„Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Malerschule“ in Düsseldorf

Hochsymbolisch aufgeladen ist Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde „Lebensstufen“ (um 1834), das aus dem Museum der bildenden Künste, Leipzig nach Düsseldorf kam. Foto: MBK Leipzig/InGestalt Michael Ehritt

Düsseldorf – Casar David Friedrich hat es in seinem Gemälde „Lebensstufen“ (um 1834/35) fast schon übertrieben. Vordergründig zeigt er ein Stück Ostseeküste mit Segelschiffen und einer kleinen Familie beim Spaziergang. Die fünf Menschen stehen für Generationen, vom kleinen Kind bis zum rüstigen Großvater, von dem wir nur den Rücken erblicken. Aber die Schiffe verdoppeln gleichsam die Symbolik, repräsentieren den Lebensweg als Seereise, vom Aufbruch am Ufer bis zum blassen Schemen am Horizont.

Dieses Schlüsselwerk der Romantik, normalerweise im Leipziger Museum der bildenden Künste zu sehen, hängt nun im Kunstpalast in Düsseldorf. Beide Häuser befragen in der Ausstellung „Caspar David und die Düsseldorfer Malerschule“ den mehrdeutigen Begriff und untersuchen die schwankende Wertschätzung für Künstler. Friedrich (1774-1840) war schon zu Lebzeiten bewundert und geschätzt, das preußische Königshaus und der Weimarer Hof kauften Werke von ihm. Aber er stieß auch auf Kritik, ihm wurde „Einseitigkeit“ und „Manier“ vorgeworfen. Goethe, der ihn anfangs gefördert hatte, mokierte sich über die „frostige Jugend“, die haufenweise düstere Winterlandschaften malte. Und bald schon liefen die Künstler der Düsseldorfer Malerschule ihm den Rang ab. Künstler wie Johann Wilhelm Schirmer, Carl Friedrich Lessing, die Brüder Andreas und Oswald Achenbach orientierten sich anfangs noch an Friedrichs Schaffen. Aber sie entwickelten sich stilistisch von ihm fort, verzichteten zunehmend auf die metaphysische Aufladung zugunsten einer packenden Erzählung, suchten einen realistischen Zugang zur Welt. Und sie erwiesen sich als die besseren Netzwerker, sie prägten eine Marke und vermarkteten ihre Produktion nach Paris, St. Petersburg und New York.

Gegenüber von Friedrichs „Lebensstufen“ hängt Andreas Achenbachs monumentale Marine „Ein Seesturm an der norwegischen Küste“ (1837). Auch diese Darstellung eines kleinen Seglers, der mit leeren Masten hilflos von mächtigen Wogen auf die Küstenfelsen gedrückt wird, kann man symbolisch deuten: Wie das Boot ist der Mensch Objekt des Schicksals. Doch bei Achenbach steht das Drama im Vordergrund, die vielleicht auch voyeuristische Angstlust, mit der der Betrachter sich vorstellt, was als nächstes mit dem Boot, der Besatzung geschehen wird. Und der Maler mobilisierte alle Virtuosität, um die schweren Gewitterwolken, die aufgepeitschte See, den feuchten, schroffen Stein zu schildern. Auch das Format macht aus dem Werk etwas anderes: Friedrich liefert überwiegend Andachtsbilder, in die man sich versenkt. Achenbach bietet großes Kino in Öl auf Leinwand.

In Düsseldorf vermitteln rund 130 Werke, darunter 60 von Friedrich, dass es eben nicht nur eine Romantik gab, ja, dass „Romantik“ nicht einmal für einen richtigen Stil steht. Da sind eben die klar kodierten kleinen Kreationen Friedrichs, von frommer Melancholie durchzogen. Von „Stimmungslandschaften“ sprechen die Kuratoren Bettina Baumgärtel und Jan Nicolaisen. Wenn Friedrich eine Gebirgslandschaft malt, dann errichtet er exakt auf der Bildachse eine zum Himmel strebende Staffel aus einer gotischen Kapelle im Hintergrund, vor der ein Kruzifix steht. Das „Kreuz im Gebirge“ (um 1812) ist nur im Vordergrund scharf konturiert, die Skyline aus Tannen und Gotteshaus umgibt der Künstler mit einem rosigen Nebel, einem Gottesdunst. Und die „Eiche im Schnee“ (1827) soll eben als symbolisches Porträt betrachtet sein, das mit seinem bizarren, kahlen Astwerk steht für einen vom Leben gezeichneten Menschen.

Wie anders geht Johann Wilhelm Schirmer die Sache an, der seinen „Deutschen Urwald“ (1828) schon im Bildtitel „nach eigener Erfindung“ gestaltete, dafür aber eine Fülle von Studien nach der Natur nutzte. Die Nahaufnahmen von wuchernden Ufergewächsen an der Düssel sind fast noch schöner als die opulente Makrokomposition. Vor allem begeistert das Interesse an der Natur. Das allerdings hatte auch Friedrich. Die Ausstellung breitet viele Zeichnungen aus und Notizbücher, die zeigen, wie auch er skrupulös die Natur studierte. Aber die Malerei nahm eine andere Richtung. Schirmers „Zypressen im Park der Villa d‘Este bei Tivoli“ (1840) sollen nichts symbolisieren, sie bleiben einfach nur Bäume, die die tiefe Sonne reizvoll beleuchtet.

Eine der Ikonen der Romantik, Friedrichs „Frau am Fenster“ (1822), steht ganz für eine weltabgewandte Innerlichkeit. Vielleicht erfüllt eine Sehnsucht die Figur, die vor eine große, schmucklose Wand gestellt ist und durch das Fenster blickt wie durch die Schießscharte einer Burg. Was sie fühlt, zeigt uns der Maler nicht. Er baut seine Bilder oft so, dass die Menschen dem Betrachter den Rücken zuwenden. Sie sehen, was auch wir sehen. Aber sie entziehen sich auch dem Blick. Johann Peter Hasenclevers Bild „Die Sentimentale“ (1846) scheint geradezu auf Friedrichs Bild zu antworten. Auch hier blickt eine Frau aus dem Fenster, nachts, zum Vollmond. Aber hier schwingt Ironie mit, die Schöne mit der entblößten Schulter gibt sich ihren Gefühlen hin, bis Tränen fließen. Die Düsseldorfer kennen mehr als Friedrichs heiligen Ernst. Hasenclever malt 1836 eine Atelierszene als Happening. Und Wilhelm Joseph Heine zeigt in seinem Bild „Gottesdienst in der Zuchthauskirche“ (1837) Arbeiter und Studenten, denen mehr an weltlichen Zuständen liegt als am Jenseits. Im demonstrativen Desinteresse steckt Rebellion.

1906 wurde Friedrich wiederentdeckt, in der „Jahrhundertausstellung deutscher Kunst“ in Berlin. Seitdem steht er in der Gunst des Publikums höher als seine rheinischen Nachfolger, die ihn zunächst überflügelt hatten. Ob das für immer so bleibt? Der feinsinnige Bilderdialog in Düsseldorf bietet Nachdenkstoff dazu.

Bis 7.2.2021, di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr.

Tel. 0211 / 566 42 100, www.kunstpalast.de,

Katalog, Sandstein Verlag, Dresden, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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