Ausstellung über Malerei des Informel in Hamm

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Geschwindigkeit ist keine Hexerei: Karl Otto Götz malte sein Werk ohne Titel am 19.5.1954, zu sehen in Hamm.

Von Ralf Stiftel ▪ HAMM–Karl Otto Götz datierte seine Bilder. Lange brauchte er nicht, um die Farbe in den eleganten Schwüngen auf die Fläche zu bringen. Die Geschwindigkeit schrieb er seinen Bildern ein, man sieht förmlich Pinsel und Rakel auf der Leinwand schwingen auf dem Gemälde ohne Titel vom 19.5.1954, das nun im Städtischen Gustav-Lübcke-Museum Hamm hängt. Vor dem Werk hat man eine Idee der Ausdrucks kunst, die heute unter dem Begriff „Informel“ zusammengefasst wird.

„Bewegte Strukturen“ heißt die Ausstellung zur informellen Malerei mit rund 65 Werken von 36 Künstlern. Es ist Teil eines Kooperationsprojekts mit der Kunsthalle Recklinghausen (Arbeiten auf Papier) und dem Märkischen Museum Witten (Skulptur). Die Nachkriegskunst erlebt zur Zeit neue Beachtung, zum Beispiel durch die Eröffnung des Emil-Schumacher-Museums in Hagen. Das museum kunst palast Düsseldorf stellte in der Schau „Le grand geste“ die Bewegung im internationalen Kontext vor.

Die Hammer Ausstellung lenkt den Blick zurück auf Deutschland. Das Museum hat diese Kunst schon früh gesammelt. Hans Werdehausens kleine, kalligraphisch inspirierte „Komposition“ wurde 1954 angekauft. Inzwischen besitzt das Haus dank mehreren Schenkungen eine der umfangreichsten Sammlungen zum Informel in Westfalen mit rund 250 Gemälden und mehreren hundert Grafikblättern.

Kuratorin Diana Lenz-Weber nutzte die Gelegenheit, auch unbekanntere Künstler vorzustellen, um die ganze Breite der Bewegung zu dokumentieren. So erlebt man eben nicht nur den Auftat mit zwei kapitalen Werken Willi Baumeisters, eines der Vorläufer der Nachkriegsabstraktion. Man sieht nicht nur Arbeiten von Emil Schumacher, Hann Trier, Fritz Winter und K. H. Sonderborg. Hier kann auch der Kenner noch Entdeckungen machen. Zum Beispiel bei den Werken des 1910 in Hamm geborenen Malers Josef Hegemann, der dem Haus schon in den 1980er Jahren Werke überließ. Seine „Komposition“ (1959) zum Beispiel verdeutlicht, wie die Künstler des Informel das Gemälde als Objekt behandelten. Die Maloberfläche erinnert an Baumrinde, durchzogen von Kerben und Klüften, und erst bei längerem Hinblicken erkennt man, dass das eben nicht einfarbig graubraun ist, sondern dass verschiedenste Töne eingelagert sind. Dieses Bild ist nicht mehr illusionistisches Fenster, sondern soll in seiner Materialität wahrgenommen werden. Das Museum hatte den Maler aus dem Blick verloren, fand in der Ausstellungsvorbereitung heraus, dass Hegemann 1996 in Altena gestorben ist.

Die Schau ist thematisch gehängt, was verwundern mag bei abstrakten Bildern. Aber gerade Besuchern, die mit Informel nicht vertraut sind, mag sich so ein Zugang öffnen in diese Kunstrichtung. So gibt es eine Gruppe, die der malerischen Geste gewidmet ist, wie bei Götz, aber auch im Triptychon „Sebastianslegende“ von Gerhard Hoehme  (1986/87), das lebensgroß die Figur des gemarterten Heiligen aufscheinen lässt. Ein Kabinett bietet meditativ-flächige Bilder, die oft monochrom sind wie die „Komposition Nr. 37“ (1957) von Hermann Bartels und Winfred Gauls Bild ohne Titel von 1959. Es folgen Materialbilder von Schumacher, Hegemann und anderen. Das vierte Kapitel ist den zeichenhaften, von Kalligrafie abgeleiteten Werken gewidmet mit einigen wunderbaren Werken von Hans Kaiser wie der heiteren „Begegnung mit einem Koreaner“ (1961).

Über Details könnte man streiten: Ist zum Beispiel Peter Brünings Gemälde von 1961 wirklich nur Geste oder nicht doch auch kalligrafisch? Insgesamt aber zeigt die Schau, wie facettenreich die abstrakte Malerei tatsächlich ist und welche Schätze oft unerkannt im Depot lagern.

Instruktive Übersicht über die Malerei des Informel: Bewegte Strukturen im Gustav-Lübcke-Museum Hamm. Eröffnung so, 11.30 Uhr, bis 27.2., di – sa 10 – 17, so bis 18 Uhr, Tel. 02381/175714, http://www.hamm. de/gustav-luebcke-museum, Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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