Ausstellung in Dalheim dokumentiert Verschwörungstheorien

Böses Buch: Das Handexemplar der „Protokolle der Weisen von Zion“ von Sergej Nilus (1917), zu sehen in Dalheim.

Dalheim – Verschwörungstheorien können putzig klingen. Der frühere Profi-Fußballer und Autor David Icke behauptet, dass die US-Präsidenten Obama, Clinton und beide Bushs, aber auch die Queen in Wirklichkeit Reptiloide sind, Echsen in Menschengestalt, die insgeheim die Welt kontrollieren.

Andere Esoteriker glauben, dass die Barcodes auf Waren negative Energien abgeben, die Menschen krank machen. Und dann gibt es noch „Chemtrails“, die von der US-Regierung, UNO, NATO und anderen bösen Mächten eingesetzt würden, um der Erderwärmung entgegenzuwirken. Mit der Nebenwirkung, dass Millionen Menschen vergiftet werden. Man sieht sie als Kondensstreifen am Himmel hinter Flugzeugen.

Natürlich ist all das Mumpitz. Aber viele Menschen glauben daran, besonders heute, wo das Internet ermöglicht, die wildesten Behauptungen zu verbreiten. Harmlos sind solche Spinnereien nicht. Spätestens, wenn Fanatiker Flugzeugpiloten mit Laserpointern angreifen, um „etwas gegen Chemtrails zu tun“. Die Konjunktur der Verschwörungstheorien, sagt Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), bereiteten Kopfzerbrechen, weil sie die komplizierte Welt scheinbar mühelos erklären. Man wolle gegen das „süße aber gefährliche Gift“ ein Gegengift anbieten: Aufklärung. Das LWL-Landesmuseum für Klosterkultur in Dalheim unternimmt den Versuch mit der Ausstellung „Verschwörungstheorien – früher und heute“.

In der großen Themenschau mit 250 Exponaten begegnet man Klimaleugnern und Impfskeptikern. Man findet einen Abschnitt, in dem der Theorie nachgegangen wird, dass die Mondlandung gar nicht wirklich stattgefunden hat, sondern in einem Filmstudio inszeniert wurde. Vor allem greift die Ausstellung tief in die Geschichte, zurück zu den ganz und gar nicht putzigen Anfängen der Verschwörungstheorien.

Die Schau setzt im Mittelalter ein, als der französische König Philipp IV. dem mächtigen Templerorden von 1307 bis 1314 den Prozess machte. 88 Punkte umfasst Anklageschrift auf Pergament. Von satanistischen Ritualen bis Sodomie reichten die Vorwürfe, die sich auf Aussagen fragwürdiger Zeugen stützten. Philipp profitierte von der Zerschlagung des Ordens, dessen Güter beschlagnahmt wurden und bei dem der König hoch verschuldet war.

Ausführlich widmet sich die Schau der Hexenverfolgung durch die Kirche, der vom 16. bis 17. Jahrhundert rund 50 000 Menschen zum Opfer fielen. Hans Baldung Grien setzte in seinem Holzschnitt (1510) die Fantasien nackter, Unheil stiftender Hexen ins Bild. Schriften wie Ulrich Tenglers „Neü Layenspiegel“ (1511), eine Beinschraube und das Folterhemd der Anna Kramerin machen den Wahn anschaulich.

Die Verschwörungstheorien wurden oft benutzt, manchmal zur Bereicherung. Man brauchte Sündenböcke für Unwetter oder Seuchen, man wollte seine Macht sichern. Bis in die jüngste Vergangenheit wurden die Gerüchte von den Herrschenden eingesetzt. Eine der wirkmächtigsten Verschwörungstheorien wurde durch die „Protokolle der Weisen von Zion“ befeuert. Der erfundene Text belegt angeblich, wie die Juden die Weltherrschaft ergreifen wollen. International verbreitet wurde das Machwerk durch den russischen Schriftsteller Sergej Nilus. In Dalheim ist erstmals sein Handexemplar von 1917 ausgestellt, mit eingeklebten Zetteln und Zeitungsausschnitten. Hitler erwähnt sie in „Mein Kampf“ und in Reden. Goebbels zweifelte an der Echtheit, was die Nationalsozialisten nicht hinderte, die Motive der jüdischen Weltverschwörung als Propagandawaffe zu verwenden. Auch der US-Industrielle Henry Ford ließ die Protokolle drucken. Bis in die Gegenwart werden sie verbreitet, unter anderem von der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Schon im Mittelalter war Antisemitismus verbreitet. 1338 gab es Missernten in Deggendorf. Die verschuldeten Bürger brachten Gerüchte in Umlauf, dass die Juden Hostien geschändet hätten. Mit Erfolg: Die Juden wurden ermordet.

Auch andere beherrschten dieses Spiel: Im Kalten Krieg wurde im Westen vor der kommunistischen Bedrohung gewarnt. Ein Wahlplakat der CDU zeigt 1953 die „rote Gefahr“ mit dem Motto: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“. In der DDR wiederum wurde nach einer Kartoffelkäferplage, die die Ernte gefährdete, verbreitet, dass Flugzeuge aus dem Westen die „Ami-Käfer“ abgeworfen hätten.

Die Ausstellung versucht, gerade den modernen Verschwörungstheorien Fakten entgegenzusetzen. So ist ein Aufzugmotor aus dem World Trade Center zu sehen. Verschwörungstheoretiker bestreiten, dass es am 11. September 2001 einen Terroranschlag in New York gegeben hat, und behaupten, das sei eine Inszenierung der US-Regierung oder auch des jüdischen Geheimdienstes Mossad. Klar ist Museumsdirektor Ingo Grabowsky aber auch, dass man Verschwörungstheorien nicht entkräften kann. Deren Anhänger deuten auch eindeutige Fakten als Beleg dafür, wie besonders raffiniert die Verschwörung ausgeführt sei. „Wir richten uns an Leute“, sagt Grabowsky, „die noch offen sind für Argumente.“

Zur Eröffnung am Freitag, 17 Uhr, spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Bis 22.3.2020, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05292 / 93 190,

www.stiftung-kloster-dalheim.lwl.org

Katalog, Ardey Verlag, Münster, 29,80 Euro

Gruppen können zur Ausstellung auch einen Escape Room buchen, in dem man den Schatz der Tempelritter finden muss.

Quelle: wa.de

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