Brüssel zeigt zum 50. Todestag René Magritte als Anreger für Künstler

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Eine Ikone des Surrealismus: René Magrittes Gemälde „Der Verrat der Bilder“ (1929) ist in Brüssel zu sehen.

Brüssel - Fein schimmert das Licht auf dem Kopf der Pfeife, die René Magritte mit größter Illusionskunst gemalt hat. Darunter steht in feinen Schnörkeln: „Ceci n‘est pas une pipe“, dies ist keine Pfeife. Das 1929 geschaffene Werk mit dem Titel „Der Verrat der Bilder“ gehört zu den Ikonen der modernen Kunst.

Dieses Schlüsselwerk gehört dem Los Angeles County Museum of Art. Erstmals seit 45 Jahren hängt es wieder in einem belgischen Museum. Die Musées Royaux des Beaux Arts in Brüssel feiern zum 50. Todestag den Meister mit einer opulenten Werkschau, die nicht nur knapp 50 Gemälde Magrittes umfasst, sondern mit 100 Werken anderer Künstler auch dokumentiert, wie er die moderne Kunst beeinflusste.

Der belgische Surrealist (1898-1967) war ja nicht bloß einfach Maler. In seinen Bildern stellt er dem Betrachter Rätsel, Denkaufgaben, bietet eigentlich Konzeptkunst an. Das Pfeifenbild irritiert vor allem deshalb, weil die Aufschrift wahr und falsch zugleich ist. Einerseits sehen wir die penibel dargestellte Pfeife klar und deutlich. Andererseits ist dies natürlich keine wirkliche Pfeife, sondern ihr Abbild. Dieses Vexierspiel zwischen geradezu bieder ausgeführter Malerei und abgründigen Titeln oder auch Motiven ist ein Markenzeichen Magrittes. Mit dieser Strategie eröffnete er vielen weiteren Künstlern Wege.

Einem von Magrittes bekanntesten Bewunderern begegnet man gleich am Anfang der schönen Schau, Marcel Broodthaers (1924-1976). Er hat ganze Werkserien aus der Pfeife abgeleitet, zum Beispiel die Plastikschilder mit „Pipes alphabet“ (Alphabetpfeifen, 1969). Oder eine „blaue Pfeife“ (1973). Man sieht Broodthaers auch in einem kurzen Filmausschnitt mit Magritte in Brüssel, 1969, wo der Maler seinem Verehrer die berühmte Melone reicht, so als setze der König dem Prinzen die Krone auf.

Immer wieder hat Broodthaers an Werke Magrittes angeknüpft, sie fortgeschrieben, von Hommagen wie dem Schulrollbild des Malers (1967) bis zum kurzen Film „La Pluie“ (Der Regen, 1969), in dem er mit Tinte auf Papier schreibt, während Wasser auf ihn strömt, das die Buchstaben sofort wieder auslöscht. Die Darstellung der Negation findet man schon in Magrittes Gemälde „Le Fée ignorante“ (Die unwissende Fee, 1956), wo er eine schwarze Kerze kein Licht, sondern Schatten werfen lässt. Eine Skizze Magrittes von einem „Würfel-Haus“ (1936) inspiriert eine Würfel-Skulptur von Broodthaers, und auch auf das berühmte Bild „La Reproduction interdite“ (1937) von dem Mann, dessen Spiegelbild ihn ebenfalls von hinten zeigt, antwortet eine Serie von Werken, die sich mit Spiegeln befassen. Wenn Magritte Flaschen malt wie in „L‘Explication“ (1952), wo er neben einer Weinflasche einen Zwitter darstellt, bei dem das Glas nach oben in eine wuchtige, leuchtende Mohrrübe übergeht, dann antwortet Broodthaers darauf später, indem er vor gemalte Flaschen reale stellt, die er beschriftet: „La bouteille de lait“ (1967).

Aber zu Magritte finden sich noch ganz andere, weniger offensichtliche Korrespondenzen. Wie verblüffend zum Beispiel, in der Schau eins der Datumsgemälde des Konzeptkünstlers On Kawara zu finden, der auf einer schwarzen Tafel einfach festhielt: „2. Dez. 1976“. Daneben hängt Magrittes Bild „Le Sourire“ (1951), drei verwitterte Ziegel mit eingravierten Jahreszahlen: „Anno 274“, „Anno 1957“ und „Anno 30 861“. In beiden Fällen erfasst der Künstler mit dem Gemälde Zeit als historische Größe, setzt Denkmäler aus Öl auf Leinwand, imaginiert einen Betrachter in einer fernen Epoche.

Und natürlich gehört Magritte zu den ersten Malern, die Schrift in ihre Bilder integrierten. 1928 malte er „Les Reflets du temps“, eine Uhr, die an ihren Rändern von weißen Flächen überdeckt ist, auf denen „ciel“ und „canon“ geschrieben steht, also Himmel und Kanone. Ein weiteres Bild heißt „L‘Usage de la parole (Personnage biomorphique aux paroles)“ (1927-29), also „Der Gebrauch des Wortes“, und hier malte er vor eine Mauer eine weiße Leerstelle, in die ebenfalls Wörter gesetzt wurden, unter anderem „corps de femme“ (Frauenkörper). Dieses Wechselspiel zwischen Text und Bild wird von Nachfolgern immer wieder aufgegriffen, sei es in Ed Ruschas Gemälde „Hey!“ (1968/69), in dem Pfützen aus Granatapfelkernen und Saft eben den Ausruf formen, sei es in Barbara Kruegers Montage „We are not what we seem“ (1988), wo die Wörter das Filmstill einer Hollywoodschönheit kommentieren. Sean Landers malt 2015 Baumstämme im Schnee, in deren Rinden ganze Dialoge geschnitten sind.

Ende der 1940er Jahre hatte sich Magritte mit den Surrealisten überworfen und einige bewusst „hässliche“ Bilder gemalt, um sich über die Neigung zum expressiven Strich lustig zu machen. Seine Bilder wie der „Stropiat“ (1948), ein bärtiger Seemann mit acht qualmenden Pfeifen, wurden Inspiration für Nachfolger wie Martin Kippenberger, Gavin Turk (der 1999 eine Bronzebüste nach dem Bild schuf) und Sean Landers, dessen „Captain Homer“ (2016) wie eine Figur aus einem Animationsfilm wirkt.

Robert Rauschenberg zitiert Magrittes Montagebild „Le Bouquet tout fait“ (1956) in einer Grafikserie. Und Arman übersetzt Magrittes Gemälde „La Découverte du feu“ (1934 oder 1935) von einer brennenden Tuba in eine Skulptur, die das Musikinstrument mit einem Feuerlöscher kombiniert. Es macht Spaß, auf einmal Magrittes Spuren da zu entdecken, wo man sie nicht erwartet hätte. Der Pop-Art-Künstler Jasper Johns malte Zielscheiben, in Brüssel ist eine Version von 1979 zu sehen. Daneben: Magrittes „La Salle d‘armes“ (die Waffen- oder auch Wappen-Kammer) von 1926, ein abstrakter, fast leerer Raum, an dessen Kopfwand eine Zielscheibe prangt.

Und so hat man hier keine weihevolle Rückschau, sondern findet das Werk Magrittes wunderbar lebendig.

Bis 18.2.2018, mo – fr 10 – 17, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0032/ 2/ 508 32 11,

www.fine-arts-museum.be,

Katalog (frz., nl.) 39 Euro

Quelle: wa.de

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