CD-Box „The Spirit of Memphis“ würdigt Soul-Genie Isaac Hayes

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Der US-Soulsänger Isaac Hayes singt auf einem Musikfestival in Cannes 1973.

Wenn Isaac Hayes den Pelzmantel abwarf und seinen Oberkörper freilegte, auf dem er nichts trug außer goldenen Ketten, jubelten die Fans. Der Black Moses trat wie ein Prophet auf, kahlköpfig, bärtig, eine charismatische Erscheinung. Aber das war nichts gegen diese kristallene Wah-Wah-Gitarre, die scheppernde Highhat, den druckvollen Bass. Minutenlang feierte Hayes den Groove, ehe er das Mikro griff und seine Hymne auf den ultracoolen Ermittler Shaft anstimmte.

Isaac Hayes (1942–2008) verkörperte 1972 Black Power beim Wattstax-Festival, der schwarzen Antwort auf Woodstock. Damals war er eine Ikone des Soul, ganz oben. Inzwischen ist er ein Fall für Spezialisten geworden, am Ende landete er bei der Scientology-Sekte. Eher fragwürdig war seine Rolle als Schulkoch in der Cartoonserie South Park. Wer Hayes wirklich kennen lernen will, der sollte sich an die prachtvolle Edition „Isaac Hayes – The Spirit of Memphis“ halten, die die wichtigsten Karrierestationen des Musikers auf vier CDs festhält, mit einem informativen Booklet.

Hayes‘ Karriere ist eng verbunden mit der Plattenfirma Stax, die 1957 von Jim Stewart und seiner Schwester Estelle Axton in Memphis gegründet wurde. Ursprünglich wollten sie Country Music verlegen, aber schnell wechselten sie die Richtung. Stax wurde zu einem stilprägenden Label für Soul und R‘n‘B. Während Berry Gordy mit seiner Firma Motown in Detroit den Sound oft abmilderte, sich den Hörgewohnheiten des weißen Pop-Publikums anpasste und so kommerziell noch mehr abräumte, bot Stax raue Klänge. Und Isaac Hayes gehörte zu den wichtigsten Protagonisten, lange bevor er unter eigenem Namen aufnahm.

1964 wurde er Studiomusiker, kurz darauf mit David Porter zum Hitlieferanten für das Label. Das Duo schrieb die Hits für Sam & Dave („Soul Man“, „Hold on, I‘m Coming“), Carla Thomas („B.A.B.Y.“), The Astors, William Bell. Hayes stammte aus ärmlichen Verhältnissen, die Mutter starb früh, sein Vater ging weg, Isaak wuchs bei den Großeltern auf. Er hatte wirklich noch Baumwolle gepflückt und als Schuhputzer gearbeitet. Vielleicht erklärt das seinen Hang zu exaltierten Auftritten später.

1967 nahm er sein erstes Solo-Album auf, aber der Durchbruch kam 1969 mit dem Album „Hot Buttered Soul“. Da war sein Markenzeichen zunächst die Neudeutung von Hits aus anderen Genres, zum Beispiel Glen Campbells Country-Song „By The Time I Get To Phoenix“ und mehreren Kompositionen von Burt Bacharach wie „The Look Of Love“ und „Walk On By“. Er erschloss sich fremdes Material, indem er es auseinandernahm und neu montierte. „Walk On By“ wurde zur zwölfminütigen Soul-Symphonie, mit schwerem Rhythmus und wuchtigem Orchester. Alles überstrahlte sein Bariton voller Emotionen und Erotik.

Hayes schuf die Filmmusik für den Blaxploitation-Klassiker „Shaft“ und weitere Filme. Das war der Sound für das neue schwarze Selbstbewusstsein, funky und stark, und das „Motherfucker“ wird hier von ironisch tantenhaften Backgroundsängerinnen mit einem „Shut your mouth“ übertönt. Hayes erreichte Platz 1 der Popcharts, gewann zwei Grammys und einen Oscar. Und er legte nach mit der Hymne „Do your thing“. Hayes war Rapper, bevor es das gab, was man heute darunter versteht. Die abgebrühte, böse Pose war bei ihm Ausdruck von Emanzipation, in den goldenen Ketten waren die Fesseln der Sklaven noch erkennbar. Er definierte sie um zu stolzem Stammesschmuck.

All das findet man auf der vorzüglichen CD-Zusammenstellung. Eine Scheibe ist seinen frühen Hits als Autor gewidmet, eine versammelt seine Singles. Seine epischen Cover-Versionen sind da und ein Konzertmitschnitt von 1972, bei dem man seine tiefen Wurzeln im Blues heraushört, wenn er sich zum Beispiel „Stormy Monday“ vornimmt. Der Song und weitere sind bislang unveröffentlicht.

Leider fehlt seine 17-minütige Interpretation von Bill Withers‘ Klassiker „Ain‘t No Sunshine“ vom Wattstax-Festival (1973) mit Hayes‘ ausladenden Beiträgen an Saxophon und Gesang. Auf der vierten CD aber gibt es eine vierminütige Studio-Improvisation von 1970, die in der Live-Version aufgegriffen wurde. Hier findet man auch den experimentierfreudigen Musiker dokumentiert, der seinen Hit „Do Your Thing“ über eine halbe Stunde lang in alle Richtungen entwickelt, mal als Rhythmus-Orgie, dann als freie Improvisation für schrille E-Gitarren, das Soul-Gegenstück zu Free Jazz. So gut wie in seiner Stax-Zeit war Isaac Hayes später nicht mehr. Auch darum ist dies eine wundervolle Würdigung für eins der größten Genies des Soul.

Isaac Hayes: The Spirit of Memphis. 4 CD und eine Vinyl-Single. (Stax/Craft Recordings/Universal Music)

Außerdem sehr empfehlenswert: die 3-CD-Box „Soulsville U.S.A.: A Celebration of Stax“ (Concord/Warner Music), ein Querschnitt durch die Labelgeschichte mit Hits und Raritäten

Quelle: wa.de

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