Vertragsverhandlungen offenbar vor dem Abschluss

BR-Symphonieorchester: Simon Rattle könnte demnächst zum Nachfolger von Mariss Jansons ausgerufen werden

Simon Rattle
+
„Wir sind auf einem guten Weg“, heißt es aus dem Sender-Umfeld. Sir Simon Rattle (65) dürfte bald als Chefdirigent nach München kommen.

Es wäre eine Art Liebesheirat: Sir Simon Rattle gilt schon länger als Favorit für den Chefposten beim Symphonieorchester des BR. Das Ja-Wort dürfte demnächst gesprochen werden.

  • Seit Sommer ist klar: Sollte Simon Rattle das Amt wollen, dann bekommt er es.
  • Dem Münchner Orchester wurde jüngst signalisiert, man sei auf einem guten Weg.
  • Mariss Jansons selbst hatte sich den Briten als Nachfolger gut vorstellen können.

Dass derzeit kein weißer Rauch zu sehen ist, liegt nicht am häufigen Nebel. Es dauert eben noch bis zur Ausrufung eines neuen Chefdirigenten für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Doch vieles deutet darauf hin, dass die Suche abgeschlossen ist und es „nur“ noch um Vertragliches geht: Sir Simon Rattle, so ist aus dem Sender-Umfeld zu hören, soll demnach die Position des vor einem Jahr gestorbenen Mariss Jansons einnehmen.

Schon im vergangenen Sommer war eigentlich klar: Sollte Rattle das Amt wollen, dann bekommt er es. Doch der Brite zierte sich. Als Chef des London Symphony Orchestra fühlte er sich dem Ensemble in der Pflicht. Auch mit vielen persönlichen Kontakten zu seiner Heimat hat das zu tun – und mit dem Kampf um einen neuen Londoner Konzertsaal. Das verbindet ihn mit Jansons, dem es zu verdanken ist, dass im Münchner Werksviertel eine Heimat fürs BR-Symphonieorchester entsteht. Allerdings scheint es, dass die Londoner Musiker und Rattle resignieren müssen. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation ist eine Realisierung dieses Projekts noch nicht absehbar.

Dies alles heißt aber nicht unbedingt, dass Rattle das Londoner Orchester verlässt. Sein dortiger Vertrag geht bis 2022. Denkbar wäre auch ein Spagat zwischen London und München. Eine Doppelfunktion, wie sie Jansons im Falle von Amsterdam und München bekanntlich erfüllte.

Letzte große Personalie des scheidenden BR-Intendanten

Immer mehr hatte es sich in den vergangenen Monaten abgezeichnet, dass Rattle der Wunschkandidat des BR-Symphonieorchesters ist. Eigentlich hatte man dort auch Yannick Nézet-Séguin in Erwägung gezogen. Doch der Kanadier tanzt als Chefdirigent – noch – auf zu vielen Hochzeiten (unter anderem an der New Yorker Metropolitan Opera) und ist aufgrund der Pandemie von Europa so gut wie abgeschnitten.

Wie berichtet wird, wurde den Münchner Musikerinnen und Musikern jüngst signalisiert, man sei mit Rattle auf einem guten Weg und schon weit. Was bedeutet, dass der scheidende BR-Intendant Ulrich Wilhelm, ein Freund des Orchesters, die Personalie als eine der letzten seiner Amtszeit durchbringt. Dabei darf davon ausgegangen werden, dass der Senderchef mit guten Kontakten nach Berlin – der Wahlheimat Rattles – seit Längerem in die Verhandlungen eingebunden ist.

Die Intendanz reagiert auf Anfrage nur mit einer wortkargen offiziellen Reaktion. „Es gibt noch kein Ergebnis zur Nachfolge von Mariss Jansons“, teilte BR-Sprecher Markus Huber mit. „Die Entscheidung darüber ist zukunftsweisend und hat für den BR und sein Symphonieorchester höchste Bedeutung, nicht zuletzt, um den Musikerinnen und Musikern eine klare Perspektive zu geben.“ Die interne Abstimmung und Meinungsfindung laufe „sorgsam“. Wilhelm hoffe, dass noch im Laufe seiner Amtszeit eine Entscheidung gelinge.

Rattle wird als Schutzschild fürs Ensemble gebraucht

Ob Simon Rattle, der am 19. Januar seinen 66. Geburtstag feiert, eine langfristige Vereinbarung mit den Münchnern anstrebt, ist ebenfalls nicht klar. Denkbar wäre er auch als Übergangsfigur für drei bis fünf Jahre, bis ein anderer, jüngerer Kollege oder eine Kollegin frei wird – vielleicht sogar Nézet-Séguin. Fakt ist, dass das BR-Orchester dringend einen prominenten Schutzschild braucht. Einmal, um in den immer gefährlicheren Spardebatten zu bestehen. Um zum zweiten, um das Konzerthaus-Projekt nicht zu gefährden. Rattle ist ein charmanter bis lästiger Kulturpolitiker und böte den Vorteil, dass er auch klassikfernen Hinterbänklern in Rundfunkrat und Landtag ein Begriff ist.

Jansons selbst hat sich in den Monaten vor seinem Tod Gedanken um seine Nachfolge gemacht und dies auch mit Orchestervertretern diskutiert. Dies ging so weit, dass er seinerzeit ins Auge fasste, den Chefposten beim BR-Ensemble zum Ende der Saison 2019/2020 aus gesundheitlichen Gründen aufzugeben. Mit Rattle und seiner Frau, der Sängerin Magdalena Kožená, verband ihn nicht nur eine freundschaftliche Beziehung. Er schätzte den Kollegen auch künstlerisch – und habe ihn, wie zu hören ist, als möglichen Erben ins Spiel gebracht.

Immer häufiger tauchte Rattle in den Monaten vor dem zweiten Lockdown in München auf. Er und das Ensemble liegen musikalisch und menschlich auf einer Wellenlänge, das haben auch die Gastspiele in den Jahren zuvor gezeigt. Rattle fand und findet hier eine Atmosphäre vor, die er während vieler schwieriger Jahre als Chef der Berliner Philharmoniker vermisste. Möglicherweise war das BR-Symphonieorchester sogar ein bisschen mitschuldig an seinem Abschied, den er im Januar 2013 bekannt gab und 2018 vollzog. Einmal, so wird erzählt, habe er in München sinngemäß gesagt: „Jetzt wird mir klar, was mir in Berlin fehlt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare