„Ab ins Buch“ macht „Hartmut und ich“ real

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Hier sitzt der Leser wie bei Hartmut: Blick in die Oelder Ausstellung „Ab ins Buch“. ▪

OELDE-STROMBERG ▪            Eine von Spinnen bevölkerte Badewanne. Ein Uraltsofa. Eine gammelige Ravioli-Dose. Was für die meisten Leute Müll ist, ist Kult für Fans von Oliver Uschmanns Romanen. Von Marion Gay

Bisher gibt es fünf Bände, Hörbücher, interaktive Webseiten und kuriose Aktionen rund um „Hartmut und ich“ (kurz: Hui), den Geschichten um eine skurrile Männer-WG. Das Museum für Westfälische Literatur Kulturgut Haus Nottbeck zeigt Schauplätze wie das Wohnzimmer, den Barfußpfad und den Rasthof sowie Requisiten aus den Büchern, die der 1977 geborene Oliver Uschmann seit 2005 veröffentlicht. 2008 bekam er dafür den NRW-Förderpreis für Literatur, sein gerade erschienener Band „Feindesland – Hartmut und ich in Berlin“ ist aktuell unter den Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste.

Die Ausstellung „Ab ins Buch“ wendet sich ähnlich wie „Stadt. Land. Pop“ in 2009 an ein eher junges Publikum, das unter dem Medium Buch kein in Abgeschiedenheit entstandenes Werk mehr versteht, sondern ein interaktives Projekt. Was bei Stephen Kings Roman „Sie“ 1987 noch alptraumhafte Fantasie war, nämlich das Eingreifen des Lesers in die Romanhandlung, ist bei „Hartmut und ich“ Realität und ausdrücklich erwünscht: Einige Handlungsstränge basieren auf per Internet geäußerten Ideen von Lesern. In der Ausstellung steht ein Flip-Chart, auf dem der Besucher Wünsche zum Fortgang der Story notieren kann, und eine Kiste fordert auf, Gegenstände zu hinterlassen, die in weiteren Bänden eine Rolle spielen sollen.

Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, wenn der Besucher das detailgetreue Wohnzimmer der Hui-WG nicht nur betrachten kann, sondern eingeladen wird, sich auf dem Sofa niederzulassen, Filme aus der Sammlung von Hartmut und ich anzuschauen oder Playstation zu spielen. Sämtliche Wohnzimmer-Aktionen werden von einer Kamera aufgezeichnet und ins Internet übertragen. Im Keller findet sich die Badewanne, in der einer der Romanprotagonisten gern badet, Krempel vom Schrottplatz, von Hartmut angeschleppt, und auch die Fliegerbombe aus dem ersten Band der Serie. Ein Film dokumentiert den Abriss des Bochumer Hauses, in dem der Autor während des Studiums lebte und das gleichzeitig als Schauplatz der fiktiven Hartmut und ich-WG dient.

Während die Hui-Fans erstmals den Nachnamen von Hartmut erfahren (Hartmann), bleibt die Identität von „ich“, der in den Büchern namenlos ist und sogar mit „ich“ unterschreibt, weiterhin ungeklärt. Eine Tür mit der Aufschrift „Ich“ führt ins Leere. Ausgestellt sind auch Objekte wie z.B. die Bällchen aus Käserinde oder wie Matsch aussehende Gewürzproben, vom Fan als „Murp“ identifizierbar. Hier zeigt sich die Schwachstelle der experimentellen Ausstellung: Wer die Bücher nicht kennt, dem drängt sich diese Detailfreude als zu artifiziell und überkonstruiert auf.

Man ist geneigt, Hartmut und ich vorschnell und zu Unrecht als Spinner abzutun. Daher sollte sich gerade der Hui-Unkundige die Zeit nehmen, auf den Stationen zwischen Obstbäumen und hohen Gräsern Uschmanns Hörbüchern zu lauschen und im trashigen Rasthof Kaffee zu trinken. Hier sitzt freitags zwischen 15 und 18 Uhr sogar der Autor, um mit den Besuchern über Hartmut und ich, das Schreiben und was auch immer zu plaudern.

Die skurrile Welt einer Männer-WG nimmt museale Gestalt an: Hartmut und ichnach den Romanen von Oliver Uschmann

im Museum für Westfälische Literatur, Oelde-Stromberg,

Bis 1.8., di – fr 14 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr

Tel. 02529/ 945590

http://www.kulturgut-nottbeck.de

„Hartmut und ich“ als Hardcover beim Scherz Verlag, Frankfurt, als Taschenbuch bei S.Fischer, Frankfurt.

http://www.hartmut-und-ich.de

Quelle: wa.de

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