Abraham David Christian im Museum Bochum: „Erde“

„Selbst“ nennt Abraham David Christian seine minimalistischen Skulptur-Blöcke, die der Künstler 1978 aus Erde geformt hat. Zu sehen sind die naturnahen Werke im Museum Bochum. Foto): Lettmann

Bochum – Diese mächtigen Quader sind aus Erde. Rauh, braun, massig und gestapelt, bilden sie im Museum Bochum kantige Urformen. Abraham David Christian hat Erde in Kisten gegeben und das Naturmaterial trocknen lassen. 1978 nannte er seine 32-teilige Skulptur „Selbst“. Sie bildet das Kraftzentrum der Ausstellung „Erde“. Es ist ein kostbarer Rohstoff für ihn. Erde ist ein Bestandteil unseres Lebens, weiß Christian. Dabei erfährt dieses Material noch immer eine mindere Wertschätzung. So als wäre es immer da, wie Dreck.

Mittlerweile wird verstanden, dass Erde und Sand ein wichtiges Gut sind, für unsere Vegetation, für den Haus- und Straßenbau. Es gibt Regionen auf der Welt, da wird der Bausand knapp. Auch vor diesem Hintergrund ist die Ausstellung in Bochum sehr aktuell. In der Schau „Abraham David Christian. Erde“ geht es um unser Verhältnis zur Natur.

Bereits Anfang der 70er Jahre hat sich Abraham David Christian so kompromisslos und fordernd mit Erde und Natur auseinandergesetzt. Christian, der 1972 von Harald Szeemann zur 5. documenta eingeladen wurde, ist auf Fotografien in Bochum zu sehen, die erstaunen. „Erderfahrung“ (1973) sind fünf Schwarzweißfotos, die Christian in einem Erdloch zeigen. Er liegt mit angezogenen Beinen da und streckt langsam eine Hand zur Öffnung. Er rückt heran, trockenes Gras haftet an seinem Kopf, Sand klebt an seinem Körper, und er schiebt sich zum Tageslicht, ohne aufzuschauen, ohne das Loch zu verlassen. Er hat sein Gesicht abgewandt, er ist der Welt abhanden gekommen. Nichts dokumentiert seine Verbundenheit mit der Natur und seinen Willen, Erde zu erproben, stärker. Andere Fotografien aus den 70er Jahren zeigen, wie er nachdenklich am Rande eines Erdhügels steht oder wie er sich über den nackten Boden bewegt und wälzt, um ihn zu spüren, zu erleben.

Abraham David Christian war mit seiner extremen Haltung ein Künstler ganz in seiner Zeit. Seine Aktionen wurden fotografisch dokumentiert und vermittelt. Zu Performances, Happenings und Videokunst passten auch Christians Naturtrips. Er nutzte visuelle Ausdrucksformen. Und Christian arbeitete minimalistisch. Skulpturale Objekte wie „Selbst“ wurden mithilfe einfacher Strategien umgesetzt: gleiche Formgröße, seriell gearbeitet, gestapelt und gefügt. Für Christian war die „Erdskulptur“ ganz flach. In Bochum sind vier Varianten nebeneinander zu sehen. Während sich aus einer Erdschicht Formen herausdrücken, die an archäologische Funde oder Überbleibsel menschlicher Aktivitäten erinnern, sind andere einfach glattgestrichene Erde, die ein minimalistisches Materialbild aus Sand, Steinchen und Löchern abgeben. „Widerstände“ (1976) nennt er neun Quader aus Sand, die in Dreier-Reihen gelegt sind. Während andere Künstler mit Metallen und Steinen geometrische Grundelemente kantenscharf gebildet haben, demonstriert Christian, dass reine Erde vom Menschen geformt nicht zur Perfektion neigt. Die „Erdskulptur“ von 1974 ist ein langes Vierkant-Stück mit eingesunkenen Ecken und Kanten.

Auf der documenta 1972 lieferte sich der 19-jährige Christian, damals Kasseler Kunststudent, ein Wortgefecht mit Joseph Beuys. Es folgte der „Boxkampf für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ im Fridericianum, den er gegen Beuys nach Punkten verlor. Sprache war für Beuys (1921–1986) die erste Form von Plastik. Er blieb der Meister.

Die 6. documenta sagte Christian ab und entschied sich für eine radikale Kunstauffassung, trat in der Öffentlichkeit nicht mehr auf, verbot der Presse sein Porträtbild zu publizieren und zeigte sich als Gegenentwurf zum Künstlerstar. Zwar nahm der gebürtige Düsseldorfer an der 8. documenta 1982 teil, zog sich aber danach auf Jahre zurück.

Die Bochumer Ausstellung legt den Schwerpunkt auf die Frühzeit des Minimalisten. Abraham David Christian wollte immer den Menschen ins Zentrum stellen, das heißt, er machte „Kunst für sich als Angebot an andere Menschen“ – eine Selbsterfahrung. In Bochum sind noch Zeichnungen zu sehen, die endlose Formen als Symbole des Universalen zeigen. Für Christian ist die ständige Wiederkehr ein Lebens- und Glaubensprinzip. Seine Papierarbeiten sind feine dreidimensionale Spiralgebilde. Alles ist mit allem verbunden – eine Geistes- und Weltanschauung des Künstlers.

In Bochum sind drei Vitrinen mit ostasiatischen Figuren aus Christians eigener Sammlung zu sehen. Die ursprünglichen und rundlichen Formen gehen auf die symbolische Stupa-Gestalt des Buddhismus zurück. Der Künstler lebt zeitweise im japanischen Hayama, in Düsseldorf und New York.

Bis 4. 10.; di-so 10 bis 17 Uhr; Katalog in Vorbereitung; Tel. 0234 / 910 4230; www. kunstmuseumbochum.de

Quelle: wa.de

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