Das Archäologiemuseum in Herne zeigt „Irrtümer & Fälschungen“

Auf die angebliche Tiara des Saitaphernes fiel der Louvre 1896 herein. Jetzt ist die kostbare Fälschung aus Gold im LWL-Museum für Archäologie in Herne zu sehen. - Fotos: Stiftel

HERNE - Ein Kunststück ist der Goldhelm allemal. Große Meisterschaft hat der Künstler darauf verwandt, Szenen aus der Ilias ins Bild zu setzen. Das Metall wurde getrieben, ziseliert und ist oben mit einem Blumendekor aus durchbrochenen Metallstreifen verziert. Angeblich fanden Bauern das fürstliche Stück aus vorchristlicher Zeit am Schwarzen Meer. Da konnte selbst die Direktion des Pariser Louvre nicht widerstehen. 1896 kaufte sie die angeblich Tiara des skythischen Königs Saitaphernes und weitere Objekte für 200 000 Francs.

Das Museum war aber einem dreisten Betrug aufgesessen, wie sich sieben Jahre später herausstellte. Ausgerechnet ein deutscher Archäologe, Adolf Furtwängler, zweifelte an der Krone, weil darin verschiedene Stile kombiniert waren. Dann fand sich ein Goldschmied aus Odessa, der der wahre Schöpfer des Objekts war, wie er mit Arbeitsproben bewies. Die Blamage war perfekt.

Der Louvre hat die Tiara aus seiner Sammlung entfernt. Aber er hat sie behalten und nun ans LWL-Museum für Archäologie in Herne ausgeliehen. Das zeigt das Stück in der Ausstellung „Irrtümer & Fälschungen“. Normalerweise bemühen Museen sich, echte Objekte auszustellen. Aber der Landschaftsverband Westfalen-Lippe widmet nun gleich mehrere Präsentationen der Fälschung. Herne macht den Anfang.

Barbara Rüschoff-Parzinger, Kulturdezernentin des LWL und früher Direktorin des Archäologie-Museums, erinnert sich an einen Fall ihrer Karriere, der ebenfalls thematisiert wird. Da ging es um einen Schädel aus Paderborn, der angeblich vom „ältesten Westfalen“ stammte. Das Gutachten eines Frankfurter Anthropologen auf der Grundlage einer C14-Labor-Analyse ergab als Alter mehr als 27 000 Jahre. Doch schon zuvor hatten Sensationsfunde des Frankfurter Labors Verdacht geweckt. Eine Nachprüfung ergab als wahres Alter rund 250 Jahre.

Die Ausstellung in Herne stellt systematisch Formen der Fälschung vor. Der schiere Betrug wie bei der Tiara ist ja nicht das einzige Motiv, unterstreicht Museumsdirektor Josef Mühlenbrock. Manchmal haben sich Forscher früherer Zeiten einfach nur geirrt. So war es beim Einhorn, jenem Fabeltier, das bis heute durch unseren Alltag geistert, obwohl nie eins gelebt hat. Vermutlich kamen im Mittelalter die Stoßzähne von Narwalen nach Europa, wo die Menschen glaubten, es müsse sich um die Stirnwaffe eines Tiers handeln. Ein Bilderkissen aus dem 15. Jahrhundert zeigt eine beliebte Darstellung jener Zeit, die Jungfrau mit dem Einhorn. In späteren Jahrhunderten suchte man nach Beweisen, und tatsächlich fand man 1663 ein „Einhornskelett“ in einer Höhle bei Quedlinburg, das mehrfach gezeichnet wurde. Das „gegrabene Einhorn“ allerdings muss schwer gehbehindert gewesen sein, hatte es doch nur zwei behufte Vorderläufe. Tatsächlich hatten die Gräber Knochen verschiedener Tiere aus einer Höhle zu einem Puzzle montiert. In Herne ist ein modernes Modell des „Einhorns“ zu sehen.

Rund 200 Objekte bietet die Schau, die in Kooperation mit dem Roemer-und-Pelizaeus-Museum Hildesheim entstand. Nicht immer handelten Fälscher mit krimineller Energie. Die Gründungsurkunde des Paderborner Klosters Abdinghof zum Beispiel wurde mehr als 100 Jahre nach der tatsächlichen Gründung 1031 geschrieben. Aber der Inhalt des Dokuments, unter anderem das Recht auf die freie Abtwahl, entsprach weitgehend den Tatsachen. Wahrscheinlich sollte die Fälschung das Kloster absichern, zum Beispiel bei Verlust des Originals. Die gefälschte Urkunde ist gleichwohl ein wertvolles historisches Dokument aus dem 12. Jahrhundert, das als Leihgabe aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg nach Herne kommt.

Aber auch von echten Kriminellen erzählt die Schau. So wurden in der Honert-Höhle in Balve 1925 die Reste einer Falschmünzerwerkstatt aus den 1730er Jahren entdeckt. Die damaligen Gangster ersetzten das Kupfer der echten Drei-Pfennig-Münzen aus Hamm und Soest durch minderwertige Gelbbronze. Originale und Fälschungen sind in der Schau zu sehen. Der Maurermeister Johann Michael Kaufmann trickste im 19. Jahrhundert mit allen Finessen, um seine Fälschungen römischer Altertümer an den Mann zu bringen. Er vergrub seine nach originalen Motiven gefertigten Tonskulpturen sogar, um sie anschließend bei Ausgrabungen unter neutraler Beobachtung zu „finden“. Entlarvt wurde er, weil er zu wenig von den Originalen verstand und auch kein Latein beherrschte, so dass er aus einem Riesen in einer Skulpturengruppe eine Riesin machte und auffällige Schreibfehler beging.

Aber auch einem hoch geehrten Forscher wie Heinrich Schliemann unterliefen Irrtümer. Gewiss fand er wertvolle griechische Altertümer bei seinen Grabungen im Nordwesten der heutigen Türkei. Aber das Gold von Troja, das er als „Schatz des Priamos“ bezeichnete, hat nichts mit Homers Epos um den antiken Krieg zu tun. Schliemann nahm den Text wie ein historisches Dokument, nicht als literarische Erzählung, und so unterliefen ihm Fehldatierungen und falsche Interpretationen. In Herne ist eine silberne Vase aus dem Originalschatz ausgestellt, neben Kopien der Goldobjekte, die heute als Kriegsbeute in Russland liegen. Und auch die Gegenwart ist vor Täuschern nicht gefeit: Den Abschluss der Schau bildet eins der gefälschten „Hitler-Tagebücher“, mit denen der Stern 1983 die deutsche Geschichte neu deuten wollte.

Das Wissen über die ferne Vergangenheit ist höchst unsicher. Das zeigt auch ein Buch des US-Autors David Macauly, das sozusagen als Vorwort zur eigentlichen Ausstellung dient. Im „Motel der Mysterien“ erzählt er von einem Archäologen, der im Jahr 4022 ein vergrabenes Motel findet und die dortigen Ausstattungsobjekte eines Motelzimmers als Kultobjekte missdeutet. Dabei wird aus der Klobrille ein „heiliges Collier“ und aus der Toilettenschüssel die „heilige Urne“.

Bis 9.9., di – fr 9 – 17, do bis 19, sa, so 11 - 18 Uhr,

Tel. 02323 / 946 280, www. irrtuemer-ausstellung.lwl.org,

Katalog, 29,90 Euro, David Macauly: Motel der Mysterien, 19,90 Euro, beide Verlag Nünnerich-Asmus, Mainz

Quelle: wa.de

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