Andris Nelsons dirigiert im Konzerthaus

Von Edda Breski -  DORTMUND Gelegentlich ist Andris Nelsons auch Tänzer. Seine Arme gleiten und drehen sich über den Köpfen des Orchesters wie die einer Ballerina, oder sie flattern über die Streicher hinweg zu den Bläsern, als sei der untersetzte Lette ein hüpfender, springender Zaubermeister.

Im Konzerthaus Dortmund trafen am Samstag die Begeisterungsfähigkeit und Klangfreude Nelsons auf den luxuriösen Klang des Concertgebouw-Orchesters aus Amsterdam. Reine Ohrenschmeichler waren aber nicht zu hören, sondern das Programm – Debussy, Britten, Rachmaninow – zeigte, wie Nelsons einen schönen Klang durch strenge Rhythmik und feine Nuancierung zähmt.

Benjamin Brittens „Les illuminations“ entstanden im Exil. Der Pazifist Britten hatte Europa hinter sich gelassen und verarbeitete in den USA Kriegsschock und Verwirrung. Für das 1940 uraufgeführte Werk griff er auf fiebrige, rauschgetränkte Verse von Arthur Rimbaud zurück. Die Musik setzt die fieberhaft-illusionäre Stimmung der Verse in Melodien und Melodiefragmente um, die wie Gischt aufeinander einstürmen. Der Brite Ian Bostridge ist einer der profiliertesten Britten-Sänger. In den „Illuminations“ klingt er, auch durch sein helles, kühles Timbre, distanziert; zugleich destilliert er durch kluge Nuancierung aus dem Text einen raschen Wechsel von Empfindungen heraus. Das b in „Phrase“ schwebt erdenfern über dem Geschehen. Die wiederholte „Parade“, ein Zweizeiler, der – als persönliches Bekenntnis oder als Wahnidee – wiederkehrt, schärft er zu, bis er in der letzten Wiederholung ein einziges Mal forciert und einen Hochmuts- und Wahnklang erzeugt. Eine dichte, berührende Leistung, trotz einer Erkältung, die Bostridge offenbar plagte: Einige Male entwischte ihm die Kontrolle über Töne. Das Orchester bettete ihn in einen rauschhaften, dabei fokussierten Klang. Die Gischt der Stimmungen war nicht impressionistisch verschleiert, sondern klar und kalt; der Klang hatte scharfe Kanten, als seien im Rausch immer die Brüche und Abstürze mitgedacht.

Vorangestellt waren die „Six épigraphes antiques“ von Claude Debussy in der Orchesterfassung von Rudolf Escher, Miniaturen voller Orientalismen. Eine „Ägypterin“ wagt sich mit Flöten, Harfen und Zimbeln heraus und legt einen sinnlichen Tanz hin, eine „Schlangentänzerin“ bewegt sich mit plötzlich aufkommender Macht. Die Bläser waren in Dortmund vorn gruppiert, die Streicher hinter ihnen betteten Flöten, Oboen und Klarinetten in sinnlich-raue Farben. Auch dieser Klang hatte, bei aller Opulenz, Bruchkanten, das Flittergold war manchmal nur dünn aufgetragen.

Der 35-jährige Nelsons hat, seit er vor vier Jahren die Region verlassen und die Leitung der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford gegen den Chefposten in Birmingham eingetauscht hat, sein Talent als Klangmagier noch vertieft und stellt es zunehmend in den Dienst einer dichten Regie. Zu hören war das vor allem in Rachmaninows Sinfonischen Tänzen. Die Reibungsenergie der Rachmaninowschen Einfälle und Zitate band er durch strenge Rhythmik.

Der archaische, auf Strawinsky verweisende Rhythmus im ersten Tanz begehrte so ständig gegen Kontrolle auf. Im zweiten Tanz verortete Nelsons den aufrauschenden Walzer zwischen zärtlicher Ironie und Bitterkeit. Der luxuriöse, dabei flexible Klang der Amsterdamer fächerte sich auf. Der Walzer drehte sich in einen Schwindel hin-ein. Auch der dritte Tanz bezieht seine Spannung aus kontrollierter Rhythmik. Das Walzerthema schwamm sich daraus frei. Zunächst von Melancholie beschwert, riss es sich los und verdichtete sich bis zur Beklemmung. Nelsons, der Klangmagier, war am Werk.

Quelle: wa.de

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