Beim Klavierfestival spielt Claire Huangci Beethoven-Sinfonien als Piano-Bearbeitung

Sinfonien am Klavier: Claire Huangci spielte in Essen. Foto: Zahor

Essen – Der Vorteil an diesem Konzert: Man brauchte kein Orchester, also deutlich weniger Abstandsregeln. Beim Klavierfestival Ruhr spielten vier junge Pianisten in drei Konzerten in der Neuen Aula der Folkwang-Universität in Essen-Werden Liszt-Transkriptionen von Beethoven-Sinfonien. Technisch teuflisch schwierig, anspruchsvoll, was die Hörgewohnheiten betrifft. Denn die Frau am Klavier tritt an gegen das innere Orchester im Kopf des Pastorale-Hörers, der weiß: So klingt der Bach mit Geigen im 7/8-Takt, und so klingen die Vogelrufe mit Flöte und Klarinette. So und nicht anders grollt das Gewitter.

Claire Huangci mutete sich eine Doppel-Herausforderung zu: die Sechste und die Siebte ohne Pause, beide spritzig und zupackend dargeboten.

Die Pastorale spielte sie auswendig. Sie klang, als wolle Huangci bei ihren Zuhörern auf keinen Fall ein Gefühl des Vermissens aufkommen lassen, so dicht arbeitete sie an der Klanggestaltung und Phrasierung. Das Tirilieren der Vögel, das Fließen des Baches – alles idyllisch und nicht weit weg vom Gewohnten. Huangci kann aber auch Pranke. Das Gewitter donnert und dröhnt machtvoll. Sie scheint innerlich mit dem machtvollen Klang von 120 Musikern konkurrieren zu wollen. Die Klavierversion eines bekannten Orchesterwerks klingt „nackter“, es wird direkter hörbar, wie die Melodien sich entspinnen, eine musikalische Idee die Richtung wechselt.

Im Ländler geht unter Huangcis Händen ein wenig der Charme flöten, denn der Dorftanz wirkt deshalb charmant und klotzig zugleich, weil in das Klarinettenthema ständig das Horn tutet, und zwar immer neben dem Takt. Dieses Dazwischentuten ebnet Huangci in einen Strom von Fröhlichkeit ein, ähnlich danach in der Gewitterszene, als der Donner loslegt. Die linke Hand Huangcis zeigt, was sie kann, aber die kleinen Blitze, die immer wieder dazwischen fahren, die sonst die Piccoloflöte übernimmt, die ertrinken. Der Choral und der Schlusssatz sind hauptsächlich ein Triumphgesang. Huangcis Pastorale ist eine beherzte Nacherzählung.

Differenzierter klingt die Siebte. Gegenüber den technischen Schwierigkeiten der Transkription wappnet sich die Solistin, indem sie die Partitur auf dem iPad vor sich legt. Der erste Satz beginnt mit kurzen, trockenen Schlägen. Auch im Verlauf wird Huangci wenig Wehmut zulassen. Kurz gehaltene Energie, zupackende Kraft bestimmen den ersten Satz. Der zweite mit dem berühmten Trauer-Thema beginnt wieder mit einem harten Schlag. Dumpf, unsentimental entwickelt sich das Thema. Die Melodie beginnt zu singen, wird aber gleich wieder überformt, lehnt sich auf, wird hart und brillant. Der überbrillante Diskant taucht auch die letzten zwei Sätze oft in ein grelles Licht. Dabei hat Huangci eigentlich einen interessanten Ansatz parat: Sie forscht nach dem Harten und Unerbittlichen in diesem sonst so oft schwelgerisch gehörten zweiten Satz. Sie versucht, in die Strenge der Musik hineinzukommen. Plötzliches Zupacken verrät, wie viel Auflehnung hier in der Musik liegt. Und die letzte, aufsteigende Phrase formt sie ganz weich, als ließe sie hier einmal eine Frage offen.

Quelle: wa.de

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