und seiner Mutter. Emotional fühlt sich Georg zu Weidels Frau hingezogen, die er zufällig kennenlernt. Paula Beer spielt eine Verlorene, die mit einem Arzt (Godehard Giese) liiert ist, aber immer noch ihren Mann sucht. Wer nun mit wem ausreisen will, ist ein verwirrendes Spiel und offenbart, wie haltlos die Figuren sind. Dabei wird die Liebe nicht zum Motiv neuer Lebenssehnsucht. Zu sehen sind karge Hafenbilder, Gespräche auf dem Konsulat, Flüchtlinge, die vor Ämtern warten, und Cafés, wo die Menschen Zeit überbrücken. Aus dem Off ist die Erzählerstimme von Matthias Brandt zu hören, der die Menschen beschreibt wie in Anna Seghers Roman. Die Erklärungen wirken literarisch und belasten die Aktualität des Bildkonzepts. Christian Petzold hat sich dem Thema Flüchtlinge sehr konzeptuell genähert. Dass Georg am Ende über die Pyrenäen wandern will und seine Schiffspassage weitergibt, erinnert an den Philosophen Walter Benjamin, der auf seiner Flucht vor den Nazis ins Meer sprang. Leider macht „Transit“ die innere Not dieser Menschen nicht spürbar, dafür ist die Erzählhaltung zu reflektiert, und in einigen Sequenzen ist der Film einfach langatmig.

Auch der französische Beitrag „Eva“ bringt zwei Geschichten zusammen. Es gibt einen Hochstapler und eine Edelprostituierte. Bertrand (Gaspard Ulliel) kommt an das Manuskript eines Schriftstellers, das ihm schnellen Ruhm als Theaterautor beschert. Als sein Verleger ein Folgeprojekt erwartet, glaubt der junge „Dramatiker“, im Leben einer Nutte den Stoff gefunden zu haben. Ein Zufall hat Bertrand mit Eva zusammengebracht. Isabelle Huppert spielt diese femme fatale mit einer Gelassenheit und hemdsärmligen Art, dass sie ihrem Kino der starken Frauen noch eine Facette hinzufügt auf dieser Berlinale. Noch 2016 war sie hier in dem Film „Alles was kommt“ als tapfere Madame in der Midlife-Crisis zu sehen. „Eva“ hat sie mit Benoit Jacquot gedreht. Es geht einmal mehr um Liebesbeziehungen in der Bürgerwelt Frankreichs. Wenn es nicht Isabelle Huppert gäbe, bei der man nie weiß, was sie als nächstes zeigt, bliebe „Eva“ ein überflüssiges Filmchen um Selbstbetrug, Erfolgsgier und Männerfantasien.

Im Wettbewerb um den Goldenen Bären erstaunt der italienische Film „Figlia Mia“ (Daughter of Mine) mit einer dramatischen Mutter-Kind-Story. Die zehnjährige Vittoria (Sara Casu) erfährt, dass ihre Mutter die versoffene und nuttige Angelica ist. Ihre Ziehmutter Tina geht in einen Wettstreit um ihre „Tochter“ und bietet der klammen Angelica Geld, damit sie die Gegend verlässt. Regisseurin Laura Bispuri zeigt ein aufreibendes Drama unter Frauen, zu denen sich am Ende auch Vittoria zählt. Sie sucht die Anerkennung der rabiaten Angelica. Bis dahin ist die moralische Spannung greifbar, die „Figlia Mia“ zwischen Pferdehändler (Udo Kier), Stiefvater und eigensinnigen Müttern (Valeria Golino, Alba Rohrwacher) entwickelt. Preiswürdig.

Auch der schwedische Film „Toppen av ingenting“ (The Real Estate) entwickelt eine eigentümliche Spannung. Als Nojet nach Stockholm zurückkehrt, findet sie ihr Erbe, ein Mietshaus, abgewirtschaftet vor. Ihr Bruder und sein Sohn bereichern sich, kassieren Bewohner ab und lassen Untermieter zu. Als Nojet verkaufen will, droht man ihr. In kruden Großaufnahmen wird diese Rachegeschichte am Rande der Großstadt zu einer düsteren Selbstfindung. Die Regisseure Axel Petersén und Mans Mansson zeigen, dass Senioren feiste Herausforderungen monströs kontern können. Léonore Ekstrand verkörpert die geprellte Erbin als nordische Kämpferin mit Maschinenpistole – eins der stärksten Bilder im Wettbewerb um den Goldenen Bären und nicht ganz ernst gemeint.

Quelle: wa.de

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