Brauerei-Museum Dortmund thematisiert „Wirte, Brauer, Bierkutscher“

Na denn Prost! Ein Mitarbeiter der Brauerei Hansa ist vor einem Lkw Ende der 50er Jahre zu sehen. Die Fotografie wird in Dortmunds Brauerei-Museum anlässlich der Schau „Wirte, Brauer, Bierkutscher“ gezeigt. Foto: privat/brauerei Museum

Dortmund – Der Hansa-Mann auf dem historischen Foto macht Lust auf ein süffiges Bier. Mehr davon. Tatsache ist allerdings auch, der Bierkonsum geht in Deutschland zurück. 82,9 Millionen Hektoliter wurden im Jahr 2019 getrunken. 1991 waren es noch 113,8 Millionen. Das bedeutet, dass der Pro-Kopf-Verbrauch bei 99 Liter Bier und Mischgetränken liegt, während 1991 noch 142 Liter für jeden einzelnen berechnet wurden. Mit Mischgetränken und alkoholfreiem Gerstensaft haben die Brauereien ihre Warenpalette erweitert, auch um dem Abwärtstrend zu begegnen. Dennoch gilt weiter: Tendenz fallend. Dass es in der Bierbranche schon immer große Veränderungen gab, dokumentiert eine Ausstellung in Dortmund. „Wirte, Brauer, Bierkutscher“ im Brauerei-Museum der Stadt.

Es geht um Bierlieferung und Schanktechnik vom 19. Jahrhundert bis heute. Und wenn eine Kommune in NRW Ahnung vom Bierbrauen hat, dann ist es Dortmund. In den 70er Jahren war die Ruhrgebietsmetropole sogar Europas Bierstadt Nr. 1. In den 50er Jahren arbeiteten 7500 Menschen für Dortmunder Brauereien. Viele Frauen zählten dazu, weil nach der Bierabfüllung jede Bügelflasche per Hand geschlossen werden musste. In den 60er Jahren wurde mit dem Kronkorken dieser Produktionsschritt eingespart.

Horst Duffe hat diese Zeit miterlebt. Er fuhr ab 1959 Getränke für die Dortmunder Aktienbrauerei. 41 Jahre lang. „An der Theke wird am meisten Bier getrunken“, sagt Duffe, der heute 83 Jahre alt ist und Führungen im Brauerei-Museum anbietet. Was in der Gaststätte die Regel war, ändert nichts daran, dass heutzutage nur noch ein Fünftel des Bierausstoßes der Brauereien an die Gastronomie verkauft wird. Das Verhalten der Konsumenten ändert sich. Zu Corona-Zeiten fragen die Kneipen noch weniger Fassbier nach.

Das Brauerei-Museum erinnert an die besseren Zeiten. In einer Vitrine ist Gaststättenbedarf versammelt, der zum Kneipenbesuch von 1950 bis in die 1990er Jahre einfach dazu gehörte. Würfelbecher und Skatspiel, Biergläser, zu denen Tropfdeckchen und Bierdeckel gehörten, wie die Anstreichblöcke der Wirte, die den Durst der Stammgäste beziffern wollten. Eine Gemütlichkeit, die heute nur noch selten ist, und etwas an den Begriff Brauchtum erinnert.

Die Ausstellung geht weit ins 19. Jahrhundert zurück, als Hausbrauereien den Bierdurst löschten. Es gab über 40 solcher Brauereien vor 1901 in Dortmund. Die Industrialisierung ließ das Ruhrgebiet wachsen. Und Bier wurde zum Massenprodukt. Die Brauereien entwickelten sich. Gaststätten wurden beliefert. Und weil die Zahl der Kneipen stieg, die beliefert werden mussten, trat ein neuer Zwischenhändler auf den Markt, der das Bier an Wirte, Vereine, Veranstalter und Privatleute verkaufte: der Bierverleger. Mit Pferdekutschen wurden Fässer und Flaschen transportiert. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts griffen die großen Brauereien nach dem Flaschen-Geschäft. Sie stellten große Abfüllanlagen auf. Aber die Bierverleger blieben im Geschäft, weil in den 20/30er Jahren die Nachfrage weiter stieg, ob in der Stadt oder auf dem Land. Außerdem kamen Coca Cola, Limonaden und Fruchtsäfte zum Sortiment dazu. Die Kölner Firma Harzheim war der größte deutsche Bierhandel nach eigenen Angaben.

Die Dortmunder Aktienbrauerei lieferte bereits im 19. Jahrhundert, als einzige Dortmunder Marke, ihr DAB-Bier nach Westeuropa. Ganz Westdeutschland wurde mit Tankwagen per Bahn bedient. Vor dem ersten Weltkrieg fuhren die ersten Lkws. Bis in die 30er Jahre hinein gehörten Kutschbierwagen mit ihren massigen Kaltblütern zum Straßenbild der Städte.

Seit 1958 gibt es acht Brauereien in Dortmund. Ihre Technik und Arbeitsweise nahmen sich viele Brauer in der Welt zum Vorbild. Biergläser aus dieser Zeit tragen oft die Gravur „nach Do gebraut“. „Wenn man einmal bekannt ist“ – so erklärt sich Horst Duffe den Erfolg. Der Kraftfahrer fuhr in den 80er Jahren einen Werbe-Truck für DAB durch Europa. Duffe war sogar sieben Monate in den USA unterwegs. Auf „Oktoberfesten“ – ein Synonym für deutsche Festlichkeiten in den Staaten – wurde DAB-Meisterpils ausgeschenkt. „An einem Tag haben wir mal 50 Fässer gezapft“, sagt Duffe, der stolz ist, „DAB-Mann“ zu sein – seit nunmehr 61 Jahren.

Heute wird das Bier der Dortmunder Brauereien in 40 Länder transportiert. Von 1972 bis 2006 gab es einen Konzentrationprozess in der Stadt. Die Firma Dr. Oetker, die bereits 1910 zehn Prozent der Firmenanteile an der DAB in Dortmund hielt, gab den Anstoß, 1972 die Hansa-Brauerei zu kaufen. Kronen-Bier folgte, dann Stifts-Bier aus Hörde und die anderen Traditionsbrauer: Union, Ritter, Thier-Bräu und Bergmann. Alle Brau-Marken haben heute noch Bestand und zählen zur Radeberger-Gruppe im Oetker-Konzern. Nur die Marke Bergmann – 1972 vom Markt genommen – ist von einem Privatmann neu aufgezogen worden. Seit 2007 gibt es das Exportbier wieder zu kaufen.

Im Namen der sieben Traditionsmarken aus Dortmund werden rund 25 Biere, Malz- und Mischgetränke in der Stadt produziert. Dazu kommen noch 25 Biere der Radeberger Gruppe. Marken wie Jever, Berliner Kindl, Rostocker Pilsener, Binding Bier... Jever Pils kommt beispielsweise im Tank aus dem Norden und wird in Dortmund in Flaschen gefüllt und vertrieben. Der Vorteil für die Gruppe ist, dass das Leergut nicht wieder zurück nach Jever muss. Insgesamt stößt die ganze Gruppe im Jahr 11,5 Millionen Hektoliter aus. Da weniger Bier nachgefragt wird, stehen die Zeichen auf Verdrängung. Die aktuellen Craft-Biere sind keine Konkurrenz, weil sie nur 1,73 Prozent des jährlichen Bierausstoßes ausmachen.

Das Trinkvergnügen entwickelte sich mit der Schanktechnik. Im 19. Jahrhundert stand das Bierfass mitten in der Schankstube, oder der Wirt holte den Gerstensaft in Kannen aus dem Keller. Mit Bierdruckapparaten, Kohlensäure, Zapfhähnen und kupfernen Leitungen entwickelte sich die Thekenanlage. Anfang des 20. Jahrhunderts stand die Zapfsäule im Schanktisch, der auch Platz für Stangeneis bot, das von den Brauereien geliefert wurde. Seit 1880 konnten die Brauer ihr Erzeugnis am Produktionsstandort maschinell kühlen. Die Ausstellung zeigt Werbebeispiele für „Büffettanlagen“ zum Bierzapfen aus Fachzeitschriften. Eine Bierzapfsäule aus Keramik mit Bildmotive aus den 30er Jahren ist zu sehen.

Erst als es flächendeckende Stromversorgung in Deutschland gab, lohnten sich kleine Kühlaggregate für Gaststätten. In den 50er Jahren wurden die Wirte dann von den Brauereien unabhängig, wenn es darum ging, das Bier zu kühlen. Dieser Wandel war in den 70er Jahren abgeschlossen. Gleichzeitig stieg das Interesse, mehr Bier zuhause zu trinken. Die DAB-Brauerei kam schon Ende der 60er Jahre diesem Trend nach und bot Partyfässchen mit einem Inhalt von fünf Litern an. Der Trend hält bis heute an. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung noch verstärkt.

Bis 30. 12.; di, mi, fr 10 – 17 Uhr, do bis 20 Uhr, sa 12 – 17 Uhr; Tel. 0231/8400200; www.brauereimuseum. dortmund.de

Quelle: wa.de

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