Amanda Lasker-Berlin debütiert mit dem Roman „Elijas Lied“

Amanda Lasker-BerlinSchriftstellerin und DramatikerinFoto: michael matthey

Die drei Schwestern starten ihre Tagestour von einer Herberge aus. Sie wollen durchs Moor laufen, auf eine Felsenschanze zu, wo eine Kapelle steht, und dann bis hinauf zum Berggipfel steigen. Eine Herausforderung. Amanda Lasker-Berlin geht es in ihrem Debütroman aber nicht um ein Wandererlebnis. Sie beschreibt vielmehr eine gemeinsame Anstrengung. Die Differenzen zwischen den Schwestern werden aber nicht kaschiert oder lösen sich im gemeinsamen Naturerlebnis auf. Amanda Lasker-Berlin tastet sich vor allem mit präzisen Beschreibungen an drei ganz unterschiedliche Menschenfiguren heran. Die 1994 in Essen geborene Autorin überrascht mit „Elijas Lied“ und überzeugt.

Lasker-Berlin studiert Theaterregie in Ludwigsburg und hat mit 18 Jahren bereits ein Theaterstück geschrieben. Nun tritt sie als Schriftstellerin in Erscheinung. „Elijas Lied“ war für den Debütpreis bei der Lit.Cologne nominiert. Sie hätte ihn verdient gehabt. Aber die Corona-Krise verhinderte eine Entscheidung in Köln.

Der Titel des Buches nennt bereits eine der Schwestern: Elija. Sie hat sich mit Noa und Loth zu dem Ausflug verabredet. Früher haben die drei zusammen mit ihren Eltern den Aufstieg erlebt. Mittlerweile sind die Frauen zwischen 29 und 38 Jahre alt. Jede ist noch auf der Suche zu sich selbst.

Lasker-Berlin stellt die Schwestern vor, in dem sie die inneren Monologe formuliert. Die drei sind dabei weit weg vom gemeinsamen Wanderpfad. Elija, die älteste, hat den Gendefekt Trisomie 21, das Down-Syndrom. Sie braucht immer wieder Hilfe auf der Tour. In ihrem Alltag spielt sie Theater in Berlin und wird von einer Regisseurin gefördert. Elija verkörpert auf der Bühne eine Hagar-Figur. In der Bibel bringt die Sklavin Hagar ihrem Herren Abraham einen Sohn zur Welt, Ismael. Für Elija ist vor allem die Geburt ein wichtiges Thema. Immer wieder wird im Roman angedeutet, dass Elija schwanger war, sie nicht zur Schule ging. Auch ein gewisser Gerd wird erwähnt, ohne weitere Erklärung. Wie es zur Schwangerschaft kam, ob ein Abbruch erfolgte und Elija ein Kind verloren hat, bleibt im Assoziativen. Lasker-Berlin zeichnet Konturen ihrer Figuren, aber malt deren Geschichte nicht deutlich aus.

Loth, die jüngste Schwester, ist ein körperbetonter Typ. Viermal am Tag macht sie Sport. In ihren Erinnerungen tauchen Begriffe wie „Heimatschützer“ und „Gutmenschen“ auf. Videos von Loth sind schon „gesperrt“ worden, ist zu lesen, „wenn das der Verfassungsschutz wüsste“. Loth zählt, nachdem sie Soziale Arbeit in Leipzig studiert hatte, zur rechten Szene von Halle. Sie denkt, „den Behinderten bleibt nichts außer Gott“ und bei öffentlichen Aktionen brüllt sie: „Das ertragt ihr nicht, ihr Linken.“ Weshalb Loth so radikal und inhuman geworden ist, bleibt im Roman unbeantwortet. Was wird mit dem Nazi Hanno, der sie angemacht hat, was machen die Sport- und Hunger-Ekzesse mit Loth? Magersucht?

Amanda Lasker-Berlin arbeitet mit Auslassungen, macht Andeutungen und beschreibt Lebensszenen. Sie entwirft einen Tag im Leben dreier Menschen, der nicht alles transportiert, was die Schwestern ausmacht. Ihre Geschichte erhält dadurch etwas Unvorhersehbares. Sie analysiert nicht, weshalb die Eltern der drei Schwestern Noa und Loth vernachlässigt haben, während Elija mit ihrem Handicap unterstützt wurde.

Noa arbeitet in Hamburg in einer Kantine. Sie ist mit Akim zusammen und prostituiert sich für Schwerstbehinderte in Pflegeheimen. Das Gesundheitsamt ist involviert. Lasker-Berlin beschreibt dann diese intime Wirklichkeit. Es gibt behutsame Einblicke in eine Tabuzone, Stimmungen klingen dabei würdevoll an, auch das Abseitige solcher Handlungen wird mit bedacht. Lasker-Berlin öffnet Erfahrungsräume.

Der Roman ist für die junge Autorin kein Genre, das eine feste Ordnung braucht, das Lebensläufe plausibel macht. Wenn sie ihre Figuren monologisieren lässt, hat das eine dokumentierende Qualität, die packender ist, als die reflektierte Gegenwart einer Wandererfahrung. Der Weg ist hier nicht das Ziel. Es geht um eine literarische Form, die den Besonderheiten der Figuren nahe kommt. Dabei ist es erstaunlich, wie souverän Lasker-Berlin mit der Erwartung spielt, dass sich die Schwestern schon irgendwie zusammenraufen.

Die junge Schriftstellerin überzeugt mit ihren brüchigen Figuren-Porträts, die am Ende zu einem Drama führen, dass sie in einer geisterhaften Landschaft geschehen lässt und mit einer Kraft erzählt, die irgendwie tröstet. Es geschieht einfach.

Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt. 253 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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