Dee Dee Bridgewater in Essens Philharmonie

+
Mit Hut und Riesenbrille: Dee Dee Bridgewater begeistert in der Essener Philharmonie mit einem temporeichen Programm und ihrer achtköpfigen Band.

ESSEN Aus jedem Lied macht Dee Dee Bridgewater eine Geschichte. Da sitzt sie auf dem hohen Barstuhl und erinnert sich an ihre Highschool-Zeit, als sie unglücklich verliebt war und er sie überhaupt nicht beachtete. Und dann habe sie das gehört, Barbara Masons Song „Yes I’m Ready“, und gedacht. „Hey, sie weiß genau, was ich fühle.“ Dann erst beginnt sie zu singen, und sie lässt jede Note klingen, als käme sie direkt aus ihrem Herzen.

Wer sieht der Sängerin in der Philharmonie Essen ihre 67 Jahre an, wenn sie sich von ihrer fabelhaften achtköpfigen Formation „The Memphis Soulphony“ um den wuchtigen Keyboarder Dell Smith die Bühne bereiten lässt? Da ist sie ganz Diva, gehüllt in ein gelbes Cape, mit Hut und Riesenbrille. Ihre drei Grammys hat sie für grandiose Jazzaufnahmen gewonnen. Aber in Essen stellt sie ihr aktuelles Programm vor, eine Huldigung an die Musik ihrer Jugend, die Jazz- und Blues-Klassiker ihrer Geburtsstadt Memphis, die auf dem Radiosender WDIA liefen. Sie tritt in große Fußstapfen. Aber eine virtuose Interpretin wie sie meistert das mühelos.

Manche Stücke eignet sie sich einfach an, wie „Don’t Be Cruel“, in dem sie zunächst ihren Saxophonisten Bryant Lockhart auftrumpfen lässt, ehe sie sich mit ihm ein rasantes Frage-und-Antwort-Spiel mit feinstem Scat-Gesang liefert. Da zeigt sie Dinge, die Elvis Presley nicht eingefallen sind, rasanten, kraftvollen Jazz. Und da ist ihre Entschuldigung vom Anfang des Abends längst vergessen, dass sie diesmal etwas anderes tun wird als sonst. Und in den Jubel hinein legt sie nach, eine feine kleine Elvis-Parodie, respektvoll, aber präzise in dem atemlosen Ton des Kings. Sie könnte ja noch ganz anders.

Jedes Stück bringt sie den Zuhörern so nah, erzählt, dass Carla Thomas höchstselbst ins Studio gekommen sei und Dee Dees Version von „B.A.B.Y.“ ihren Segen erteilt habe. Was blieb Thomas auch übrig? Bridgewater sprengt das Drei-Minuten-Format dieses Stax-Hits und steigert das hübsche Liedchen im Finale zu einer feurigen Predigt wie in einem Gospel-Gottesdienst, in Double-Time, als ginge es ums ewige Leben und nicht die irdische Liebe. Zu „The Thrill is Gone“ berichtet sie, dass B. B. King persönlich sie einst auf die Bühne bat, als sie noch ein junges Talent war. Und dann entfesseln sie und ihre Band ein Blues-Feuerwerk mit einem flammenden und doch auch singenden Solo ihres Gitarristen Charlton Johnson, und die beiden imposanten Chordamen Shontelle und Monet formen mit ihr eine Polonäse, und das Publikum bringt sie über dem James-Brown-Riff („Get On Up“) zum Mitsingen und Mitklatschen und Tanzen, und das Tollste ist doch, wie sie mit ihrer Stimme dieses grandiose Spektakel immer noch etwas überragt, etwa mit den gewaltigen Tönen, in denen sie skandiert „I’m free, free, free“.

Dabei findet sie auch ernste Momente. Da erinnert sie an die „Little Rock Nine“, die in Arkansas einst ihren Platz zwischen den weißen Kids an der Central High School erkämpften. Wenn sie dann den so melancholischen wie wütenden Song der Staple Singers anstimmt, „Why are you treatin’ me so bad“, schlägt sie einen Bogen in die heutigen USA, wo wieder Schwarze um ihre Rechte kämpfen müssen.

Sie holt sich auch Songs zurück, „Hound Dog“ zum Beispiel, das Elvis nur gecovert hat, das aber ursprünglich ein Hit für Big Mama Thornton war, eine schwarze Blues-Sängerin. Sie gibt der Klage über den untreuen Liebhaber einen ganz anderen Biss, sie lässt den Köter jaulen und heulen, und der arme Bassmann Barry Campbell wird von Dee Dee, Monet und Shontelle zur Zielscheibe weiblichen Zorns, bis er am Boden liegt (aber stoisch weiterspielt).

Eine hinreißende, umwerfende Show. Zwei Stunden lang feiert Dee Dee Bridgewater die Klassiker der Black Music. Die Zugabe stammt nicht aus Memphis, nicht aus den 1960er oder 1970er Jahren, krönt aber einen großen Abend: Die Ballade „Purple Rain“ von Prince.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare