„Bach, Immortalis“ am Theater Münster

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Mit aller Energie: Maria Bayarri Pérez (links) und Melanie López López in der Tanzproduktion „Bach, Immortalis“, zu sehen in Münster. Im Hintergrund Elizabeth D. Towles

MÜNSTER Herrdumeinegüte! Was für ein – nun ja, gewichtiger Abend ist das am Tanztheater Münster. In seinem neuesten Werk „Bach, Immortalis“ feiert Hans-Henning Paar das Menschliche zwischen den Extremen: Geburt und Tod, Hoffnung und Vergeblichkeit. Freud und Leid.

Dazu Bach-Musik, von den Violinpartiten bis zur Matthäus-Passion, live gespielt von den Münsteraner Sinfonikern, die unter Thorsten Schmidt-Kapfenburg eine durchaus frische, dynamische Art gefunden haben, Bach zu spielen.

Man könnte erschlagen werden – wären da nicht die 12 Tänzer des Ensembles Münster und ihre intensive Bühnenpräsenz. Pirouetten werden gedreht bis an den Balanceverlust, Minute um Minute, in rasant schnellen Sequenzen. Man wünscht diesen Tänzern ein erholsames Eisbad hinterher. Tänzer wie Elizabeth Towles und die kleine, hochintensive Maria Bayarri Perez, Paars Expertin für das Aus-sich-heraus-Gehen, das immer zugleich eine Erkundung in den Tiefen des Menschen ist: Sie wirbeln dicht heran an die Grenze zwischen Sturz und Flug, und dies ist das schönste Kompliment, das man dem Projekt „Bach, Immortalis“ machen kann. Ein Tanzabend stellt die Frage nach dem, was essentiell ist: Was bleibt am Ende übrig?

Am Anfang ist die Geburt. Adrián Plá Cerdán krümmt sich wie ein Embryo (zu „Komm süßer Tod“ aus dem Schemelli-Gesangbuch), windet sich ans Licht, versucht die ersten Schritte und stürzt schmerzhaft klatschend zu Boden: Das Leben ist Mühsal, und Scheitern ist Programm. Das ist natürlich äußerst plakativ, aber es funktioniert.

Gruppenszenen in strenger Formation wechseln mit Zweier- oder Dreierformationen. Paar setzt die polyphone Struktur der Musik treffend in Bewegung um. Gruppen finden sich, Paare trennen sich und laufen doch wieder zusammen. Wenig lenkt ab: Das Bühnenbild besteht aus graugoldenen Wänden. Über 90 Minuten ist immer Bewegung auf der Bühne, so vergeht dieser gewichtige Abend schnell.

Sogar beliebig erscheinende Elemente wie die Flaschenzüge, die sich in Formation herabsenken (Bühne und Kostüme: Isabel Kork), gewinnen Bedeutung, wenn Kana Mabuchi ihr Solo dazwischen tanzt. Sie stellt sich in eine lange gehaltene Arabesque – es sind überraschend viele klassische Schritte zu sehen, als Auseinandersetzung mit Tanztradition und den Wurzeln des Tanzes in den Kunsttänzen Sarabande, Allemande und so weiter, die auch Bach vertonte. Mabuchi sucht etwas, will – aus sich heraus, oder über die Möglichkeiten ihres Tanzes hinaus. Diese Suche ist schmerzhaft anzusehen und mit anrührender Ehrlichkeit getanzt.

Dirigent Schmidt-Kapfenburg selbst steuerte eine Eigenkomposition bei: „Reflexionen über B-A-A-C-H-H“, ein ins mahlerhaft schwelgende umschlagender Trip vom 18. bis ins 20. Jahrhundert. Dazu stürzt sich Towles kopfüber in die Arme ihres Partners, als werfe sie ab, was noch abzuwerfen ist.

Adrián Plá Cerdán schließt die Klammer mit einem weiteren Solo (zu der Arie „Erbarme dich“ aus der Matthäuspassion), und dieses Mal versucht er selbst den Flug. Aber weil die Menschen das Fliegen nur in ihren Träumen beherrschen, bleibt ihm nur der Versuch.

Das wäre es eigentlich gewesen. Aber Paar setzt als Finale die Passacaglia und Fuge c-moll mit einer langen Folge von Soli und Gruppenformationen. Das ist genau das richtige Ende, denn das Ensemble kann noch einmal alle Stärken präsentieren. Keelan Whitmore füllt die Bühne auch allein. Am Ende ist es das: Da stehen Menschen auf der Bühne, die uns mitnehmen in die Träume und das Scheitern. Dafür ist Kunst da. Begeisterter Applaus für ein tolles Ensemble.

Edda Breski

8. 11.; 3., 15., 23. 12.; 20., 23., 27. 1. 2018; 8., 25. 3.; 6. 4.;

7. 6.; Tel. 0251/59 09100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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