„Biedermann und die Brandstifter“ und „Fahrenheit 451“ in Dortmund

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Die Apokalypse der Unkultur: Szene aus der Bühnenfassung von Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“ am Schauspiel Dortmund mit Bettina Lieder, Uwe Schmieder und Merle Wasmuth (rechts).

Dortmund - Zwei Jahre lang arbeitete das Schauspiel Dortmund in einem Provisorium. Im Megastore in Hörde entstanden dann hochgelobte Produktionen wie die „Borderline Prozession“. Seit Samstag ist das Theater zurück in seinem Stammdomizil am Hiltropwall, wo vor allem der Bereich hinter der Bühne dringend renoviert werden musste. Erleichterung und Freude waren dem Schauspielintendanten Kay Voges in seinem Grußwort anzuhören.

Als erste Premiere inszenierte Gordon Kämmerer zwei Texte, deren Koppelung zunächst etwas seltsam anmutet, aber dann denkt man, dass es nahe liegt, Max Frischs Lehrstück „Biedermann und die Brandstifter“ mit Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ zusammenzubringen. Geht es in beiden Texten doch ums Zündeln, das die Gesellschaft in Gefahr bringt. Wobei der Regisseur der Kombination noch einige verblüffende Pointen abgewinnt.

Wie Roboter bewegen sich Ekkehard Feye, Alexandra Sinelnikova und Frauke Becker durch die klinisch mintgrün gehaltenen Zimmer ihrer Wohnung. Wenn sie die Richtung ändern, hüpfen sie um 90 Grad. Die Zähne putzen sie synchron in einer Reihe stehend. 20 Minuten lang fällt kein Wort in der von elektronischen Sounds grundierten Choreografie der Banalität.

Die Ausstattung von Matthias Koch (Bühne) und Josa Marx (Kostüme) offenbart, wie künstlich Max Frisch sein 1958 uraufgeführtes „Lehrstück ohne Lehre“ angelegt hatte. Regisseur Kämmerer präsentiert das Werk in einer Laborsituation, befreit vom Nachkriegspathos. Er legt dabei Schwächen frei: Schon zur Entstehungszeit lasen Kritiker Frischs Text mal als Satire auf den kommunistischen Umsturz in der Tschechoslowakei, mal als Parabel auf die Machtergreifung der Nazis. Und genau so mag es anschlussfähig sein für einen allgemeinen Hass auf alles Fremde, können Biedermann und seine Familie als Projektion dessen gelten, was „besorgte Bürger“ als Gutmenschen denunzieren.

Kämmerer gibt mächtig Gas und zeigt eine Familie, deren Entfremdung sich in grellen Tics äußert. Jede Mahlzeit wird zum spitzen Messer- und Gabel-Tanz, untermalt von Scheppern und Klirren, der überlebensgroße Teddy wird zum Sexualobjekt auf dem Küchentisch, und auch der windige Brandstifter Schmitz gewinnt in Björn Gabriels abgründiger Interpretation erotisches Charisma, wenn er züngelnd, treuherzig die Augen aufschlagend und vor dem Sitzen auf der Tischplatte die Pobacke entblößend die Hausfrau umgarnt. Der Sprechchor kommt in flammroten Overalls am Ende und spricht Frischs Warnung vor dem, „der die Verwandlung scheut, mehr als das Unheil“. Die Parabel schrumpft zur surrealen Puppenkiste, zum grotesken Entertainment.

Und als genau das taucht es im zweiten Teil des Abends wieder auf: Als Familienserie à la GZSZ, mit der Guy Montags Frau Mildred sich die leeren Stunden vertreibt. Der US-Autor Bradbury schilderte in seinem 1953 erschienenen Roman „Fahrenheit 451“ eine Zukunft, in der Bücher verboten sind. Sie stehen für das freie Denken, das wiederum nicht in eine Gesellschaft passt, in der alle Menschen gleich sein sollen, still gelegt durch den Konsum von Fernsehen und durch Freizeitvergnügen wie das Umherrasen in Sportautos. Der Titel steht für die Temperatur, bei der sich Papier entzündet: 451 Grad Fahrenheit. Feuerwehrleute löschen keine Brände, sondern verbrennen Bücher. Guy Montag (Uwe Schmieder) erlebt dabei, wie eine Frau lieber in den flammen stirbt, als sich von den Büchern zu trennen. Die Traumatisierung sorgt dafür, dass sich der Feuerwehrmann von seiner Arbeit löst, selbst zu lesen beginnt.

In die Geschichte führt Kämmerer zunächst mit Erzählpassagen. Viel Stoff ist zu raffen. Aber es gibt auch hinreißende Spielszenen, zum Beispiel wenn der Feuerwehrmann Montag (Uwe Schmieder) von der Nachbarin Clarisse (Bettina Lieder) irritiert wird. Diese Dialoge im künstlichen Regen bezaubern durch ihre Poesie. Und Björn Gabriel hat einen weiteren starken Auftritt als Hauptmann, der Montag zur Besinnung bringen will. Wuchtige Videoprojektionen (Tobias Hoeft) und fliegende Papierfetzen ergeben starke Bilder der Zerstörung.

Nicht in allen Momenten überzeugt die Inszenierung: Schmieder hätte die Erschütterungen Montags sicher auch leiser spielen können, wenn die Regie es nicht anders gewollt hätte. So barmt und windet er sich als nackter Schmerzensmann. Und macht das sogar noch gut. Aber insgesamt warnt der Abend überzeugend vor einer Diktatur der Langeweile, nicht geschaffen durch totalitäre Zensur, sondern durch den Konsens einer auf Konsum fixierten Gesellschaft.

23.12., 7., 10., 21., 26.1.2018, Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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