Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt die Ausstellung „Wir Kapitalisten“

Als Haremsdamen posieren reiche Töchter für die Fotografin Daniela Rossell (2002). Fotos: Bundeskunsthalle

Bonn – Da liegt die riesige, furchtbare, bedauernswerte Kreatur. Reglos, sechseinhalb Meter lang auf dem Boden der Bundeskunsthalle in Bonn. Sie sieht aus wie ein vermenschlichter King Kong. Fliegenkleine Geschöpfe wuseln auf dem Körper herum, als wäre er ein Gebirge. Das tote Geschöpf beuten sie aus wie ein Bergwerk oder einen Wald. Einen ausgebrochenen Zahn seilen sie ab. Mit Schläuchen zapfen sie Rotz und Blut in Tanks. Das Fell mähen sie, die Haut ziehen sie ab, am Fleisch metzgern sie. Alles von hölzernen, primitiven Gerüsten, mit einfachen Karren.

Das Künstlerduo Matthias Böhler und Christian Orendt liefert mit seiner Skulptur „Give us, dear“ (2013) eine starke Geschichte ab, die Elemente aus „King Kong“ mit „Gullivers Reisen“ verbindet. Aber das Werk versinnbildlicht auch die Ausbeutung der Welt durch Menschen. Der gelbe, noch blutige Hauer, den sie abseilen, ist größer als die kleinen Arbeiter. Aber so gewaltig die Kreatur auch ist, irgendwann sind die Rohstoffe des Kadavers verbraucht – oder verdorben. Das Verbrauchen ist rücksichts- und restlos.

Das Kunstwerk bringt in gewisser Weise die Ausstellung „Wir Kapitalisten“ auf den Punkt. Die Koproduktion der Bundeskunsthalle mit der Bundeszentrale für politische Bildung will den Kapitalismus aus kulturhistorischer Perspektive verständlich machen. Dass das notwendig ist, liegt nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem globalen Triumph des Kapitalismus auf der Hand. Mit rund 250 Exponaten mischt die Schau Sachinformationen mit künstlerischen Kommentaren. Wegen der Corona-Pandemie war sie mehrere Wochen lang nicht zu sehen. Von heute an ist sie wieder zugänglich unter Berücksichtigung der üblichen Sicherheitsregeln – und sie wurde verlängert.

Die Ausstellungskapitel sind nicht chronologisch aufgebaut, sondern versuchen die Hauptmerkmale des Kapitalismus aufzubereiten. Stichworte sind die Rationalisierung, die Steigerung der Produktivität, das Streben nach Bereicherung, das Umwandeln öffentlicher Güter in private, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, das Schaffen von Innovation, die Nutzung von Krisen als Chance und die Bildung von Luxus.

Was theoretisch wirkt, ist in der Anmutung eines Discounter-Supermarkts auf Blechregalen sinnlich inszeniert, mit vielen Mitmach-Momenten. So kann man sich gleich am Anfang zu einem interaktiven Spiel anmelden, das einen durch die Schau begleitet und zum Beispiel den Dialog mit den beiden Arbeitern ermöglicht, die Duane Hanson 1993 als hyperrealistische Skulpturen für das Bonner Haus der Geschichte schuf.

Der Kapitalismus hat seine Ursprünge in den italienischen Stadtstaaten, wo um 1340 die doppelte Buchführung entwickelt wurde, die im Prinzip heute noch die Wirtschaft prägt. Ein Geschäftsbuch aus Genua zeugt davon. Überall rationalisieren Unternehmer, sorgen dafür, dass Arbeit schneller und effektiver ausgeführt wird. So wurden die Schlachthöfe von Chicago im 19. Jahrhundert zur Fabrik, in der in industrieller Weise Tiere getötet und weiterverarbeitet wurden. Das Fließband, eins der prägenden Elemente industrieller Fertigung, wurde hier erfunden.

Was im Wege stand, musste weichen, so wie die 1690 errichtete Gedembergmühle in Werne, die 1947 abgerissen wurde. Sie stand dem vorrückenden Bergbau im Weg. Ein zimmergroßes Holzmodell erinnert an den imposanten Bau.

Die Schau unterstreicht die Ambivalenz des Kapitalismus. Einerseits arbeitet sie die gesellschaftlichen Kosten heraus. Zum Beispiel gab es früher in dörflichen Gemeinschaften eben Güter, die von allen genutzt werden konnten, wie Weiden und Teiche für das Vieh oder auch Plätze. Solche öffentlichen Güter passen nicht in die Logik des Kapitalismus. Privates Eigentum wurde zum vorherrschenden Prinzip. Kurt Langbeins 2015 gedrehter Film „Landraub“ macht deutlich, wie das Prinzip bis in die Gegenwart funktioniert. Er zeigt beispielsweise Kleinbauern in Kambodscha, deren Land enteignet wurde, um in industriellem Maßstab Zucker zu produzieren. Wo sie einst das anbauten, was sie zum Leben brauchen, müssen sie nun für Kleinstlöhne in der Fabrik schuften. Zum Teil werden diese Praktiken noch mit Mitteln der Entwicklungshilfe aus Europa gefördert.

Andererseits führt der Kapitalismus auch zu Fortschritt. Michael Thonet entwickelte 1859 den normierten „Konsumstuhl Nr. 14“. Der Stuhl wurde nicht mehr handwerklich in einem Stück gefertigt, sondern aus sechs Holzteilen, zwei Muttern und zehn Schrauben, die in Vorwegnahme des Ikea-Prinzips leicht zu montieren waren. Und man konnte den Stuhl platzsparend als Bausatz in alle Welt exportieren. Der Entwurf des Wiener Tischlers wurde zum internationalen Design-Klassiker, millionenfach verkauft bis heute. In Bonn ist nicht nur der Stuhl zu sehen, sondern auch ein prominenter Auftritt aus dem Film „Cabaret“, wo er auf der Bühne steht, wenn Liza Minnelli singt.

Viele Konsumgüter wurden erst durch den Innovationsdruck des Kapitalismus möglich. Ein frühes Mobiltelefon von 1993 erforderte vom Nutzer noch, dass er einen kleinen Koffer mit sich herumtrug. Zehn Jahre später telefonierte Angela Merkel schon mit einem kleinen handlichen Gerät. Und doch ist dieses Exponat gegenüber den Smartphones der Ausstellungsbesucher erkennbar veraltet, auch schon überholt.

Andererseits ist oft auch Verschleiß mitproduziert. Ein Objekt darf nicht zu lange halten, sonst wird nicht weiterkonsumiert. Ein Foto zeigt das „Centennial Light“ in der Feuerwehrstation Livermore in Kalifornien, eine Glühbirne, die seit 1901 ununterbrochen brennt. Ein so haltbares Produkt bedeutete aber für den Fabrikanten ein schlechtes Geschäft...

Überfluss und Luxus sind Themen der Schau, zum Beispiel in den Bildern der mexikanischen Fotografin Daniela Rossell, die aus der Oberschicht ihres Landes stammt. Sie hat 2002 die Reichen und Berühmten in selbst inszenierten Arrangements abgelichtet, zum Beispiel zeigte sich eine Dame als Haremsherrin, die Tochter eines Komponisten posiert in einem Privatpalast von geradezu obszönem Prunk. Klaus Pichler fotografiert verdorbene Lebensmittel, zum Beispiel verschimmelte Erdbeeren in einer Silberschale. Seine Bilder kommentieren den Umstand, dass ein Drittel aller Lebensmittel weltweit nicht gegessen, sondern weggeworfen wird.

Selbst ein Thema wie Geld bietet Schauwerte und hintergründige Informationen. So sieht man nicht nur alte Goldmünzen. Auf den westpazifischen Yap-Inseln zahlte man mit Steingeld. Die größten Steine hatten drei Meter Durchmesser. Sie wurden nicht bewegt. Die Bewohner wussten, wem sie gerade gehörten.

Bis 30.8.,

di, mi 10 – 21, do – so bis 19 Uhr,

Tel. 0228/ 91 71 200, www.bundeskunsthalle.de

Begleitbuch 7 Euro

Quelle: wa.de

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